28.8.2004
Jim Carrey - bezaubernd statt nervig
Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie einfach man scheinbar unlöschbare Klischees hinter sich lassen kann. Da nervte einer wie Jim Carrey als „Mask“ oder „Ace Ventura“, dass man schier zu Anschlägen gegen die betreffenden Kinosäle verleitet wurde. Und dann gibt es tatsächlich Regisseure wie Peter Weir („Truman Show“) oder Milos Forman („Man on the Moon“), die der Nervensäge mehr als Grimassen zutrauen – wenn auch das Resultat betreffs schauspielerischer Leistung von Carrey in diesen beiden Fällen noch immer nicht ganz überzeugend war.
Und jetzt also Jim Carrey als verklemmter Single Joel, der sich in Clementine (Kate Winslet) verliebt, nach einem Streit einer Art Gehirnwäsche des Vergessens unterzogen wird – am Ende aber einem Happyend mit der Frau seines Herzens entgegensieht. „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ heisst der Film, dessen Inhalt nicht sehr einfach wiederzugeben ist. Es ist eine Reise durchs Hirn von Joel und Clementine. Die erste halbe Stunde ist atemberaubend schön, mitreissend und romantisch; danach verliert der Film ein wenig an Struktur, weil er sich zusehends zu verzetteln scheint; doch alles wird in der zweiten Hälfte durch überraschende Finten und Retuschen wieder auf starke Bahnen gelenkt.
Das Drehbuch stammt von Charlie Kaufmann, der seit „Being John Malkovich“ und „Adaptation“ (zurecht) als Wunderkind in Hollywood gilt, hat erneut eine überzeugende, weil originelle und mutige Vorlage geschaffen. Regisseur Michel Gondry kann seine Vergangenheit auf dem Videosektor (u.a. Björk) nicht leugnen, und das stört keineswegs.
Keine Ahnung, ob die Story von Eternal Sunshine tatsächlich bis ins letzte Detail aufgeht, dazu müsste man den Streifen wahrscheinlich (mindestens) ein zweites Mal sehen. Aber die 108 Minuten sind faszinierend, der Film lässt einen lange nicht los. Und er transportiert seine Botschaft(en) so geschickt, wie wir uns das von einem guten Film wünschen. Die Wichtigste lautet: Wenn Du verliebt bist, lass bloss keinen anderen in Dein Hirn, in Deine Gedanken. Das ist nicht neu, aber wie Carrey und Winslet uns das klarmachen, das ist schlicht bezaubernd.
Und Carrey hat endgültig gezeigt, dass er mehr kann als Grimassen schneiden. Gondry hat die Vorarbeit von Weir und Forman zum vorläufigen Ende geführt.
26.8.2004
Rural erfrischend
Jetzt, da die Saison vorbei ist, kann man es ja ausplaudern, ohne einen Geheimtipp zu verraten (als den es ein Klappe!-Leser bezeichnete). Mir zugetragen hat es vor ein paar Wochen meine elfjährige Nichte. Sie berichtete mir von einem ganz und gar beeindruckenden Kinobesuch. Sie sah sich
Shrek 2 an, doch das war nicht das besondere daran. Angetan hatte es ihr der Schauplatz des Kinovergnügens: Mitten auf dem Feld, beim Wald. Total cool, eine aufblasbare Leinwand, Plastikstühle, Tische und all so Zeugs. Und: Statt Tickets gibt’s einen Stempel aufs Handgelenk. Da musste was dran sein. Dem musste ich nachgehen.
Die Rede ist vom Openair Kino in Eglisau. Ein kurzer Blick ins
Programm offenbarte dem ignoranten Städter in mir gleich mal den ersten Vorzug gegenüber dem Zürihorn: Das Angebot an attraktiven, aktuellen, unterhaltsamen Filmen war schlichtweg besser.
Vorbildlich ist alleine schon, dass auf dem Land Tarantino’s zweigeteiltes Werk «Kill Bill» hier in voller Länge an einem Abend gezeigt wurde, statt wie am
Zürihorn auf verschiedene Wochen verteilt. Also nichts wie hin.
Besagte Kinonacht unter freiem Himmel wollte aber hart verdient sein, zumindest, was das Wetter angeht. Regen hatte sich schon den ganzen Abend angekündigt, um sich kurz nach Filmbeginn heftig, zum Glück aber nur kurz, über das versammelte, in Wolldecken gehüllte, unter Sonnenschirmen und ähnlichem Zuflucht suchende Publikum zu ergiessen. Die erwartete Massenflucht ins Trockene blieb aber aus, wer will sich denn die Laune von ein paar Tropfen verderben lassen? Höchstens verweichlichte Städter, als die wir uns nicht outen wollten. Unser Trotz gen die Niederschläge wurde denn auch umgehend mit einem nächtlichen Sternenhimmel belohnt (den man in der Stadt so ja nie sieht).
Ein kleiner Dämpfer: Just in dem Moment, als ich meiner Begleitung ganz erfreut mitteilen wollte, hier sei man vor Freitagtaschen sicher, da erblickte ich eine. Doch die Laune liessen wir uns davon nicht verderben. In den Pausen (von denen es leider etwas zu viele und zu lange gab) wärmten wir uns in der Scheune auf - eine erfrischend Thai-Curry- und Prosecco-freie Zone (das ist als Kompliment gemeint), dafür gab’s Bratwurst und – anstelle danach benannter Promis – echte Servalats. Der anfänglich etwas abstossende Silo-Geruch, der über der ganzen Filmnacht hing, war rasch vergessen.
Mein Fazit: Rurales Kino kann sich sehen lassen. Zum Glück ist Eglisau zudem weit genug weg vom urbanen Züri, dass es sich seinen Charme bewahren wird.
23.8.2004
Alexander darf, was Achilles verwehrt blieb
Haben Sie "Troy" gesehen? Hand aufs Herz: Angenommen Achilles (Brad Pitt) wäre in seiner ersten Szene nicht mit zwei nackten Frauen sondern mit einer Frau und einem Mann im Bett gelegen, hätte Sie das beunruhigt, schockiert, aus der Bahn geworfen? Hätten Sie vom Kino Ihr Geld zurückverlangt und Ihre Freunde gewarnt: "Geht nicht in diesen Film!"? Und angenommen der aparte Jüngling Patroklos (Garrett Hedlund) wäre nicht Achilles' Cousin sondern sein Liebhaber gewesen - hätte das nicht die heftige Reaktion des (fast) unbesiegbaren Helden auf Patroklos' Tod wesentlich plausibler gemacht? Aber nein, das durfte wohl nicht sein. Auch wenn man ja weiss, dass die alten Griechen es nicht so eng sahen, ob ein Mann mit einer Frau oder einem Mann ins Bett steigt. Und so ist es denn auch mit Achilles in Homers Ilias. Heutzutage müsste man ihn wohl als bisexuell bezeichnen. Und Patroklos war sein bester Freund. In jeder Hinsicht.
Nun ist "Troy" laut Nachspann auch nur "inspired by" und nicht "based on" Ilias, und schliesslich hat Regisseur Wolfgang Petersen ja auch die Götter mir nichts dir nichts rausgekippt. Dennoch wird man den Verdacht nicht los, dass er oder die Damen und Herren von Warner Bros. da einfach ein heikles Thema umschiffen wollten. Der Held eines Blockbuster-Hollywood-Mainstreamfilms macht mit Männern rum?! Brad Pitt macht mit Männern rum?!! Unthinkable! Dazu passt auch die auf dem Internet kursierende Geschichte, dass Brad Pitt die Rolle eines anderen besten Freundes in Oliver Stones "Alexander" abgelehnt hat - angeblich weil seine Frau Jennifer Aniston intervenierte. Den Hephaestion, Alexanders Jugendfreund, Kampfgefährten und Liebhaber, spielt nun Jared Leto ("Fight Club", "American Psycho").
Tatsächlich kursiert ebenfalls auf dem Internet ein Interview mit Alexander-Darsteller Colin Farrell, der versichert, dass die Bisexualität des erfolgreichen Eroberers im Film thematisiert wird. Gar einen Kuss soll es geben, liest man an anderer Stelle. Oliver Stone traut sich offenbar mehr als Wolfgang Petersen (denn auch in diesem Fall heisst das Studio Warner Bros.). Dennoch bin ich bereit, um eine "Troy"-DVD zu wetten, dass wir von der intimen Beziehung zwischen Alexander und Roxane (Rosario Dawson) deutlich mehr zu sehen kriegen werden als von der zwischen Alexander und Hephaestion. Hält jemand dagegen?

Brad Pitt und Garrett Hedlund trainieren auf dem Set - aber nur fürs Kämpfen.
Übrigens, "Troy" kommt bei uns voraussichtlich im September oder Oktober auf DVD raus; "Alexander" startet in der Deutschschweiz am 18. November.
www.alexander-the-great.co.uk18.8.2004
Hysteriker meiner Wahl
|
Von
Benedikt Eppenberger
um 17:03 |
[
DVD
]
|
Ich hab ihn gesehen. Ich hab Bud Spencer gesehen, den Held meiner jungen Jahre. In Locarno auf der Piazza Grande stand der Meister und sah nicht gerade frisch aus. Und als ich Bud da so stehen sah, musste ich plötzlich an Louis de Funès denken, ein anderes Idol meiner Jugend. Louis werde ich nie leibhaftig sehen, denn de Funès starb 1983.
Wenn er sich jetzt trotzdem wieder tobend und schreiend in Erinnerung ruft, dann, weil die Filme des französischen Komiker-Ass’ jetzt endlich auf DVD erschienen sind. In einer prächtigen Box kommen gleich vier Komödien von «der Bombe, die jeden Lachmuskel zum Explodieren bringt» (so die Werbung damals) wieder unter die Leute. Gar nicht auf Veredelung bedacht, werden die Filme ungeschönt mit ihren bekloppten deutschen Verleihtiteln auf den Markt geworfen: «Scharfe Kurven für Madame» (1966), «Oscar» (1967), «Alles tanzt nach meiner Pfeife» (1970) und ganz besonders «Onkel Paul, die grosse Pflaume» (1969).
«Onkel Paul» dürfte auch zu den Favoriten von Wolfgang Becker gehören, dessen «Good bye Lenin!» sich tüchtig beim Plot dieses de-Funès-Klassikers bediente. Klingt doch irgendwie bekannt: 1905 wird ein Franzose in Grönland schockgefroren. 65 Jahre später taut er wieder auf. Um den Mann nicht zu belasten, muss seine Familie (u.a. Louis de Funès!) rund um ihn ein groteskes Theater im Stil der Belle Epoque aufführen. Herzerwärmend doof und in der deutschen Synchronfassung fast noch besser als auf Französisch, welches natürlich bei allen vier dieser sorgfältig transferierten Filme (leider sonst ohne jede Specials) zugeschaltet werden kann.
Louis de Funès Collection – Box No. 2

15.8.2004
Hitzefrei für den Bundesrat!
Ja, geraten sie denn in Bern allmählich alle neben die Spur? Erst will der eine Bundesrat (Samuel Schmid) das Interview des Armeechefs Christophe Keckeis mit dem Magazin des Tages-Anzeigers verhindern oder zumindest ein paar Fragen und Antworten umschreiben. Wers gelesen hat, fragt sich bloss: Warum eigentlich?
Und dann legt der Kollege von Schmid nach, und das gleich mit dem Zweihänder. Pascal Couchepin fühlt sich durch ein Wortspiel in einem Schweizer Kinofilm beleidigt. Jööööö, wie furchtbar. Und weil Couchepin dem Bundesamt für Kultur vorsteht, will er sich so etwas nicht gefallen lassen. Also stellt er gleich die gesamte Filmförderung in Frage: Er will eine Untersuchung lancieren, um die Auswahlkriterien unter die Lupe zu nehmen.
Der bisherige Höhepunkt: Dem inkriminierten Film „Bienvenue en Suisse“ sei nicht nur das böse, böse Wortspiel vorzuwerfen, sagt Couchepin, nein: Dem Film mangele es generell an Qualität. Wollen wir doch mal sehen, denkt sich der Herr Bundesrat, ob wir die linke Kulturszene nicht auf den rechten Weg zwingen.
Ja, wie jetzt? Bestimmt jetzt der Bundesrat, was auf der Leinwand gut ist und was schlecht? Natürlich darf Couchepin eine Meinung haben. Wenn er mit Gattin oder Freunden im Kino hockt. Hinterher ein Gläschen Weisswein und munter abledern über den himmeltraurig schlechten Streifen oder zu Tränen gerührt ob der schönen Bilder und träfen Dialoge. Aber das ist der Privatmann Couchepin.
Der Bundesrat Couchepin soll sich aber doch bitte zurückhalten. Das hat nun nichts mit Couchepin persönlich zu tun. Auch ein Moritz Leuenberger oder ein Bundeskanzler Gerd Schröder sollten sich in solchen Dingen zurückhalten. Ich will nicht einmal von George W. Bush eine künstlerische Wertung der Werke von Michael Moore – eigentlich will ich gerade das nicht.
Wer sich als Entscheidungsträger in einem demokratischen System in künstlerischen Geschmacksfragen nicht zurückhält und stattdessen drohend mit der Finanzkeule schwingt, der macht sich verdächtig. Er vergisst auch, dass er eine öffentliche Person ist, die sich permanent der Wertung des Volkes stellt. Zum Volk gehören auch Dichter, Filmemacher, Maler. Man sollte sie machen lassen, wenn ihre Arbeit nicht gerade lebensbedrohend ist.
Und deshalb hier eine Forderung an die Schweizer Filmemacher und –macherinnen: Fortan muss zwingend in jedem Film ein Wortspiel über Bundesräte enthalten sein.
Aber natürlich ist diese Forderung Unsinn, und höchstens mit der starken Hitze zu erklären. Wie vielleicht auch Couchepins Effort, wie hoffentlich die Entschuldigungen (wofür und für wen?) der Kulturbeamten Marc Wehrlin und David Streiff. Also besser: Hitzefrei für alle!
12.8.2004
Noch 280 Tage
Ich weiss, ich weiss, nur noch 1 Tag bis zum Beginn der Olympischen Spiele. Mein Countdown-Zähler zielt jedoch auf ein ganz anderes Datum: am 19. Mai 2005 wird «Die Rache der Sith» Premiere feiern.
So tauft der gute alte Herr Lucas seinen jüngsten Star-Wars-Streifen. Nicht «Aufstieg des Imperiums» oder «Fall der Republik», nein: «Rache der Sith». Die anderen beiden Titel hätten zwar auch gepasst - und vor allem vielen Fans gefallen - doch daraus wird nix.
Wenn sie bis hierher gelesen haben, dann gehörnen Sie wohl zu jenen Leuten, die mit Star Wars etwas anfangen können, also erspare ich uns, lange zu erklären, wer oder was die Sith sind.
Vielmehr beschäftigt hier die Frage: Wie kann man als Star-Wars-Fan die kommenden 280 Tage des Wartens überbrücken?
Glücklicherweise (für ihn) hat Herr Lucas ja nicht nur vor 27 Jahren das erfolgreichste Fortsetzungs-Weltraummärchen aller Zeiten in die Welt gesetzt, sondern sich – und das war wohl damals sein genialster Schachzug – die Vermarktungsrechte auf sämtliche Merchandising-Produkte gesichert. Damit verdient er seither mindestens nochmals so viel, wie die Filme an der Kinokasse eingespielt haben. Die Brieftaschen unzähliger Fans stehen seither im Bann seines Traktorstrahls. Gönnen wir's ihm. Uns beschert seine Marketing-Maschinerie in den kommenden Monaten noch einige Zückerchen, welche die Wartezeit verkürzen:
Eine tägliche Gratisdosis Star Wars gibt’s in Form der neusten Infos auf
TheForce.Net, wo eingefleischte Jünger sämtliche Informationsschnipsel zum Thema sammeln und aufbereiten. Zudem werden hier auch weltbewegende Fragen wie «Passt dieser Titel zu den andern fünf Episoden?» oder «Wie viele Minuten soll Episode 3 dauern?» ausgiebig diskutiert. Die Hintergrundaufnahmen für Episode III des Planeten Alderaan (genau, da wo Leia herkommt und jener Planet, der vom Todesstern in Episode IV gesprengt wird) wurden übrigens in der Schweiz gedreht – auch das erfährt man hier.
Wer zur Quelle aller Infos gelangen will, der steuert natürlich
StarWars.Com an. Im kostenpflichtigen Teil der Website, genannt Hyperspace (19.95 USD pro Jahr) erwarten einem nebst faden Features wie einer Webcam, die die Dreharbeiten zeigt, auch echte Goodies wie 3D-Panoramen aus den Filmdekors, ein einigermassen informatives MakingOf und exklusive Fotos. Besonders empfehlenswert: Die als Trickfilm realisierte Episode Zweieinhalb: «Clone Wars» erzählt, was zwischen EII und EIII passiert.
Ein weiters wichtiges Datum ist der 20 September: Dann erscheint zum ersten Mal überhaupt die ursprüngliche Trilogie auf DVD. Zudem wird demnächst auch Lucas’ düsteres Frühwerk «THX 1138» (später wurde das heute in vielen Kinos anzutreffende Soundsystem danach benannt) als DVD aufgelegt, ebenso darf man mit einer Silberscheibe der «Clone Wars» rechnen.
Wem das alles noch nicht genügt (ich beglückwünsche an dieser Stelle alle, die bis hierher durchgehalten haben: ihr seid wahre Fans!), auf den warten noch eine ganze Reihe von Videospielen. Highlights dürften «Star Wars Battlefront» (erscheint im Herbst) und «Knights of the old republic 2» (erscheint im Winter) werden. Infos dazu gibt’s
hier.
Langweilig (oder billig) werdem die nächsten 280 Tage also kaum. Möge die Macht mit uns sein.
10.8.2004
Superheld Mux
Hat jemand "Muxmäuschenstill" noch nicht gesehen? Shame on you - ab ins Kino (Arthouse Movie)! Was dieser Film mit seiner zugegebenermassen selbstgerechten aber wunderbar kompromisslosen Hauptfigur Herr Mux tut, ist nämlich eine seltene Sache: Man kommt aus dem Kino und ins Grübeln, man kann gar nicht anders als das eben gesehene in Relation zur Realität setzen. Und mag dabei durchaus zum Schluss kommen: Der Mux hat Recht! Okay, er ist etwas heftig in seinen Mitteln, aber hey, im Kino darf man das.
Kurzer Einschub für jene, die den Film noch vor sich haben: Bei Herrn Mux handelt es sich um einen jungen Berliner, der die Nase voll hat von den kleinen und grösseren Regelübertretungen des Alltags, deren sich der heutige Mensch dauernd schuldig macht. Also nimmt er es in die Hand, die entsprechenden Übeltäter in flagranti zu erwischen, nach seinem Gutdünken zu bestrafen und sie pädagogisch abzumahnen. Bei "Wiederholungstätern" kann er auch unangenehm werden. Ein ertappter Raser muss ihm sofort 100 Euro zahlen und das Lenkrad seines Wagens abschrauben, das Mux umgehend konfisziert. Jugendliche Sprayer kriegen ihr eigenes Gesicht vollgesprüht. Kinderpornokonsumenten droht er mit öffentlicher Blossstellung. Richtigen Verbrechern (Räubern oder Vergewaltigern) hält er schon mal eine Pistole an den Kopf. Das alles mit dem pädagogischen Endziel, die Verluderung der Gesellschaft - perfekt illustriert durch den Müll, der aus deutschen Privatfernsehkanälen jeden Tag aufs Publikum losgelassen wird - zu stoppen und im Idealfall rückgängig zu machen. Leider ist der Herr Mux dabei gelegentlich etwas radikal - und weil er auch mit seinem Liebesleben nicht so richtig klar kommt, eskaliert der Film dann ein bisschen.
Auf der einen Seite ist Mux ein gnadenloser Saubermann (ein korrekter Deutscher wie er im Buche steht) und überhaupt nicht nur sympathisch. Auf der anderen Seite macht er auf einen wunden Punkt unserer laisser-faire-Gesellschaft aufmerksam, was durchaus zum Nachdenken anregt. Mux fragt, wo Anstand und Respekt geblieben sind und warum sich so viele Menschen täglich von Figuren wie Dieter Bohlen, Stefan Raab und Roland Koch (CDU-Populist und Ministerpräsident von Hessen) via TV und Illustrierten das Gehirn schrumpfen lassen. Eine Antwort gibt der Film uns nicht, auch kein Happy End. Aber er bleibt haften. Und man ertappt sich dabei zu denken, dass so ein Mux im realen Leben gar keine so schlechte Sache wäre. Allerdings vielleicht besser ohne Pistole.
08.8.2004
Im kühlen Gemüsekeller
Über die Vorzüge der „Ladykillers“ – und der Coen-Brüder
Die Hitze drückt, die Schwüle macht matt. Ach, wäre man doch in einem kühlen Keller oder nachts auf einer Brücke über dem Mississippi, der träge unten weg fliesst und eine leichte Brise nach oben weht...
...also nichts wie ab in „Ladykillers“. Mittags ist das Kino so angenehm kühl wie leer. Die Hitze muss draussen bleiben. Und wer noch gezögert hat, weil er sich fragte, ob denn das Remake eines dermassen genialen Klassikers nicht zwangsläufig in die Hose gehen muss, der vergisst diese Bedenken schnell und nachhaltig.
Aber ist ja klar. Was das Brüderpaar Joel und Ethan Coen anpackt, das passt. Es muss nicht immer ein Geniestreich wie „Fargo“, „Barton Fink“ oder „Blood Simple“ sein. Aber was auch klar ist: Unter ein gewisses Level sinken die kreativen Filmfreaks aus Minnesota nie ab. Im Gegenteil, sie erweisen mit feinem Gespür dem Original mit Alec Guinness geradezu liebevoll die Ehre. Behutsam bringen sie den Streifen aus dem Jahr 1955 in unsere Zeit und aus England in die USA: Die Leichen der seltsamen Geldräuber werden nicht per Zug entsorgt, sondern sie entschwinden per Müll-Schiffen auf dem grossen, ruhigen Fluss...
So erweisen sich die Coens einmal mehr als aufrechte und liebevolle Bewahrer des Guten und Schönen. Sie plündern die Genres nicht aus, an die sie sich wagen. Sie wissen, dass Filmemachen nie etwas Geschichtsloses ist. Eigentlich seien wir Zwerge, aber weil wir uns auf die Schultern von Riesen stellen können, würden wir dennoch weiter blicken als diese – so lautet die Zauberformel, die Wissenschaftler seit der frühen Neuzeit bemühen, um dieses Phänomen zu beschreiben.
Also verschafft das Remake von „Ladykillers“ nicht nur Abkühlung an heissen Tagen, es erheitert das Gemüt aufs Prächtigste. Und es zeigt, wie genial nervtötend Tom Hanks sein kann, wenn er absurd lacht, gestelzt mit den Fingern Anführungszeichen während seiner Rede macht. Der Film machte jedenfalls grosse Freude auf weitere Coen-Streifen. Zuhause wurde sofort der Video von „Big Lebowski“ eingelegt. Doch diesmal, dies sei gestanden, weniger aus Gründen der äusseren Abkühlung – diesmal ging es mehr darum, endlich wieder einen „White Russian“ einzusaugen.
05.8.2004
Die gute Botschaft aus Ghana
Wegschauen, unmöglich. Ich meine, wegschauen von jenen gemalten Plakaten, die, meist in entlegenen Landstrichen, mit grellen Farben und schreienden Sujets für die Attraktionen einer gottvergessenen Zirkusmanege werben. Gigantisches wird jenen versprochen, die sich in eine der Vorstellungen verirren sollten. Mit fetten Pinselstrichen aufs Plakat gekleistert, drohen die scharfen Zahnreihen von bengalischen Tigern, locken edle Hengste in Reih und Glied, verführen Artisten in glitzernder Unterwäsche und amüsieren Clowns mit rot umrandeten Mundpartien, so gross wie Suppenteller. Sitzt man dann tatsächlich in einer dieser so beworbenen Vorstellungen, schrumpft der versprochene Ballon schnell auf Erbsengrösse.
Es war einmal, da warben Filmplakate auf ähnliche Weise für den Besuch im Kino. Die gleichen saftigen Pinselstriche, derselbe stalinistische Hyper-Realismus in der Figurenzeichnung – und beim zahlenden Publikum später dann ähnliche Reaktionen: „Wasfürneverarschung!“ Heute ist das anders. Nicht besser, aber anders. Finde mal einen Menschen, der im Jahr 2004 auf Grund von Filmplakatwerbung mit übertriebenen Hoffnungen ins Kino gesessen wäre. Man wird keinen finden. Heute herrscht auf den Werbeflächen Transparenz. Alles ist wysiwyg – what you see is what you get – und das hat sich flächendeckend durchgesetzt. Überraschungslos, bieder, öd und immer irgendwie Brad Pitt. Man bekommt den Verdacht nicht los, dass die Plakate für alle grossen Hollywood-Kisten von ein und derselben langweiligen Person gestaltet werden.
Im Gegensatz zu unseren Breiten hat sich die schöne Kunst der Plakatverführung in afrikanischen Videotheken erhalten. In „Extreme Canvas“ – dem wahrscheinlich schönsten Filmbuch aller Zeiten – präsentiert der Autor und Galerist Ernie Wolfe Unikate, mit welchen in Ghana für Hollywood und Hongkong-Action-Knaller, Horror- und Fantasy-Streifen geworben wird. Zugegeben, auch Kinobetreiber im Nahen und fernen Osten, in Südamerika und anderen wysiwyg-fernen Orten greifen gern auf handgepinselte Plakate zurück. Allerdings überzeugen die Afrikaner mit ihrer rohen, die-Sache-auf-den-Punkt-bringenden-Weise weit mehr als die Maler des orientalen Zuckerbäcker-Genres. Deren Kitsch nützt sich schnell ab, während die afrikanischen Künstler ihre Vorlagen – die Originalplakate – einer "wilden" Lesart unterziehen und beim Malen schliesslich eine Tiefenwirkung erzielen, die jeden Konzeptkünstler vor Neid erblassen lassen müsste.
Die in „Extreme Canvas“ aufgeführten Beispiele stammen alle aus Westafrika. Hier bemalen die Auftragskünstler die Innenseiten von Mehlsäcken so, als müssten sie Altarwände mit effektvollen Bibelszenen vollpinseln. Ihre Unikate sind gemalte Versprechen, die die Gläubigen so effizient wie nur möglich in die Kirchen (sprich: Videotheken) ziehen sollen. In dieser Hinsicht arbeitet der ghanesische Plakatgestalter also nicht viel anders als im Spätmittelalter ein Grünewald oder Bosch. Tatsächlich eröffnet sich beim Betrachten dieser „guten Botschaft“ aus Ghana plötzlich jene religiöse Dimension, die auch unser Kino ja durchaus einmal hatte: „Rambo II“ so gut wie „Desperado“ oder „Hard to kill“.
Das haben auch einige Hollywood-Regisseure erkannt, die in „Extreme Canvas“ mit erhellenden Essays zu Wort kommen. Zum Teil sind es ihre eigenen Filme (jene von Walter Hill, Gus Van Sant oder John Milius beispielsweise), die sie, durch einen ghanesischen Plakatmaler arrangiert, neu entdecken können.
Komm und sieh!



**** Ernie Wolfe III: „Extreme Canvas – Hand-Painted Movie Posters from Ghana“. New York: Dilettante Press, 2000 *****
03.8.2004
Krallenlose Catwoman
Comic-Fans wissen Bescheid: Catwoman ist eine der vielen irren Bösewichter, die den armen Batman in Gotham City pausenlos in Atem halten. Eine Frau, so geschmeidig und gefährlich wie eine Katze, und ebenso verspielt. In der alten, comedy-haften Batman-TV-Serie aus den 60ern verkörperte Julie Newmar die Katzenfrau, die den beiden grundanständigen Helden Batman (Adam West) und Robin (Burt Ward) das Leben schwer machte. In der düsteren Tim-Burton-Verfilmung "Batman Returns" von 1992 übernahm Michelle Pfeiffer den Part. Und hier entstand wohl ursprünglich auch die Idee, einen eigenen Film rund um die Catwoman zu machen. Dass es dann satte 12 Jahre dauerte, bis dieser nun Mitte August in unsere Kinos kommt, lässt auf eine ziemliche Zangengeburt schliessen. Und das merkt man dem Film leider auch an.
Halle Berry spielt die Titelfigur. Es gibt keinen Batman und kein Gotham City, dafür einen aufrechten, edlen und natürlich sagenhaft gut aussehenden Police Officer (Benjamin Bratt). Wie die brave und wenig selbstbewusste Patience zur wilden Catwoman mutiert ist denn aber leider das einzig halbwegs Aufregende an der Geschichte (und selbst das ist im Grunde bei "Batman Returns" geklaut), der Rest der Story ist öde, konventionell, ohne jegliche Überraschungen und selbst für eine Comic-Verfilmung ganz schön an den Haaren herbei gezogen: Welcher Konzern würde schon über Leichen gehen, um ein Produkt auf den Markt zu bringen, dessen offensichtliche Nebenwirkungen ihn in zwei Monaten in den Ruin treiben würden?
Das Kinoticket für den Streifen kann man sich sparen - ausser vielleicht man ist Halle-Berry-Fan: Sie zeigt viel nackte Haut, etwas Leder und ein paar hübsche Peitschen-Stunts. Alle anderen Superhelden-Freunde warten wohl besser auf die nächste Batman-Verfilmung, die voraussichtlich im Juli 2005 in unsere Kinos kommt. Leider längst nicht mehr von Tim Burton, der die Serie 1989 mit seinem fulminanten "Batman" gestartet hat, aber immerhin von Christopher Nolan, der mit "Memento" (2000) und "Insomnia" (2002) ziemliches Talent gezeigt hat, auch spezielle Geschichten zu erzählen. Catwoman und Halle Berry werden da zwar nicht bei sein, aber dafür ein paar andere grosse Namen: Liam Neeson, Michael Caine, Morgan Freeman, Gary Oldman und als Batman Christian Bale, der in "American Psycho" (2000) und "Velvet Goldmine" (1998) gezeigt hat, dass er ungewöhnliche und finstere Charaktere ganz gut drauf hat. Doch wie immer steht und fällt alles mit dem Drehbuch. Für "Batman Begins" ist David S. Goyer verantwortlich, der unter anderem beim meisterhaften Film-Noir-Science-Fiction "Dark City" (1998) mitgeschrieben hat. Es besteht also Hoffnung.