30.9.2004

Sport und Film

Von Christian Andiel um 15:58 [ Kino ]
Zunächst einmal: „Des épaules solides“ (Starke Schultern) der Schweizer Filmemacherin Ursula Meier ist ein starker Jugend-und-Sport-Film, der einen mit Unbehagen aus dem Kino gehen lässt: Die offenen Fragen regen nicht auf, sie regen an. Es ist die Geschichte der ambitionierten Leichtathletin Sabine, die in einem Internat nahe St-Maurice VS lebt und sich lange auf dem schmalen Grat zwischen dem eigenen Willen und Leben einerseits und den Verlockungen des Körperkults, den Ideen des Trainers und dem Streben nach Vorbildern andererseits bewegt. Am Ende findet Sabine nach vielen, zum Teil brutalen Rückschlägen und Enttäuschungen ihren inneren Frieden, als sie bei der Meisterschaft im 400-m-Lauf beim Startschuss hocken bleibt, und danach ganz ruhig weggeht und frei über die Felder läuft.

Doch mir geht es diesmal um etwas anderes als um eine Art education sportive: Nämlich um die scheinbar unüberwindbare Schwierigkeit, den Sport selbst im Kino wenigstens einigermassen vernünftig darzustellen. Fussballfilme („Escape to victoy“, „Fimpen, der Knirps“) sind aus fussballtechnischen Aspekten nicht anzuschauen, obwohl jeweils berühmte Profis engagiert werden konnten – im ersten Beispiel Pele und Bobby Moore, im zweiten das gesamte schwedische Nationalteam. Auch Sönke Wortmanns Spielszenen können beim „Wunder von Bern“ trotz aller Rafinesse nicht überzeugen. Und in Boxfilmen leben die betreffenden Aktionen von sinnlosen Übertreibungen, von Spezialeffekten, die mit realen Boxkämpfen kaum etwas gemein haben.

Ursula Meier ist es hingegen gelungen, die rein sportliche Seite überzeugend darzustellen. Das liegt einerseits sicherlich an der Disziplin selbst: Der individuelle Lauf gegen die Uhr auf der Bahn kennt nicht die Dynamik des Zweikampfes – und gemäss Regisseur Wortmann ist genau dieser Moment des direkten körperlichen Duells so schwierig dazustellen.

Aber Meier überwindet das Problem auch auf eine andere Art: Sie lässt die grossen Einstellungen des gesamten Wettkampfes praktisch komplett weg und konzentriert sich ausschliesslich auf das individuelle Detail: Sie geht mit der Kamera manchmal beängstigend und verwirrend nahe an den Körper, um den sich im Sport soviel dreht. So ist in einer Einstellung erst nach Sekunden zu sehen, dass es sich beim gefilmten Objekt um ein geschlossenes Auge handelt. Die Kamera wird zudem bei aller Nähe stark subjektiv eingesetzt, Kameramann Nicolas Guicheteau schafft so eine Atmosphäre mit teilweise bewusst wackelnden, unscharfen Bildern, wie man sie aus Dokumentarfilmen kennt.

Kann das eine Anleitung für den ersten richtig gut gemachten Film mit Fussball-Szenen sein? Ich warte, ich hoffe.


27.9.2004

Noch 234 Tage

Von Roger Zedi um 08:00 [ DVD ]
Ich kanns mir nicht verkneifen, darum: Sorry, liebe Star-Wars-Muffel. Aber wie Kollege Kaminski bereits bemerkt hat – der Countdown läuft. Im ganzen Trubel um die Star Wars DVDs (die natürlich in jede Sammlung gehören) droht allerdings eine andere Silberscheibe, die ebenfalls dieser Tage in die Läden kommt, unterzugehen: «THX 1138».

Wer sich fragt, wo er THX schon mal gehört hat - die Antwort lautet: Im Kino. In Zürich beispielsweise im Abaton A und B oder Corso 2. Das spezielle, für Soundeffekt-Orgien à la Spielberg, Lucas & Co. entwickelte Soundsystem wurde von einer 1983 gegründeten Firma entwickelt. Und wem gehört die wohl? Richtig, dem schlauen Herrn Lucas. Er benannte sie nach seinem ersten Kinofilm.


Robert Duval, als Bürger THX 1138, wird von Robo-Polizisten gepiesakt.

Wer den Film guckt, würde nicht glauben, dass aus diesem Filmemacher mal der grösste Weltraummärchenonkel aller Zeiten wurde: Lucas, quasi das Trudi Gerster des Science-Fiction.

Sein düsteres Frühwerk ist sicherlich nicht sein Meisterwerk (wenn man gemein sein möchte, könnte man auch fragen, ob er je eines vollbracht hat, aber ich bin ja nett zum Herrn Lucas). Weder ist die Geschichte besonders originell - offensichtlich hat auch er Orwell und Huxley gelesen - oder spannend, noch nimmt man dem Streifen seine Gesellschaftskritik so richtig ab. Folglich floppte er an der Kinokasse.

Doch was «THX 1138» auszeichnet und dennoch sehenswert macht und mir diese Zeilen wert ist, ist seine Optik, sein Look, wie man so schön sagt. Obwohl mit einfachsten Mitteln gemacht (1971 war Lucas noch weit weg von Star Wars, er hatte gerade mal 700 000 Dollar Budget) prägen sich die Bilder unheimlich stark in der Erinnerung des Zuschauers ein – und das schafft längst nicht jeder Film. Die vor weissem Hintergrund gedrehten Gefängnisszenen (Zellen ohne Gitter und Wände, dafür umgeben von undurchdringbarer, endloser, weisser Weite) oder die unterirdische Verfolgungsjagd durch die (ebenfalls weissen) Tunnels bleiben hängen.

Im Nachhinein lassen sich auch wunderbar diverse Parallelen zu Star Wars hinein deuten, so etwa dass die Robo-Polizisten die Vorgänger der imperialen Sturmtruppen seien, oder dass die Jagd durch die Tunnels etwas von Lukes Anflug auf den Todesstern mit Darth Vader im Nacken hätte. Ziemlich weit gesucht, wenn man mich fragt.

Produziert hat den Streifen übrigens Francis Ford Coppola (den dieser Flop seinen Vertrag mit Warner Brothers kostete), die Hauptrolle spielt der junge Robert Duvall. Der Film ist zudem ein Remake eines 15-minütigen Studentenfilms von Lucas mit dem noch seltsameren Titel «Electronic Labyrinth THX 1138:4EB», der auf der Bonus-DVD zu sehen ist - ein echtes Zückerchen.


23.9.2004

Aufgepeppte Legende

Von Ralf Kaminski um 08:48 [ DVD ]
Heute mal wieder was für die Star-Wars-Freunde unter Ihnen. Obwohl, wenn Sie ein richtig guter Freund sind, ist Ihnen zweifellos nicht entgangen, dass am Montag die erste Trilogie (also Episode IV, V, VI) auf DVD rausgekommen ist. Erstmals. George Lucas, Erfinder, Produzent und Regisseur der Saga, hat sich Zeit gelassen damit, immerhin kam der letzte Film der alten Trilogie 1983 in die Kinos, und das Medium DVD gibts ja doch auch schon eine Weile. Aber Lucas ist eben auch ein cleverer Geschäftsmann, und da ja nun bald das endgültige Ende der legendären Science-Fiction-Reihe ansteht („Star Wars: Episode III – The Revenge of the Sith“ startet am 19. Mai 2005), beginnt die DVD-Box gut getimt den Countdown zum grossen Finale.

Die Box enthält alle drei Filme „Star Wars“, „The Empire Strikes back“ und „The Return of the Jedi“, aber nicht die ursprünglichen Kinofassungen sondern die 1997 zum 20-Jahr-Jubiläum von „Star Wars“ aufgepeppte Special Edition, von der Lucas behauptet, sie sei die Fassung, wie er sie ursprünglich gemacht hätte, wenn die Spezialeffekte damals schon möglich gewesen wären und er genug Geld gehabt hätte. Viele Hardcore-Fans nehmen ihm übel, dass er nur diese Fassungen auf DVD herausbringt und nicht die Originale – sie werden wohl ihre alten VHS-Kassetten behalten. Nun kommt aber hinzu, dass Lucas die Filme für die DVD-Fassungen nochmals leicht überarbeitet hat – und nicht immer zum Besseren. Ganz am Ende von „Return of the Jedi“ zum Beispiel sieht Jedi-Ritter Luke Skywalker die „Geister“ seiner Mentoren im Lagerfeuer schweben – Obi Wan Kenobi (Alec Guinness), Yoda und dazu gesellt sich schliesslich auch sein Vater Darth Vader bzw. Anakin Skywalker (Sebastian Shaw). Auf der DVD erscheint da nun aber plötzlich nicht mehr der alte Sebastian Shaw sondern der junge Hayden Christensen, der den Anakin Skywalker in der neuen Trilogie verkörpert. Alec Guinness hingegen durfte bleiben und wurde nicht durch Ewan McGregor ersetzt, der den jungen Kenobi spielt. Ziemlich idiotisch und ein klarer Beweis, dass es auch Nachteile haben kann, dass heutzutage den Spezialeffekten in Filmen keine Grenzen mehr gesetzt sind.

Sehr schön ist dafür die Zusatz-DVD mit dem Bonusmaterial. Zu sehen gibts unter anderem alle ursprünglichen Trailer für die erste Trilogie und einen sehr langen aber ebenso erhellenden Dokumentarfilm über die Entstehung der drei Filme und die Schwierigkeiten, die Lucas dabei überwinden musste. Besonders nett: Darin inbegriffen sind Interviews mit Mark Hamill, Carrie Fisher, Harrison Ford und einigen anderen Darstellern, die im Rückblick über ihre Rollen reden. Überraschenderweise lassen sie da und dort recht deutlich durchblicken, dass Lucas durchaus kein so begnadeter Regisseur ist (Episode I und II zeugen schmerzlich davon). Als Zückerchen gibts zudem einen kleinen Beitrag zu Episode III, in dem die Rückkehr von Darth Vader gezeigt wird, respektive deren Vorbereitung. Einen eigentlichen Filmausschnitt gibts aber nicht, und insgesamt lässt sich aus dem Material schliessen, dass Vaders Auftritt in Episode III ein kurzer sein dürfte.

George Lucas hat in den letzten Jahren immer betont, dass nach Episode III Schluss ist. Doch schon länger ranken sich in den Medien und auf dem Internet die Gerüchte über weitere Fortsetzungen. Neue Nahrung bekamen diese kürzlich als Chewbacca-Darsteller Peter Mayhew (der auch in Episode III mitspielt) in einem Interview sagte, er habe in seinem Vertrag eine Klausel für Optionen auf die Episoden VII bis IX, ausserdem mussten die Mitarbeiter von Lucas' Special-Effects-Company Industrial Light and Magic ein Papier unterschreiben, mit dem sie zusicherten, nicht über die Möglichkeit weiterer Filme zu sprechen. Tatsächlich kursieren auf dem Internet sogar Skriptentwürfe für Sequels, angeblich von George Lucas selbst verfasst (http://www.supershadow.com/starwars/episode7/plot.html). Und wer weiss - vielleicht verzichtet ja Lucas auf weitere Fortsetzungen, verkauft aber das Recht darauf weiter? Ob weitere Sequels sich inhaltlich lohnen, darf man gerne bezweifeln. Dass mit ihnen aber viel, viel Geld zu machen wäre, daran besteht gar kein Zweifel. Und früher oder später wird bestimmt jemand kommen, der darauf nicht verzichten will.


20.9.2004

Dürrenmatt Overdrive

Von Benedikt Eppenberger um 19:46 [ DVD ]
Wenn ich bestimmen könnte, welcher Film als nächstes in einer Prachts-DVD-Edition erscheinen soll, dann würde ich ... äh ... Moment. Beginnen wir von vorne!

Vor einiger Zeit, als ich wieder mal in meiner Video-Sammlung stöberte, fand ich gut versteckt hinter «Keoma – ein Mann wie ein Tornado», «Die Rache ist mein» und «Das Phantom mit der Stahlmaske» Friedrich Dürrenmatts «Der Richter und sein Henker». Nein, natürlich nicht das Buch. Vielmehr eine Filmfassung – laut Cover-Werbung ein «Psychothriller von Weltklasse» –, welche, mit deutschen und italienischen Geldern finanziert, 1975 unter der Leitung von Maximilian Schell entstanden war. Ausgezeichnet wurde der Film auch. Bei den internationalen Filmfestspielen San Sebastian. Mit der «Silbernen Muschel». Ich sagte mir: Hier müssen Leute mit Geschmack und Sachverstand am Werk gewesen sein. Eine «silberne Muschel» kriegt man schliesslich nicht einfach für irgendwas. Also, dann mal rein mit der Kassette ins Videogerät und ab der Film!

Je länger ich dann vor dem Fernseher diesen «Richter und sein Henker» in mich hineinsog, desto klarer wurde, dass Maximilian Schell hier ganz prima Trash gebaut hatte. Was aber heisst in diesem Zusammenhang Trash? Ist es das mit unzulänglichen Mitteln geschaffene Werk, das von einer anderen Wahrheit erzählt, als jener, welche mal intendiert gewesen war? Potzblitz, was für ein Satz. Und in seiner Verschwurbeltheit irgendwie bestens zum Film passend. So was hatte es nämlich zuvor noch nicht gegeben: Ein Hollywood-Star mit Schweizer Wurzeln inszeniert mit einigem Geld und übertriebenem Anspruch einen Dürrenmatt-Klassiker in die muffig-knuffige Atmosphäre der Nach-68er-Eidgenossenschaft hinein. Dazu standen ihm die damaligen Stars Jon Voight (Papa von Angelina Jolie und hier mit Günter-Netzer-Frisur) sowie Jacqueline Bisset zur Verfügung. Als Kommissar Bärlach musste der brillante US-Regisseur Martin Ritt ran; Gabriele Ferzetti, der Mr. Tschutschu aus Leones «Spiel mir das Lied vom Tod», war ebenfalls mit von der Partie, ganz so wie auch der Wiener Kabarettist Helmut Qualtinger und Spielbergs späterer «Jaws»-Jäger, der Engländer Robert Shaw. Da jauchzt das Herz, und wer es nicht weiss, der würde vermutlich rufen: eine Besetzung wie für einen Dürrenmatt-Film!

Klar, Dürrenmatt selbst ist im Film auch zu sehen: als angetrunkener Schachspieler, der (vermutlich das Dürrenmatt-Zentrum vorausahnend) einfältige Sprüche klopft. Über das Ganze hatte Ennio Morricone einen seiner prima sleazy Sexfilm-Soundtracks gelegt, der auch dann weitersummt, als John Voight, dem ein wunderbares Hochdeutsch mit schweizerdeutschem Akzent ins Maul hineinsynchronisiert wurde, zusammen mit Bärlach eine währschafte Berner Platte verspeist. Ein international-transatlantisches Riesengemurkse und Gewinde also, das aber, wie von Geisterhand geführt, vollkommen stimmig funktioniert. Überhaupt: Nie hat Bern, seine Bewohner und seine Umgebung in einem Film unheimlicher gewirkt. Traurige Häuser, traurige Menschen. Überall das Gefühl, unter der Oberfläche liegen schichtenweise Zombies, die selbst zu müde sind, mal richtig zuzubeissen. Ganz wunderbar. Und so ist Schells «Der Richter und sein Henker» vielleicht ein kleiner Ersatz für jenen Horrorfilm, der in der Schweiz nie hat realisiert werden können.

Diesen Film, diese Trash-Krimi-Horror-Show wünsch ich mir auf eine DVD gepresst. Und zwar subito!




16.9.2004

Italienischer Herbst

Von Christian Andiel um 17:42 [ Kino ]
Warum sollte uns heute ein politischer Mord aus dem Jahr 1978 interessieren. Vielleicht, weil es gar kein politischer Mord war, sondern schlicht ein Verbrechen? Oder war es ein terroristischer Akt, der, verglichen mit heutigen Taten in dieser Kategorie, geradezu vernachlässigbar klingt?

Am 16. März 1978 wurde Aldo Moro, der Vorsitzender der italienischen Democrazia Cristiana, von den Roten Brigaden entführt und 55 Tage später umgebracht. Jetzt läuft in den Schweizer Kinos Marco Bellocchios Film „Buongiorno, notte“ über diese Zäsur in der italienischen Nachkriegsgesellschaft. Die terroristische Zelle Rote Brigaden wurde endgültig zum Staatsfeind Nummer 1. Bellocchios Film ist als Kammerspiel gestaltet, das an Heinrich Breloers hervorragende TV-Arbeit erinnert, die sich mit der Entführung Hanns-Martin Schleyers durch die deutsche RAF zur etwa gleichen Zeit befasst. Hauptschauplatz ist auch bei Bellocchio die Wohnung, in der Moro gefangengehalten wurde.

Warum also ein Rückblick auf diese Zeit, die Tat? Vielleicht, weil damals etwas begann, was in der westeuropäischen Gesellschaft neu und beunruhigend war. Und was unser Leben nachhaltiger beeinflusste, als wir uns womöglich bewusst sind. Nämlich der Umgang mit einem „Feind“, den wir nicht verstehen. Der mit einer Kälte und Brutalität agiert, die atemlos macht. Und mit der Reaktion des Staates, der nicht minder kalt zurückschlägt und so zu einer allgemein klaustrophobischen Stimmung sorgt. Eine Stimmung, wie sie in der Wohnung herrschte, die zu Moros Zelle und Gerichtssaal werden sollte, wo er sein Todesurteil erfährt. Schliesslich sahen sich die „Revolutionäre“ als Speerspitze eines unterdrückten Proletariats, das sie mit ihrer Aktion befreien wollten.

Bellocchio ermöglicht einen Einblick in die Welt der Roten Brigaden, ihre Gedanken, ihre Gespräche, ihre Gefühle und, ja, in ihren Wahn. Als das Bandenmitglied Chiara von ihrer „zivilen“ Arbeitsstelle zurückkehrt und erzählt, dass irgendjemand im Bürofahrstuhl das rote anarchistische Kreuz gemalt hat, sagt Kampfgenosse Mariano: „Dann haben wir es geschafft. Jetzt haben wir nicht nur das Proletariat hinter uns, jetzt erheben sich auch die Angestellten.“ Das Lachen bleibt im Halse stecken.

Bellocchio geht über das Prinzip des TV-Kammerspiels bei Breloer hinaus, der sich eng an die Fakten über den „deutschen Herbst“ hielt. Bellocchio zeigt in einer Vision, wie es hätte sein können, wenn nur ein Gruppenmitglied Moros Befreiung ermöglicht hätte. Moro spaziert nach Rom hinaus, ohne Triumph, als bescheidener Sieger. Er ist in diesem Moment so viel stärker als alle Revolutionäre, und als der ganze Staatspopanz plus Papst, die Moros Ermordung perfekt zu eigenen Zwecken nutzen.

Und dieser überlebende Moro geht am Ende auch auf uns zu, die wir damals, vor 25 Jahren, vielleicht sogar dem „Faszinosum“ Rote Brigaden und RAF erlagen. Zumindest in Gedanken, zumindest in Ansätzen.


13.9.2004

Unglaublich fischig

Von Roger Zedi um 08:00 [ Kino ]
Computeranimationsfilme sind unbestritten beliebt: «Shrek 2» führt die Jahrescharts der US-Kinokassen weiterhin an, weit vor Spiderman, und im vergangenen Jahr wurde «Finding Nemo» nur gerade von Frodo & Co. übertrumpft.

Im Herbst erwarten uns zwei neue Pixelorgien, von denen es bisher nur die Trailer zu sehen gibt. Zu früh, um sie zu beurteilen? Keineswegs: Was in 30 Sekunden nicht überzeugt hat keine 90 Minuten (bezahlte) Aufmerksamkeit verdient!

Am 14 Oktober startet «Shark Tale» in unseren Kinos. Ein vegetarischer Hai und sein hochstaplerischer Freund tummeln sich durch eine Unterwasser-Mafiakomödie. Die Macher von Dreamworks setzen dabei vor allem auf bekannte Namen, die den Fischen ihre Stimme leihen: Will Smith, Renéé Zellweger, Robert de Nero und mehr. Der Trailer zeigt aber: man hätte wohl besser etwas mehr Geld ins Drehbuch gesteckt. Viel mehr als «Guck, der Fisch da sieht wirklich aus wie die Zellweger» wird dem Zuschauer kaum geboten. Der Trailer strotzt vor fadem Witz und platten Ideen (ein Walfisch wird von lustigen Fischlein in einer Art Autowaschanlage zum Discotitel «Carwash» geputzt). Disney hätte es nicht schlimmer machen können. Schade, denn Dreamworks kann es eigentlich besser, wie «Shrek 2» beweist. Und überhaupt: Hatten wir nicht schon gerade animierte Fische im Meer? Ich sage nur: fischig.


Herr Smith und Frau Zellweger.

Es ist nicht das erste mal, dass Dreamworks und Pixar (das Studio hinter «Finding Nemo») innert kurzer Zeit zwei auf den ersten Blick ähnliche Animationsfilme lancieren. 1998 schickte Dreamworks in «Antz» Woody Allen als neurotische Ameise los und Pixar brachte in «A Bug’s Life» ihre Ameisen zum krabbeln. Obwohl Pixar mit der Idee zuerst war, schaffte es «Antz» früher ins Kino und liess Pixar schlecht aussehen. Die beiden Ameisenabenteuer unterscheiden sich allerdings inhaltlich enorm (ich mag übrigens beide gut) und lassen rückblickend bereits erkennen, dass Dreamworks damals schon auf grosse Namen der Sprechstimmen setze, Pixar aber mit den originelleren Ideen und liebevoller animierten Figuren glänzte.

Diese Handschrift prägt auch den neuen Pixar-Striefen «The Incredibles», die am 25 November startet. Zum ersten mal in einem Pixar-Film sind die Hauptfiguren Menschen (statt Tiere oder Monster), besser gesagt Übermenschen. Gleich die erste Szene des Trailers, in der sich der Superheld Mr. Incredible etwas verlegen darüber beschwert, dass, egal wie oft er sie schon gerettet hat, die Welt es immer wieder schafft, in Schwierigkeiten zu geraten, offenbart: Dieser Film lebt von den facettenreich animierten Charakteren, denen weit darüber hinaus Leben eingehaucht wurde, als sie nur wie die Schauspieler, die ihre Stimme sprechen, aussehen zu lassen. Meine Lieblingsfigur ist jetzt schon Edna Mode, alias «E». Sie ist für die Incredibles, was Q. für Bond ist, nur cooler. Ihre Superkraft ist ihr unglaublich guter Geschmack, mit dem sie Heldenkostüme schneidert. «Unzerstörbar und maschinenwaschbar, Darling». Über die Geschichte erfährt man im Trailer genug, um Lust auf mehr zu kriegen (es handelt sich um eine Mischung aus Superhelden-Familien-Soapopera, den Thunderbirds und James Bond), mehr aber auch nicht. Genau richtig. Das wird sicherlich unglaublich unterhaltsam.


Super Attitude, Exellent Taste: Edna Mode.

Bleibt nur zu hoffen, dass uns nächstes Jahr kein lauwarmer Superhelden-Aufwisch von Dreamworks droht. Wundern allerdings würde es mich nicht.


09.9.2004

Star gleich Star? Oder doch nicht?

Von Ralf Kaminski um 18:02 [ Popcorn ]
Cool wars, muss ich sagen. Der Robert (man duzt sich) ist ein sympathischer, charmanter Kerl. Und dafür, dass er jetzt seit zwei Monaten auf Promo-Tour für seinen Film "Sommersturm" unterwegs ist und allen hundertmal dasselbe erzählen muss, macht er das überraschend spontan und locker. Ein Star ohne Allüren oder zumindest einer, der dieses Bild sehr überzeugend zu vermitteln weiss. Natürlich könnte man gleich zwei Zeitungsseiten füllen, wenn man so eine halbe Stunde nett miteinander plaudert, aber 80 Zeilen ist alles, was ich habe (nachzulesen im Tagi auf der Bellevue-Seite vom Dienstag, im Züribund). Die Qual der Wahl also.

Doch warum belästige ich Sie gleich noch einmal mit einem Thema, das Sie offenbar gar nicht so rasend interessiert? Zumindest muss ich das aus Ihren Kommentaren schliessen. Nicht eine einzige ernst gemeinte Frage an Herrn Stadlober hatten Sie! Dabei, ehrlich, ich hätte sie gestellt und sie Ihnen hier beantwortet. Das mit den Schwulen, die in Heterobeziehungen leben, im Kontrast zu Heteros, die nicht in Schwulenbeziehungen leben, ist zwar ein hübsches Thema - aber das ist keine Frage, die Robert Stadlober beantworten muss, der allerhöchstens bisexuell ist oder vielleicht auch einfach nur experimentierfreudig.

Doch einer Ihrer Kommentare (der von nk) hat eine Frage aufgeworfen, die ich persönlich recht spannend finde und deshalb gerne noch einmal etwas ausführlicher in die Runde werfen möchte: Gibt es qualitative Unterschiede bei Stars? Muss man einen Daniel Küblböck oder eine Nella Martinetti in den gleichen Topf werfen mit Julia Roberts und Brad Pitt oder gar mit echten Talenten wie Judi Dench und Ian McKellen? Zugegeben, bei der Bewunderung für einen Star spielen wohl immer dieselben Mechanismen, aber gibt es nicht Menschen, die es verdienen, für ihr Können angehimmelt zu werden? Wenn sie wirklich was drauf haben? Klar hat der von nk angesprochene Tanz ums goldene Kalb immer etwas Bizarres und tendiert oft ins Hysterische. Klar überdecken wir mit übertriebener Staranbetung wohl nur irgendwelche eigenen Defizite. Aber ich bleibe dabei: Zwischen TV-Castingshow-Schreihälsen und ausdrucksstarken, variantenreichen Schauspielern (oder Musikern) gibt es einen Unterschied, den man honorieren darf. Sehen Sie das anders?


06.9.2004

Eine halbe Stunde mit Stadlober

Von Ralf Kaminski um 07:16 [ Popcorn ]
Haben Sie schon mal einen richtigen Star getroffen? Und mit richtig meine ich jetzt nicht jemanden im Stil einer Carmen Fenk oder eines Daniel Küblböck, keinen dieser Instant-Reality-Casting-TV-Show-Promis. Ich habe schon Stars aus der Ferne gesehen, mich aber nie so richtig rangetraut: James Doohan zum Beispiel - der spielte in der ersten Star-Trek-Serie den allzeit innovativen Enterprise-Ingenieur Scotty. Er war alt, dick, sass im Rollstuhl und liess sich im Zürcher Flughafen zu seinem Gate schieben. Oder Christopher Lee (Dracula und in letzter Zeit "Lord of the Rings" und "Star Wars") - er war bei einer Unicef-Benefiz-Lesung in Zürich dabei und sass davor während eines Apéros mit seiner Frau an einem Tisch. Diverse Leute kamen mit Tolkiens Buch, um es sich von ihm signieren zu lassen. Er hatte dabei eine unglaublich monströse Brille auf der Nase, wirkte nett und zugänglich, und irgendwie hätte ich mich ja gerne genähert, aber was redet man mit so jemandem? Und ist man nicht letztlich in den Augen eines Stars nur eine lästige Schmeissfliege? Ich meine, braucht ein Christopher Lee noch einen Menschen mehr, der ihm sagt, wie toll er ihn und seine Arbeit findet? Überhaupt, der ganze Star-Kult! Sind doch auch nur Menschen! Wie auch immer, ich habe mich nicht rangetraut.


Christopher Lee.


Tja, und nun werde ich also am Mittwoch einen Star treffen, keinen richtig grossen zwar, aber auch keinen ganz kleinen: Robert Stadlober. Schon gehört? Er ist 22 Jahre jung, kommt aus Österreich und ist einer der Jungstars des deutschsprachigen Kinos, seit er 1998 in "Sonnenallee" und 2000 in "Crazy" gespielt hat. Sein neuer Film "Sommersturm" kommt am 16. September in unsere Kinos (davor läuft er bereits im Lunch-Kino). Stadlober spielt darin einen Teenager, der realisiert, dass er in seinen besten Freund verliebt ist - dieser aber interessiert sich nur für Mädchen. "Sommersturm" ist ein sensibler, witziger Coming-out-Film, und Stadlober liefert einmal mehr eine überzeugende Leistung. Keine schlechten Voraussetzungen für ein Gespräch unter vier Augen.

Und die offizielle Mission macht die Sache ohnehin einfacher - man befindet sich nicht in der Rolle des privaten Bewunderers, sondern des professionellen Journalisten. Und auch der Star hat ein Interesse an der Begegnung - schliesslich will er "seinem" Film eine gute Presse verschaffen. Dennoch hat auch die Journalisten-Rolle etwas durchaus schmeissfliegenhaftes, gerade für Stars, die häufig Interviews geben müssen/sollen/dürfen. Was bei Stadlober der Fall ist, wie sich auf dem Internet leicht rausfinden lässt. Was man da so liest, lässt allerdings auf einen überraschend offenen, witzigen und engagierten Gesprächspartner schliessen. Ob er das immer noch ist, wenn er zum 250. Mal die Frage nach seinem eigenen Verhältnis zur Homosexualität gestellt kriegt? (Antwort: lebt in einer Heterobeziehung, hatte aber schon sexuelle Abenteuer mit Männern.)


Unerwiderte Gefühle: Robert Stadlober (oben) und Kostja Ullmann in "Sommersturm".



Ich bereite jetzt jedenfalls gerade meine Fragen an ihn vor. Falls Sie also was brennend interessiert, lassen Sie es mich wissen - vielleicht kann ich das ja noch unterbringen.