28.11.2004

Dämliche Doktrin

Von Christian Andiel um 07:15 [ Popcorn ]
Ein Flug nach Denver liess die Erinnerungen an eine Zeit aufkommen, in der ich mir aus seltsamen Gründen das Leben selbst trostloser machte, als es hätte sein müssen. Damals plagte mich die klare Überzeugung, dass alles, was viele andere toll und lustig und spannend und wegweisend finden, ein regelrechter Schmarren sein muss. Was mehrheitsfähig – also populär – war, konnte gemäss dieser Doktrin prinzipiell nichts taugen.

So verpasste ich einmal auf einem Flug (zum Nulltarif also und lange vor dem Europastart!) den Film „Four weddings and a funeral“, weil ich mit aller Macht NICHT auf die Bildschirme schaute. Und je mehr die Umsitzenden lachten, umso mehr schaute ich NICHT hin. Ich las statt dessen ein Buch, das ich heute zurecht vergessen habe.

So verbrachte ich damals meine Wochenenden häufig in Konstanz im Zebra-Kino. Ein Programm-Kino, das manchen Leckerbissen bereit hielt. Das aber auch, um ein Beispiel zu nennen, etliche Filme aus unabhängigen indischen Produktionen zeigte. Einmal verwechselte dabei der Vorführer die Rollen, die letzte wurde als vorletzte eingelegt, keine Sau merkte es, erst als etwa eine Rolle zu früh der Abspann kam, brach eine Mischung aus Trubel, Empörung und Heiterkeit aus. Gleichzeitig lief im klassischen Konstanzer Kino der erste Teil der Indiana-Jones-Saga. Den hab ich natürlich nicht gesehen (das heisst, erst Jahre später), weil ja alle anderen drin waren und ihn sooooo toooooll fanden.

Man wird Gott sei Dank älter und reifer. Heute sehne ich Indiana Jones 4 herbei (der nun wirklich und definitiv 2006 in die Kinos kommen soll). Heute schaue ich im Flugzeug hin. „Anchorman: The legend of Ron Burgundy“ kam zuerst. Eine nette Komödie über den Männerwahn in den 70er Jahren, dass eine Frau (Christine Applegate/Married with children) nie und nimmer Nachrichtensprecherin werden kann. Gefolgt von „Dodgeball: A true underdog story“. Eine nette Persiflage mit dem etwas nervigen Ben Stiller über den Wahn, dass jede Sportart ihre nationale Meisterschaft inklusive TV-Liveübertragung braucht.

Beide Filme muss ich nicht nochmals sehen, beide sind eine Spur zu sehr auf den US-amerikanischen Markt zugeschnitten. Aber es kann nicht jeder Flug mit Hochzeiten und Begräbnissen aufgewertet werden.


25.11.2004

Elend und Vergeltung

Von Benedikt Eppenberger um 10:34 [ Popcorn ]
Die Welt des Films und der Superstars. Unendliche Weiten. Jeden Tag kommen neue Nachrichten dazu. Mal ist es George Clooney, der sich bei seinen italienischen Nachbarn entschuldigt. Dann Angelina Jolie, die im Auftrag der Uno durchs Elendsviertel stapft, Brad Pitt, der sich für einen wichtigen Blockbuster das Sixpack rundum erneuern lässt, Till Schweiger, der in einer Hollywood-Produktion den Nazi links hinten spielt oder aber Renée Zellweger, die sich ganz einfach hässlich findet.

Das ist sicher alles furchtbar wichtig, trotzdem ist darüber im frisch getauften Underground-Fanzine "Elend und Vergeltung" wenig bis nichts zu finden. Leute quer über den Globus (Zürich – München – London – New York – Glasgow – Wien – Hamburg – Aarau) schreiben im prächtig gemachten Heft Unerhebliches zu Musik- und Kino- ... ähh ... Kultur. Oder sagen wir besser: Erhebliches zur Un-Kultur, denn mit Artikeln wie „Polterabende & Höhlenmalereien, Nachtlinien & Wellenrauschen“ (von Piko B.), „Porno und Pop Enzyklopädie – ein paar Namen zum Einführen (A – K)“ (von Michael Kathe) oder „10 leckere Süssigkeiten“ (von Michael Mottet) hat man doch schon eine ganze Menge davon, worüber in richtigen Kulturmagazinen kaum je zu lesen ist.

Zu Film enthält “Elend und Vergeltung“ noch folgende Hammer-Texte: “’Oh du Superheldin’ oder ‚Warum Gena Rowlands so toll ist’ (Teil1)“, “Voyeurism, vacuum, death: perambulations through infernal media“, “Jess Franco hat nur einen Zahn im Mund“ oder “Wirklich schlechte Filme“. Dass in dieser Aufzählung von Verbrechen auf Celluloid “Ernstfall in Havanna“ nicht auftaucht, ist die einzige Schwäche, die das ansonsten tadellos gemachte Magazin aufweist.

Wer mehr wissen und "Elend und Vergeltung" bestellen möchte, informiert sich einfach unter www.elendundvergeltung.com.




22.11.2004

«Toy Story 3» ohne Pixar - Pixar droht mit laschem letztem Film

Von Roger Zedi um 08:00 [ Kino ]
Noch ist die Welt in Ordnung. Pixar, zuverlässiger Lieferant von erstklassigen Computer-Animationsfilmen, und Disney, eine Firma die keine Vorstellung braucht, machen Gemeinsame Sache. Das sah bisher so aus: Pixars Leute liefern die originellen Geschichten und setzen diese virtuos technisch um und Disney übernimmt den Vertrieb und die Vermarktung des fertigen Films. Den Profit der Filme teilen sich die beiden Firmen zu gleichen Teilen.

Und wir reden hier nicht über Kleingeld, wie die Liste der weltweiten Einahmen an der Kinokasse der bisherigen Pixar/Disney-Filme zeigt:

Toy Story (1995): 358 Mio
A Bug’s Life (1998): 358 Mio.
Toy Story 2 (1999): 486 Mio.
Monsters Inc. (2001): 529 Mio
Finding Nemo (2003): 865 Mio.
The Incredibles (2004): bisher 150 Mio. (läuft erst seit zwei Wochen in den USA, bei uns im Dezember)
Cars (2005): noch in Produktion.


«Cars»: Rennwagen und Abschleppwagen als Buddies im Autokino. Gute Nacht allerseits. (2005)

Die Pixelfilme von Pixar machten also zusammen bisher weltweit 2,7 Milliarden Dollar Umsatz an den Kinokassen, nicht einberechtet die DVD-Einnahmen - «Finding Nemo» ist übrigens der am meisten verkaufte DVD überhaupt. Dass Disney in dieser Zeit so gut wie nichts Nennenswertes in Sachen Trickfilm zustande gebracht hat, weiss jedes Kind.

Kein Wunder, ist Pixars Boss Steve Jobs (ja, der mit der Apfel-Computerfirma und dem iPod) nicht länger bereit, die hälfte des Gelds einfach Disney in den Rachen zu schieben. Kurzerhand kündete er Anfangs 2004 die Kooperation und sieht sich seither mit zur Schau gestellter Lockerheit nach einem neuen Vertriebspartner um.

Nun will Disney offenbar Druck machen, indem man in Kalifornien ein eigenes Computeranimations-Studio aus dem Boden stampft. Das ist etwa so, wie wenn die Tamedia ankündigt, eine eigene Pendlerzeitung herauszugeben, um 20 Minuten unter Druck zu setzen.

Doch was bei 20 Minuten geklappt hat, dürfte hier ins Leere laufen. Jobs hält eh nichts von Fortsetzungen (er hat sich schon mehrmals öffentlich über Disneyfilme wie «Dornröschen 2» und dergleichen lustig gemacht). Dass es von Toy Story überhaupt einen 2ten Teil gibt ist zum Glück eine Ausnahme in Pixars Strategie geblieben. Und kaum ein Studio dürfte bei allen Filmvertrieben weltweit begehrter sein als Pixar. Soll Disney doch einen lahmen Aufguss von Toy Story machen.

Wie Pixar sich aus dem Vertrag mit Disney verabschieden wird, zeichnet auch schon ab: Mit einem mittelmässigen Film (um es nett zu formulieren). «Cars», der in einem Jahr in die Kinos kommt, wird voraussichtlich der letzte Pixar/Disney-Film sein, danach ist Pixar vollends frei.

Uns sieht man sich mal den ersten vorab Trailer (hier ein Link – auf eigene Gefahr) an, dann traut man seinen Augen kaum: Sprechende Autos mit Augen als Windschutzscheiben und Mäulern auf der Kühlerhaube. Wie total un-cool ist denn das? Völlig bescheuert, wenn man mich fragt. Das hat Tex Avery schon vor Jahrzehnten (besser) gemacht.


Tex Avery's «One Cab's Family»: Taxi-Sohnemann ist verunfallt, Taxi-Papa bangt vor dem OP. (1952)

Ich kanns mir nur so erklären: Pixar will Disney zum Schluss noch ein faules Ei legen. Schade nur, dass wir jetzt offenbar bis 2007 warten müssen, bis wir den nächsten tollen Film von Pixar sehen.


18.11.2004

Die Vampirjäger sind zurück

Von Ralf Kaminski um 08:55 [ TV ]
Zuerst die gute Nachricht: Zwei der besseren und intelligenteren Fantasyserien sind wieder auf dem Bildschirm zu sehen – „Buffy - The Vampire Slayer“ und ihr Spinoff „Angel“ – im Doppelpack jeweils Mittwochnacht auf Pro 7. Nun die schlechte: Leider sind es spätere Staffeln, wo beide Serien schon im Abwärtstrend sind – bei „Buffy“ die sechste (von insgesamt sieben), bei „Angel“ die dritte (von insgesamt fünf). Während „Buffy“ auf Pro 7 bis zum Serienende gezeigt wurde, war „Angel“ vor ein, zwei Jahren mitten in der dritten Staffel abgebrochen worden – die damals gezeigten Folgen werden nun wiederholt, und diesmal soll die Serie bis zum Staffelende fortgesetzt werden. Gespannt darf man sein, ob dann auch noch die im deutschen Fernsehen bisher nicht gezeigte vierte und fünfte Season nachgeliefert werden.

Die Ausgangslage von „Buffy“ klingt auf den ersten Blick reichlich absurd: Ein US-High-School Girl mit dem eigentümlichen Namen Buffy (Sarah Michelle Gellar) erweist sich als von einer mythischen Macht mit Superkräften ausgestattete Dämonenjägerin. Zusammen mit ihren Freunden (die sich mit der Zeit als Hexe, Werwolf und Vampir entpuppen) und ihrem Mentor Giles (einem teils etwas steifen Briten, gespielt von Anthony Stewart Head) kämpft sie in der kalifornischen Kleinstadt Sunnydale gegen Vampire, Dämonen und andere Kreaturen der Finsternis. Das ganze wird begleitet von klassischen Teenager-Themen wie erste Liebe, Schulschwierigkeiten und Aussenseitertum - dazu kommt eine gehörige Prise intelligenten Humors.

Was die Serie nebst dieser erstaunlichen Genre-Mischung zusätzlich bemerkenswert macht, ist die ungeheure Sorgfalt, welche die Produzenten zumindest in den ersten vier Staffeln an den Tag legen: Da werden Charaktere tatsächlich glaubwürdig weiterentwickelt, und zehn Folgen später wird plötzlich eine Storyline wieder aufgegriffen, die man längst für vergessen hielt. Mit all dem hebt sich „Buffy“ meilenweit von der üblichen TV-Serien-Durchschnittsware ab. Tatsächlich war sie in den USA, wo sie 1997 startete, derart erfolgreich, dass Erfinder und Produzent Joss Whedon nach drei Jahren den Spinoff „Angel“ kreieren konnte, eine wesentlich düsterere Serie um den „guten“ Vampir Angel (David Boreanaz), mit dem Buffy eine tragische Liebesbeziehung verbindet. „Angel“ spielt im Grossstadtdschungel von Los Angeles, und während der ersten beiden Staffeln gibt es immer wieder Bezüge zur „Mutterserie“, zum Teil ganze Storylines, die über beide Serien hinweg erzählt werden.

Wer nun neugierig geworden ist, dem seien die DVD-Boxen empfohlen. Die Serien funktionieren letztlich als Soap – wenn man nicht von Anfang an dabei ist, ist einiges zumindest verwirrlich, wenn nicht sogar völlig unverständlich. Beide Serien sind komplett auf DVD zu haben – und mindestens die ersten vier Staffeln von „Buffy“ sind die Investition auf jeden Fall wert.




Die "Buffy"-Crew (von links nach rechts): Angel (David Boreanaz), Giles (Anthony Stewart Head), Oz (Seth Green), Willow (Alyson Hannigan), Buffy (Sarah Michelle Gellar), Xander (Nicholas Brendon), Cordelia (Charisma Carpenter)



15.11.2004

Tod dem Happyend! (2)

Von Christian Andiel um 16:31 [ DVD ]
Zuletzt habe ich mich an dieser Stelle mit der Aufforderung beschäftigt, das erzwungene und sinnleere Happyend im Film zu verbieten.

Diesmal geht es mir um ein Paradebeispiel, wie ein Film auf das glückliche Ende verzichten kann, ohne den Zuschauer mit Gefahr auf depressive Anfälle aus dem Kino zu entlassen.

Es handelt sich, natürlich, um „Brazil“. Terry Gilliam, der Regisseur, ist in den USA aufgewachsen, erfuhr seine ästhetische Prägung aber vor allem in Grossbritannien, als Mitglied von Monty Python. „Brazil“ erschien 1985 und war der dritte grosse Kinofilm, für den Gilliam als Regisseur verantwortlich zeichnet – neben den Python-Movies. Und es ist sein (bisheriges) Meisterwerk, an das er erst sechs Jahre später zumindest in grossen Teilen wieder anknüpfen konnte, mit seinem „Fisher King“. Dazwischen geriet ihm sein mit grossem Pomp und Gloria angekündigter „Baron Münchhausen“ zum Desaster.

„Brazil“ ist eine Interpretation des Romans „1984“, allerdings mit unglaublicher Fantasie und atemberaubenden Ideen umgesetzt. So erleidet Robert de Niro den vielleicht seltsamsten und überraschendsten Film-Tod überhaupt. So wird das Zusammenspiel zwischen Staatsmacht und Terrorismus auf eine Art dargestellt, die uns heute, fast 20 Jahre später, fast schon prophetisch vorkommt. Der Wahnsinn der Bürokratie, der Wahn der ewigen Jugend, der Wahnwitz einer totalen Kontrolle der Menschen – alles findet seinen Platz, und alles auf wundersame, anrührende, wahnsinnig komische Art und Weise.

Über das Ende des Kampfes von Sam Lowry (Jonathan Pryce) gegen die bürokratische Übermacht, gegen die er mit all seiner Phantasie und zunehmend verzweifelt vorgeht, soll hier natürlich geschwiegen werden. Dafür der Rat an all diejenigen, die „Brazil“ noch nicht gesehen haben: Anschauen, geniessen, immer wieder anschauen – und einfach nie mehr vergessen.

Was würde ein Happyend hier nicht alles kaputt machen...


11.11.2004

Multiplexed

Von Benedikt Eppenberger um 10:22 [ Kino ]
Ohne Zweifel, die alte Dorf- und Stadtquartier-Kino-Kultur ist verschwunden. Mit ihr die Filme, die in diesen Sälen liefen. Wenn ich es mir richtig überlege, gab es in meinem Leben keine Zeit, in der ich die alte Dorf- und Quartier-Kino-Kultur anders, denn als untergehende erlebt habe. Schön war’s. Und weil Romantik im Modergestank zerfallender Himmelreiche - und das war das alte Kino - besonders gut gedeiht, schwelgt man in Erinnerungen an längst vergangene Kinoausflüge wie in gut abgehangenen Gespenstergeschichten.

Ob sich der Schweizer Autor Michael Angele neue Filme im Multiplex anschaut ist mir nicht bekannt. Liest man seine melancholischen Erkundungen, die jüngst unter dem Titel «Ankunft Weltende, halb zwölf» (List Verlag) erschienen sind, erfährt man aber, wohin ihn seine Kino-Reisen abseits des Mainstreams führten: zurück in die Lichtspielhäuser einer fernen Vergangenheit wie den«Wilden Mann» im Berner Seeland, ins «Argus-Kino» im Berliner Strausberg oder aber in die «Fontane-Lichtspiele» in Werder. Sie alle sind Akteure seiner Ausführungen zum Sterben der Dorf- und Quartierkinos.

Dabei gilt seine Suche nicht den alten Filmen, die hier einst liefen. In seinem Blickfeld sind vielmehr Gebäude, Orte und Menschen, die durch die vergangene Kino-Kultur geprägt wurden und inzwischen den Anschluss an die Jetzt-Zeit verloren haben. Das meiste liegt in Trümmern, und oft haben die Kinosäle nur als zweckentfremdete Räume überlebt, was, wie gehabt, wiederum die Melancholie des Autors nährt. Das alles wird subjektiv und ohne jeden Anspruch auf Gültigkeit geschildert. «Wer melancholisch ist, gehört zu einer Subkultur ohne Klubs, zu einem Verein ohne Versammlungen, einem Staat ohne Organe, einer Gemeinschaft ohne Generationen, einer Geheimgesellschaft ohne Verschwörungsabsicht.»

Der Melancholiker ergibt sich einer gänzlich unproduktiven Stimmung, im Wissen, dass ohne Verfall, ohne das Pathos des Verlustes dieses trunkenmachende Gefühl nicht zu haben ist. So muss ich denn jener Schweizer Grossbank in letzter Konsequenz dankbar dafür sein, dass sie vor zwei Jahrzehnten mein Jugend-Traumkino, das gigantische «Apollo», an der Stauffacher-Strasse in Zürich hat niederreissen lassen. Nicht auszudenken, hätte die Stadt damals eingegriffen und diesen damals recht heruntergekommenen Palast der Träume in ein Museum à la Dada-Haus verwandelt. So aber kann ich heute immer mal wieder am nichts sagenden grauen Banken-Allerweltsbau vorbeischleichen, kurz innehalten und dann mit der Suche nach den alten Schaukästen beginnen...



08.11.2004

Tod dem Happyend!

Von Christian Andiel um 11:31 [ Popcorn ]
Vor wenigen Tagen hat Kollege Kaminski in seiner Kolumne „Tod den Helden“ unter anderem auch das klassische Ende des Films hinterfragt – das Happyend. Wollen wir bei diesem Punkt doch noch ein wenig verweilen, schliesslich endet die krasse Mehrheit aller Streifen mit dem Sieg des Guten, Wahren und meist auch Schönen.

Und wie ist das jetzt mit Jean-Luc Godards berühmter Aussage vereinbar, dass Film Wahrheit ist, und zwar 24 Bilder pro Sekunde? Ist unsere Wahrheit ausserhalb des Kinos geprägt von Happyend? Das würden selbst grösste Optimisten nicht behaupten.

Vielsagend ist die Tatsache, dass Godard Europäer ist. Und hier, im „alten Europa“, hat der Realismus deutlich mehr mit Film zu tun als in Hollywood. Schon das Wort „Happyend“ weist auf den englischen Sprachraum hin. Und Hollywood hat das Phänomen des schönen, versöhnlichen Schlusses perfektioniert. Entschweben soll der Zuschauer in eine bessere Welt, ohne Harm und Sorgen. Oder wie es Celine, ein anderer Europäer des starken Ausdrucks, formulierte: „Das Kino, dieser kleine Angestellte im Dienst unserer Träume, den können wir kaufen, für eine Stunde oder zwei, wie eine Prostituierte.“

Ein Film müsse so aufhören, dass das Leben weitergehen könne, lautet eine These der Filmtheorie, die den Zwang zum Happyend erklären will. Entscheidend geprägt wurde dieses Ende durch Charles Chaplin und sein typischer Watschelgang am Ende, hinaus in eine Zukunft, die besser ist (die zumindest besser sein könnte). Dabei ist es schon komisch: Ob Schauspiel oder Oper, bei beiden klassischen Darstellungsformen für ein Publikum findet gerade das Gegenteil statt. Die Helden und Heldinnen sterben, und gerade dadurch werden sie erhöht, werden sie zur Identifikationsfigur, zum Vorbild.

Im Film darf das kaum geschehen. Wäre es nicht beeindruckender (und wahrhafter), wenn am Ende von „Once upon a time in the west“ Charles Bronson eben nicht wegreitet, sondern jämmerlich in Sweetwater verblutet. Oder wie wäre es, wenn Indiana Jones eines Tages tatsächlich tödlich verwundet wird, im Kino, vor unser aller Augen also. Unwiderruflich, beängstigend, himmeltraurig halt. Aber dürfen wir das gerade von Steven Spielberg erwarten, dem grössten Harmonisierer und Schönfärber in Hollywoods Schweinwelt?

Fordern wir also den Tod des Happyends. Lassen wir unsere Helden zu wahren Helden werden, weil sie sich dem Bösen widersetzen aber am Ende beugen müssen – wie das eben in der Realität so ist, wovon wir uns mit dem täglichen Blick in die Zeitung, in die TV-Nachrichten überzeugen können. Und wenn wir soweit sind, dann freuen wir uns umso mehr auf die wenigen Filme, die uns dann immer noch mit einem – allerdings nachvollziehbaren, logischen – Happyend in die Nacht entlassen.

Wie lässt sich diese Forderung umsetzen? Ist der Eindruck überhaupt richtig, oder sind diese Eindrücke generell falsch? Machen Filme mit einem unwahren, weil geschönten Ende die Welt besser? Sind wir Europäer gestählter und deshalb belastbarer im Umgang mit der Realität als die Menschen aus den USA?

Und warum soll das Leben nach einem traurigen, mitreissenden Schluss nicht weitergehen? Dass dies durchaus möglich ist, belegt der beste aller Filme, der ohne Happyend leben kann. Er stammt von einem Regisseur, der zwar in den USA aufgewachsen ist, seine ästhetische und künstlerische Entwicklung aber massgeblich in Europa (England) erlebte. Davon aber mehr in der nächsten Folge von „Klappe!“


04.11.2004

Filme und Gewalt

Von Ralf Kaminski um 10:15 [ DVD ]
„Er holte das Jagdgewehr des Vaters, schaute sich den harmlosen Film 'Shrek' an und lud die Flinte. Dann erschoss er nacheinander seine Mutter, seinen vierjährigen Bruder und seinen Vater.“ So stand es am 29. Oktober auf der Kehrseite des „Tages-Anzeigers“ unter dem Titel „14-Jähriger erschoss Familie“.

„Shrek“ ist harmlos? Und was ist mit den unschuldigen Amphibien, die von der liebreizenden Prinzessin Fiona aufgeblasen werden und ihr dann als hübsche Ballons dienen? Und was mit dem kleinen Vogel, mit dem selbige Prinzessin ein Liedchen trällert, und der am Ende angesichts ihrer hohen Töne zerplatzt? Und was mit dem Lebkuchenmann, der vom bösen König gefoltert wird? Klar, in der Darstellung ist das alles putzig und eigentlich witzig gemeint, gerade auch im Vergleich mit echten Horrorfilmen wie „Dawn of the Dead“ oder „Alien vs. Predator“ wo Schleim trieft, Blut spritzt und Menschen wie die Fliegen sterben. Aber gerade die Harmlosigkeit der Gewaltdarstellung, ihre Verniedlichung sozusagen, ist doch eigentlich viel problematischer als die offene, quasi reale Gewalt.

Schon seit es Filme mit Gewaltdarstellungen gibt, tobt ein Streit in den Medien und Forschungsstuben, wie sich das auf die Realität auswirkt. Immer wieder liest man Artikel über gewalttätige Jugendliche, die sich zuvor entsprechende Filme angesehen haben. Auf der anderen Seite gibt es unzählige Menschen, die eine ganze Menge solcher Filme gesehen haben (darunter auch ich) und dabei völlig friedlich geblieben sind. Dienen solche Filme der Triebabfuhr oder sind sie im Gegenteil gerade erst aufstachelnd? Unzählige Studien gibt es darüber, die einen unterstützen die eine These, die anderen die andere. Am Ende ist es wohl entscheidend, wie der Mensch beschaffen ist, der sich solche Filme ansieht. Was beim einen nur wohliges Gruseln auslöst, weckt beim anderen die Lust zur Nachahmung.

Grossartig in dem Zusammenhang ist auch die ewig gleiche Reaktion der Öffentlichkeit, die sich nach jedem Amoklauf in einer Schule einig ist, solche Filme sollten nicht mehr oder zumindest weniger gezeigt werden. Und die TV-Sender und Filmproduzenten gehen in sich und geloben Besserung. Aber nach kurzer Zeit ist alles schon wieder vergessen, weil, tja, warum eigentlich? Einerseits weil die Öffentlichkeit grundsätzlich ein schlechtes Gedächtnis hat (lässt sich auch bei Wahlen immer wieder beobachten), andererseits weil diese Filme offensichtlich ein grosses Publikum finden, sich damit folglich eine Menge Geld verdienen lässt – und wie wir spätestens seit Brecht wissen, kommt das Fressen schliesslich immer vor der Moral.