30.12.2004

Der Mann mit dem Hundeblick

Von Ralf Kaminski um 09:07 [ Popcorn ]



Heute wollen wir uns mal mit einem der ganz grossen Rätsel Hollywoods auseinandersetzen, nämlich mit der Frage, wie es passieren konnte, dass Nicolas Cage zum Star geworden ist. In der Regel brauchts dafür ja entweder gutes Aussehen (hat er definitiv nicht) oder zumindest eine Spur von Talent (ist auch nicht auszumachen) oder eine gute Positionierung mit Wiedererkennungseffekt in einem Nischengenre (wie z.B. Schwarzenegger oder Stallone in den 80ern im Action-Baller-Film). Aber auch letzteres ist nicht der Fall, spielt Cage doch querbeet durch alle Genres seine Hauptrollen: Action („Gone in Sixty Seconds“, „Con Air“), Romance („Captain Corelli’s Mandoline“, „City of Angels“), Thriller („8mm“, „Snake Eyes“), gelegentlich auch mal was Anspruchsvolles wie „Leaving Las Vegas“ oder „Adaptation“. Zurzeit ist er bei uns in „National Treasure“ zu sehen, einem milde unterhaltsamen Action-Mystery-Filmchen, wo er als quasi-Indiana-Jones einem Schatz auf der Spur ist. Wenn die klebrige Patriotismus-Sauce nicht allzu heftig über dem Streifen ausgeschüttet worden wäre, wäre er ja storymässig beinahe erträglich. Aber dann ist da eben auch noch Cage.

Und Cage spielt halt in allen Filmen einfach immer nur Cage. Der Hundeblick, der ewig gleiche, irgendwie verwirrte Gesichtsausdruck, egal ob Loser oder Hero, ob Lover oder Soldier, man sieht ihn und denkt, aha, Nicolas Cage. Ich ertrage ihn nur, wenn ihm eine starke Figur gegenüber gestellt wird, etwa Sean Connery in „The Rock“, aber ich kann an dieser Stelle auch festhalten: Noch nie habe ich einen Film mit Cage gesehen, den ich wirklich gemocht habe. Da stellt sich natürlich die Frage, ob daran auch die Story schuld sein könnte, oder ob derselbe Film mit jemand anderem statt Cage in der Hauptrolle sofort ganz anders rüberkäme. Zugegeben, auch Johnny Depp oder Jude Law hätten „Con Air“ oder „8mm“ nicht retten können.

Dass Cage ins Filmbusiness gekommen ist, mag ja noch angehen, immerhin ist er der Neffe von Francis Ford Coppola, das verpflichtet irgendwie. Aber dass er sich nicht nur halten konnte, sondern heute als Star gilt, das bleibt - jedenfalls für mich - ein Mysterium. Anscheinend gibt es jedoch durchaus Leute, die ihn mögen, auf dem Internet finden sich sogar Fanclubs von "Nic". Fanclubs! Für Nicolas Cage! Das muss man sich mal vorstellen! Offenbar gibt es nichts und niemanden, der nicht von irgendjemandem toll gefunden wird (auch für uns Film-Blogger besteht also noch immer Hoffnung...).

Ich jedenfalls hoffe und zähle nun auf Sie: Gibt es unter Ihnen einen Cage-Freund oder gar Cage-Fan? Wenn ja, bitte outen Sie sich und erklären Sie mir und uns allen Ihre Gründe: Warum mögen Sie Nicolas Cage? Oder sind Sie alle mit mir einig, dass der Mann schnellstens ein Leinwandverbot erhalten sollte?


27.12.2004

Weihnachts-Alptraum

Von Christian Andiel um 14:49 [ DVD ]
Das Programm war immer klar: An Heilig Abend stritten sich die letzten Käufer um die letzten Weihnachtsgeschenke. Und das waren noch sehr viele am späten Nachmittag. Ich ging zu dieser Zeit ins Kino, anschliessend zum Essen in die Hasenburg, danach gabs Vergnügen je nach Angebot.

Im Kino schaute ich mir stets den neuesten Zeichentrickfilm an. Oder den besten, wenn es keinen neuesten gab oder der nicht mal an Weihnachten zu verkraften war.

Und dieses Jahr? Nichts lief im Kino, was auch nur einigermassen die Vorgaben für diesen Tag erfüllte. Denn etwas fürs Herz sollte es schon sein.

Also führte der Weg statt ins Kino zum DVD-Shop. Der Griff ins Regal war dann sehr klar. „The Nightmare before Christmas“. Was anderes kam nicht in Frage. Die rüde Story um den Steckenmann, der den Weihnachtsmann entführt, die süssen Lieder, die speziellen Charaktere. Tim Burton ist (und bleibt hoffentlich) der grösste Kindskopf, den das Kino momentan zu bieten hat. Und damit öffnet er Herzen, erfüllt er längst gehegte geheime Wünsche.

Dass der Film dann nachts auch im Schweizer Fernsehen lief, tat der Begeisterung am späten Nachmittag keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: Es steigerte die Vorfreude auf die Nacht. Und man muss an dieser Stelle dann sogar mal ein Kompliment nach Leutschenbach schicken. Gar kein soooooo schlechtes Timing.


23.12.2004

Mike, Michael und Mickeys Pulp Fiction

Von Benedikt Eppenberger um 02:46 [ DVD ]
1971 machte Regisseur Mike Hodges Michael Caine zum Racheengel und schickte ihn in «Get Carter» per Eisenbahn ins düstere Newcastle. Das Resultat war ebenso blutig wie stilbildend. Nur ein Jahr später, 1972, traf sich dasselbe Team im mediterranen Malta wieder, wo man sich im Genre der schwarzen Komödie versuchen wollte. Der fertige Film war aber mehr als die erwartbare, geradeaus dampfende Gag-Maschine. In «Pulp» führte Hodges eine göttliche Komödie auf Groschenroman-Niveau hintersinnig und very british ad absurdum.

Mickey King (Caine) ist ein in Malta ansässiger Fliessbandautor, dessen Romane jene Gefühle bedienen, denen wir uns im nüchternen Zustand vernünftigerweise schämen. King fristet ein Leben unbehelligt von allen Kunstansprüchen, bis er eines Tages den Job fasst, als Ghostwriter die Memoiren eines ebenfalls auf Malta lebenden Ex-Hollywood-Stars (Mickey Rooney) zu verfassen. Was verlockend nach easy Job klingt, entwickelt sich in der Folge zum tödlichen Albtraum, in dem King von seinen eigenen Pulp-Fiction-Kreaturen eingeholt wird.

War «Pulp» bis anhin nur auf Kino-Müllhalden wie Kabel1 zu sehen, ist jetzt endlich eine DVD-Fassung der Komödie greifbar. Allein für diesen Umstand schon dankbar, sieht man den Produzenten gerne nach, dass sie sich bei der DVD auf den sauberen Transfer des Films beschränkt haben. Ohne Zusatzmaterial kommt «Pulp» in den 1.66:1-Kino-Abmessungen auf den Bildschirm, und die digital aufgefrischte Mono-Tonspur erlaubt es nun der DVD-Generation, die Güte der messerscharfen Dialoge dieser unterschätzen Komödie für sich zu entdecken.



20.12.2004

Klappe zu.

Von Roger Zedi um 12:00 [ Popcorn ]
Dies wird mein letzter Klappe-Beitrag sein, denn fortan werde ich mich Blog-mässig ganz auf digitale Sushis konzentrieren.

Danke allen, die meine Beiträge gelesen & kommentiert haben – selbst jenen, die prinzipiell alles daneben finden. Zum Abschied verschone ich euch mit einem Klappe-«Making-Of» (versprochen ist versprochen), dafür verrate ich euch meine liebsten Leser-Kommentare:

Freude macht natürlich so was – selten genug kam es vor:
Karl Diedrichs
2004-08-12 12:02:49
Die Kolumne ist ebenso informativ wie grossartig geschrieben. Herr Zedi versteht offensichtlich sein Handwerk und besticht auch immer wieder mit seiner Art, sich subtil zu distanzieren und doch "dabei" zu sein.


Ab und zu schimmerte auch der Anti-Zürich-Reflex durch - für mich besonders amüsant:
pascal - pascal [at] point.ch
2004-10-08 16:36:50
Wer sich fragt, wo er THX schon mal gehört hat - die Antwort lautet: Im Kino. In Zürich beispielsweise im Abaton A und B oder Corso 2.
Oder seit ca. 3 Jahren im Kinepolis in Schaffhausen, in JEDEM der 8 Sääle (von so was kann Zürich noch träumen). Vor allem von solchen Preisen wie in Schaffhausen.


Geschmunzelt habe ich über diesen Kommentar, auch wenn der letzte Satz von mir aus nicht hätte sein müssen:
Peter Schlemihl
2004-10-10 20:17:58
Hey, Roger Zedi, was ist denn in Sie gefahren? Sie sind ja auf einmal ganz menschlich. Bald werden Sie anfangen, über Remakes und DVDs zu wettern. Ein zweiter Curt Blaumond.


Letzterer täuscht sich nämlich ziemlich oft, etwa hier:
Curt Blaumond
2004-08-27 12:44:07
Lieber Herr Zedi, Freunde haben Sie zwar keine, aber...


Das bizarrste in meinen Augen war folgendes:
Claudia Buhofer - [at]
2004-07-31 13:51:51
Unter seinem eigenen Namen hätte es dieser "Zedi" wohl kaum gewagt, in diesem Stil über Frauen herzuziehen.


Die überraschendste Reaktion allerdings erreichte mich nicht online, sonder per Post. Anonym, notabene. So viel zum Thema «richtige Namen»...
Auslöser war mein erster, wohl auch kürzester Blog-Beitrag über Shreks Popularität, die jene von Jesus übersteigt:


Sorry für die Bildqualität. Immerhin ist es eigentlich ganz nett zu wissen, dass sich da draussen wildfremde Leute um mein Seelenwohl sorgen.

Und ein besonderer Dank geht an:
Der Redigator
2004-11-22 14:41:36
Der "überhauBt" typo ist aber immer noch drin und der ist fast schlimmer... ;-)


Also, macht’s weiterhin gut ohne mich & viel Spass im Kino!

PS: Heute sind es noch genau 150 Tage...


16.12.2004

Der Tiger auf DVD - endlich!

Von Ralf Kaminski um 07:06 [ DVD ]
Erinnern Sie sich an Sandokan? Fast alle, die im fernsehfähigen Alter waren, sassen vor der Röhre, als die ARD 1979 die Miniserie „Sandokan – der Tiger von Malaysia“ ausstrahlte. Die von mehreren europäischen Ländern unter italienischer Federführung produzierte Abenteuerserie nach den Romanen von Emilio Salgari war damals ein echter Strassenfeger. Im Zentrum der Geschichte steht der edle Freiheitskämpfer Sandokan (Kabir Bedi), der von seiner kleinen Insel Mompracem aus gemeinsam mit furchtlosen Malaien und seinem portugiesischen Freund Yanez de Gomera (Philippe Leroy) gegen die britischen Kolonialherren kämpft - und insbesondere gegen James Brooke (Adolfo Celi), den weissen Rajah von Sarawak, dem der „Pirat“ (heute würde er ihn vermutlich „Terrorist“ nennen...) ein Dorn im Auge ist. Doch dann verliebt sich Sandokan in Lady Marianna (Carole André), die Nichte Lord Guillonks (Hans Caninenberg), des Vertreters der ostindischen Handelskompanie in Malaysia.

Der italienische Regisseur Sergio Sollima drehte die rund 6-stündige Serie Mitte der 70er-Jahre an Originalschauplätzen in Asien, mit vielen einheimischen Komparsen und echten Elefanten und Tigern. Die Hauptdarsteller waren grossartig, der Soundtrack (von Oliver Onions) eingängig, die Story aufregend, romantisch und tragisch. Kurz, wer zwischen 8 und 16 Jahre alt war, war hin und weg – und auch die Eltern erwiesen sich als durchaus angetan.

Doch anders als heute gab es 1979 und bis weit in die 80er-Jahre für begeisterte Fans keinen Weg, einen Film oder eine Serie zu besitzen – die einzige Hoffnung war, dass das Fernsehen sie wieder einmal ausstrahlte. Sandokan-Fans, die sich dann irgendwann mal einen Videorecorder leisteten, lauerten besonders intensiv darauf, in der Hoffnung, die Serie endlich in die persönliche Sammlung aufnehmen zu können. Irgendwann Anfang der 90er-Jahre erbarmte sich dann SF DRS und brachte sie wieder einmal – und natürlich tauchte sie in Italien als VHS-Kaufkassette auf (mit italienischem Ton versteht sich) und in Holland auch (mit englischem Ton). Dieses Jahr nun kam „Sandokan“ in Italien auf DVD raus (mit italienischem und englischem Ton sowie vielen leider rein italienischen Extras), und vor zwei Wochen hat Deutschland nachgezogen.

Somit ist "Sandokan" 25 Jahre nach der Erstausstrahlung im deutschen Fernsehen nun endlich in exzellenter Qualität zu haben. Die kleine Box enthält drei DVDs mit je zwei Folgen, dazu eine Menge Extras. Besonders schön das lange Interview mit Sergio Sollima, einem mittlerweile alten Herrn von 83 Jahren, der vom Entstehen der Serie und den Dreharbeiten in Asien berichtet. Ich persönlich hatte mir auch ein Interview mit dem bald 60-jährigen Kabir Bedi erhofft, der die Rolle, die ihn damals im Westen berühmt machte und ihm unter anderem einen Einsatz im Bond-Film „Octopussy“ (1983) und der Soap „Dynasty“ (1986) einbrachte, in den 90ern zweimal wieder aufgenommen hat: in „Il Ritorno di Sandokan“ (1996) und „Il figli di Sandokan“ (1998). In seinem Heimatland Indien ist Bedi ein Star, er dreht einen Film nach dem anderen - aber mit ihm gibts leider kein Extra auf der DVD.

Was beim Wiedersehen der Serie besonders auffällt, ist das andere Verhältnis zur Zeit, das damals herrschte. Da kann schon mal minutenlang einfach ein Schiff auf dem Meer vor einer Insel vorbeiziehen – die vom heutigen Fernsehen sozialisierten Menschen hätten vor Ungeduld schon längst weggezappt. Auch die echten Schiffe und Originalschauplätze sind für heutige Verhältnisse aussergewöhnlich - da gibt es keine gemalten Hintergründe, keine Modelle, kaum Spezialeffekte. „Sandokan“ ist somit nicht nur ein noch immer grossartiger Abenteuerfilm, sondern auch die Reise in ein anderes TV-Zeitalter.





PS: „Sandokan“ entstand 1976. 1977 gab es ein Sequel, das handlungsmässig unmittelbar ans Ende der Serie anschloss, mit denselben Darstellern und dem gleichen Regisseur: „La tigre e ancora viva: Sandokan a la ricossa!“ Meines Wissens wurde dieser offenbar zweistündige Spielfilm bei uns nie im Fernsehen gezeigt – ich habe ihn auch sonst nirgends entdecken können und bis heute nie gesehen, es gibt wohl aber eine italienische DVD. Für sachdienliche Hinweise über eine Fassung in englischer oder deutscher Sprache wäre ich ausserordentlich dankbar!


12.12.2004

Eine weite Reise

Von Christian Andiel um 09:01 [ Kino ]
Zurück aus den USA, und schon wieder in den (diesmal österreichischen) Bergen. Dort mit Freude gelesen, dass „Gegen die Wand“ von Fatih Akin den europäischen Filmpreis erhalten hat. Denn gerade diesen Streifen habe ich mir vergangene Woche auf DVD gekauft, damit ich ein Pfand in der Hinterhand habe, wenn ich in den kommenden Wochen immer wieder in Bergregionen verweile, wo das Kinoangebot traditionell nicht gerade vom Feinsten bzw. Aktuellsten ist. Wenn ich schon allein an die Musik bei „Gegen die Wand“ denke...

Aber nochmals zurück zum Heimflug. Da lief im Bordkino „Two Brothers“, der neue Film von Jean-Jacques Annaud. Zwei Tiger-Brüder werden jung getrennt, Jahre später wieder zusammengeführt um in der Arena gegeneinander zu kämpfen, sie erkennen sich jedoch, fliehen gemeinsam und kehren in den Urwald zurück. Na ja. Ich mag Tierfilme eh nicht (Ausnahme: Zeichentrick, aber das ist etwas ganz anderes). Das mit richtigen Bären und Tigern und Hunden und so finde ich immer ziemlich blöd, weil mich diese Vermenschlichung generell nervt. Das Tier als besserer Mensch, das ist ein rechter Schmarren.

Während ich mich also vor der Leinwand so vor mich hin langweilte, fiel mir plötzlich ein, dass der erste Film, den ich im Kino überhaupt sah, ebenfalls ein Real-Tierfilm war. Er hiess „Die weite Reise“ oder so ähnlich. Zwei Hunde und eine Katze machten sich (aus welchen Gründen auch immer) auf einen ganz langen und wahnsinnig gefährlichen Weg durch die USA. Weiss noch jemand, wie der Film genau hiess (muss in den 70ern gewesen sein)? Und ob man den irgendwie auf DVD oder Video erhalten kann? Damals, das weiss ich noch, war ich nämlich ziemlich begeistert – was man als Kind ja wegen der obskursten Sachen sein kann.

Die erste Schallplatte (Rod Stewart, Atlantic Crossing) steht noch zuhause im Regal; das erste Lieblings-Buch (Jeremias Schrumpelhut) ist mir noch sehr präsent (da gabs Wisper-Hexen und einen König, dem mit jedem Altersjahr ein neuer Knoten in den Bart wuchs); ebenso das erste Bundesliga-Spiel, das ich im Stadion miterleben durfte (Stuttgart gewann 3:0 gegen Bayern, beim VfB stand Sawitzki noch im Tor). Aber der erste Film, der verschwimmt leider in der Erinnerung. Vielleicht auch nur, weil’s ein blöder Tierfilm war.


09.12.2004

Meist erwarteter Film 2005

Von Benedikt Eppenberger um 02:15 [ Kino ]


06.12.2004

Gen Osten sollt ihr schaun!

Von Roger Zedi um 08:00 [ DVD ]
Eins vorweg: Nicht alle Blog-Autoren jetten dauernd in die USA, um dort Kinos zu besuchen.

Meine Wenigkeit beispielsweise lag letzte Woche krank im Bett. Das hat leider dazu geführt, dass ich die Presse-Vorfühurng von «Tokyo Godfathers» verpasst habe, über den ich an dieser Stelle sicherlich ausschweifend geschwärmt hätte. Der Anime-Streifen über drei Obdachlose, die ein kleines Kind finden und gemeinsam dessen Eltern suchen, läuft ab 16 Dezember bei uns. Wichtigste Nebenrolle spielt die Stadt Tokio, hier vorab schon mal ein Bild, um uns gluschtig zu machen.


Tokyo Godfathers, ab 16 Dezember im Kino.

So eine Grippe hat aber auch Vorteile. So kann man sich etwa endlich mal jenen DVDs widmen, die man schon lange mal sehen wollte. Und mit dem schon etwas älteren Anime «Laputa – Castle in the sky» (1986) wurde ich denn auch voll für den verpassten Kino-Besuch entschädigt.




Oben: Die sagenumwobene schwebende Stadt Lapyuta, Unten: Heidi und – ääh, eben nicht!


OK, die erste halbe Stunde musste ich beim Anblick der beiden Helden Sheeta und Pazu zwanghaft «Heidi und Geissenpeter, Heidi und Geissenpeter, Heidi...» denken, vielleicht lags ja am Fieber. Dank der spannenden, absolut originellen Fantasy-Geschichte und der superben Animation, die allesamt nicht weiter weg vom japanischen Heidi-Trickfilm aus den 70ern sein könnten, vergisst man die damals eingeprägten Bilder (und Vorurteile) dann aber bald. Rasch erkennt man dafür andere Verwandtschaften: die Piraten-Mutter Dola etwa sieht der Hexe Yu-Baba aus «Chihiro’s Reise» durchaus ähnlich.


Dola (1986) und Yu-Baba (2001).

Das wiederum ist kein Zufall. Beide Filme stammen aus der Feder (oder besser: dem Zeichenstift) von Hayao Miyazaki, einem der erfolgreichsten, bekanntesten japanischen Trickfilmer. In den vergangenen 20 Jahren hat er 11 abendfüllende Animes realisiert, darunter «Prinzessin Mononoke», «Kiki’s Delivery Service» (ein Hexenlehrling, den es schon lange vor Harry Potter gab) oder eben «Spirited Away».

Wer mehr über Miyazaki-san erfahren möchte, der findet alles Wissenswerte auf der Website Nausicaa (ebenfalls nach einem Film von ihm benannt). Und weil Weihnachten vor der Tür steht, sollte man unbedingt die Anschaffung (oder Schenkung) der Studio Ghibli DVD-Box ins Auge fassen (gibt es z.B. hier), die alle 11 bisherigen Filme umfasst.

Miyazaki’s neustes Werk «Moving Castle» ist gerade in Japan gestartet und hat dort alle Kassenrekorde gebrochen. Wann der Streifen zu uns kommt, ist noch offen (in Frankreich startet er schon im Januar, also geht’s hoffentlich zügig).

Apropos Frankreich: In Paris läuft gerade eine Ausstellung mir Werken von Miyazaki, die gemeinsam mit Zeichnungen des bekannten französichen Comiczeichners Moebius zeigt. Alle Infos dazu hier.

Man muss also keineswegs gleich in die USA jetten, um was Gutes zu Gesicht zu bekommen.


02.12.2004

Paradies mit Schoenheitsfehlern

Von Ralf Kaminski um 11:17 [ Kino ]
Wie Kollege Andiel war auch ich gerade in den USA und hatte folglich ebenso das Vergnuegen mit Flugzeugfilmen - und zwar denselben. Ich war dann froh, dass ich ein gutes, dickes Buch dabei hatte... Irgendwie ist es ja absurd, aber seit es zum Standard geworden ist, auch in der Economy-Klasse seinen eigenen Bildschirm und eine Auswahl an Filmen zu haben, kommt es mir vor, wie wenn sich die Fluggesellschaften besondere Muehe gaeben, die Grenze des unteren Mittelmasses ja nicht zu ueberschreiten. Ich meine, da haben sie 10 Kanaele, von denen sie 5 fuer Filme nutzen, und alles was sie zeigen sind seichte, moralinsaure Familien- und Teeniekomoedien und mehr oder minder hirnlose Action-Filme. Nur ja nichts, was den durchschnittlichen (US-) Flugreisenden intellektuell herausfordern oder moralisch irritieren koennte.

Doch eigentlich wollte ich ueber was anderes schreiben, das Kinoparadies USA naemlich. Jedesmal wenn ich in God's Own Country bin, sitze ich praktisch einmal pro Tag im Kino, denn obwohl es inzwischen einige Filme gibt, die weltweit gleichzeitig starten, ist es in der Regel doch so, dass in den USA viele Filme schon laufen, die in der Schweiz erst in einigen Wochen oder gar Monaten auftauchen. So hatte ich etwa diesmal das Vergnuegen mit 'The Incredibles' (der neue Geniestreich von Pixar, CH-Start am 8.12.), 'Alexander' (Oliver Stones prachtvolles Historienspektakel mit Staraufgebot, CH-Start am 6.1.05), 'Saw' (ein extrem spannender und beunruhigender Thriller, CH-Start noch unklar) oder 'Kinsey' (die Geschichte des bisexuellen Sexualforschers Alfred Kinsey, der das pruede Amerika in den 50ern und 60ern maechtig schockierte - der Film scheint das auch heutzutage noch zu schaffen, jedenfalls gibts lautstarke Proteste religioeser Gruppen; die Hauptrolle spielt uebrigens Liam Neeson, der so gut ist wie seit 'Schindlers List' nicht mehr, CH-Start am 3.3.05).

Aber es sind nicht nur die fruehen Filmstarts, die einen Kinoaufenthalt in den USA so lohnenswert machen. Dazu kommt, dass man praktisch vollstaendig von Werbung verschont wird. Das mag ueberraschen, wenn man bedenkt, wie commercial-lastig das US-Fernsehen ist, aber das Kino ist tatsaechlich werbefrei. (Nebenbei: Jedem, der sich uebers Fernsehen in Europa beklagt, kann ich nur nahelegen, mal zwei Stunden durch die US-Kanaele zu zappen - man kann nur beten, dass diese durchkommerzialisierte und realityshowverseuchte TV-Form nicht auch unsere Zukunft ist.) Stattdessen gibts in der Regel fuenf oder mehr Trailer fuer kommende Filme, und dann startet der Hauptfilm. Ohne Pause versteht sich. Und das ganze erst noch zu deutlich guenstigeren Preisen als bei uns.

Wie jedes Paradies ist aber auch dieses nicht ohne Schoenheitsfehler: So klingelt in praktisch jeder Vorstellung ein Handy, und es ist dann also nicht so, dass der Angerufene das Geraet verschreckt abstellt, nein, er nimmt ab und fuehrt waehrend des Films das Gespraech. Ebenfalls ziemlich ueblich ist es, dass mitten im Film noch neue Zuschauer auftauchen und nach Plaetzen suchen bzw. andere Zuschauer beschliessen, den Streifen an dieser Stelle nicht mehr weitergucken zu wollen - es herrscht also immer wieder Unruhe im Saal. Dazu kommt, dass einige Leute waehrend des Films ganze Mahlzeiten verdruecken. Man kann in der Lobby naemlich in der Regel nicht nur Popcorn und Schokoriegel kaufen, sondern Hotdogs und Tablette voll mit Nachos und Dip - es wird also geschmatzt und geknistert, was das Zeug haelt. Ebenfalls ueberraschend verbreitet ist es, Kinder in Filme mitzunehmen, fuer die sie definitiv zu jung sind. In 'The Incredibles' habe ich Dreijaehrige gesehen, und was sich Eltern dabei denken, ist mir ziemlich schleierhaft. Noch beunruhigender war allerdings der Sechsjaehrige in 'Saw', einem Film, der R geratet ist (das entspricht etwa ab 16 Jahren bei uns) und teils explizite Gewaltdarstellungen auf die Leinwand bringt. Doch immerhin, bevor es richtig heftig wurde sahen die Eltern wohl ein, dass das nicht eben die beste Wahl fuer ihren Sproessling war - sie verliessen den Film nach dem ersten Drittel. Aber, und das ist der Punkt, sie wurden an der Kinokasse nicht gestoppt. In der Schweiz undenkbar.



PS: Vielleicht erinnern Sie sich - Ende August habe ich Ihnen eine Wette angeboten betreffend 'Alexander'. Auf dem Internet kursierten die Informationen, dass die Bisexualitaet des grossen Eroberers in Oliver Stones Film ein Thema sein wuerde, im Gegensatz zu jener von Achilles in Wolfgang Petersens 'Troy'. Und ich wollte mit Ihnen wetten, dass aber trotz allem die Szenen mit Alexanders Frau Roxanne deutlich mehr Raum einnehmen wuerden als jene mit seinem Liebhaber Hephaestion. Tja, haetten Sie sich mal drauf eingelassen, dann haetten Sie jetzt eine 'Troy'-DVD von mir zugute... Die einzige richtige Nacktszene gibts zwar mit Roxanne, aber die Beziehung zu Hephaestion ist derart selbstverstaendlich und haeufig thematisiert, dass die Szenen mit Roxanne deutlich in den Hintergrund ruecken. Mehr als Umarmungen liegen zwischen Colin Farell (Alexander) und Jared Leto (Hephaestion) dann aber doch wieder nicht drin - derweil Liam Neeson seinen Liebhaber in 'Kinsey' so richtig leidenschaftlich kuessen darf.