30.1.2005

Lambiel und Glass

Von Christian Andiel um 11:23 [ Popcorn ]
In Bormio herrscht das Chaos. Warum immer wieder sportliche Grossanlässe nach Italien vergeben werden, ist vielen Menschen schleierhaft, denn es funktioniert nichts, gar nichts. Ob sie nicht organisieren können oder nicht wollen, ist schliesslich einerlei. Hauptsache ist – niemand hat irgend etwas nichts im Griff, es sei denn man ist mit den zuständigen Polizisten oder den Hütern der richtigen Bewilligungen verwandt oder sehr gut bekannt.

Immerhin soll es hier in Bormio ein Kino geben. Gefunden habe ich es noch nicht, aber das ist wohl auch egal: Das Programm dürfte aus dem „Phantom of the Opera“ bestehen, vielleicht wird auch „Don Camillo und Peppone“ wiederholt.

Gott sei Dank hilft in solchen Situationen manchmal das Fernsehen. Und diesmal nicht einmal in direkter Form eines schönen Films. Sondern eher indirekt. Beim Zappen nämlich auf Eurosport gekommen, und eigentlich bin nicht wirklich Fan von Eiskunstlaufen _ aber die Musik war es, die mich aufhorchen liess. Der Schweizer Stephane Lambiel war auf dem Eis, und die Klänge, zu denen er seine Pirouetten drehte, waren eindeutig von Philip Glass. Es war der Soundtrack zur „Truman Show“.

Das Zappen hatte ein Ende (zumindest bis zum Ende von Lambiels Kür). Und es war wieder einmal eine erstaunlich Erfahrung, welch gewaltige Bilder die minimalistische, unverkennbare Musik von Glass hervorrufen kann. Einer breiteren Öffentlichkeit war er 1983 aufgefallen, mit dem Soundtrack zu „Koyaanisqatsi“. Wer den Amerikaner aber nur vom Kino her kennt, der verpasst sehr vieles. Seine Symphonien, seine Opern, seine Songs, seine Suiten und vor allem seine Violinkonzerte (im Idealfall gespielt vom Kronos Quartett).

So war der Abend gerettet. Und ob Bormio ein Kino hat oder nicht, war endgültig ohne jegliche Bedeutung. Sogar das Chaos war sortiert.


22.1.2005

Schnippeln/Straffen

Von Matthias Saner um 21:50 [ TV ]
Sieben Gründe weswegen sie Nip/Tuck nicht mehr verpassen dürfen:

1 Weil sich Nip/Tuck unvoreingenommen, differenziert und schonungslos mit dem Thema Schönheitswahn und Chirurgie auseinandersetzt, und gleichzeitig deftig und plakativ sämtliche Klischees des Themas jongliert. So deftig, dass die amerikanische Vereinigung der plastischen Chirurgen, sich genötigt sah, zu betonen, wie ganz und gar unrealistisch die Darstellung ihres ehrenwerten Berufsstandes in Nip/Tuck doch sei. Wir sind konfrontiert mit dem Wahn einer Gesellschaft, in der das Aussehen alles bedeutet. Darf sich eine junge Frau auf ihren Abschlussball mit einer umfassenden Schönheitsoperation vorbereiten? Braucht eine erfolgreiche fünfzigjährige Schriftstellerin ein Facelifting? Nip/Tuck gibt keine einfachen Antworten.



2 Wegen „Christian Troy, (Pause) Plastic Surgeon“. Wenn er sich einer Frau so vorstellt, dauert es nicht mehr lange bis sie mit ihm die Laken teilt. Und nicht viel länger bis er eine neue Patientin gewonnen hat. Wenn sie nicht schon vorher mit ihrem Aussehen unzufrieden war, dann ist sie’s bestimmt, nachdem sie dem geübten Auge des Schönheitschirurgen ausgesetzt war: „Am I really this ugly?“.
Christian Troy ist die schamlose, amoralische Hälfte des Chirurgenduos im Zentrum von Nip/Tuck. Er sieht blendend aus, fährt tolle Autos und hat eine Menge Sex in verschiedenen Stellungen. Und er nennt die Dinge beim Namen. (Kein Wunder, dass der „Parents Television Council“die Sponsoren der Show mit Boykottdrohungen dazu bringen will, der Serie ihr Geld zu entziehen.)

3 Wegen Dr. Sean McNamaras Gewissen. Sean ist die andere Hälfte der Praxisgemeinschaft. Als Familienvater bemüht er sich, seine Ehe intakt zu halten und die Probleme seines adoleszenten Sohnes zu meistern. Als Chirurg hat er den Perfektionswahn seiner Patientinnen und Patienten satt, weshalb er darauf besteht bedürftige Patienten mit wirklichen Problemen kostenlos zu behandeln. Er stellt hohe moralische Ansprüche an sich selbst, steht immer unter Druck, und entpuppt sich dabei überraschenderweise manchmal, als der weniger integere der beiden Partner.

4 Wegen spannungsgeladener Action wie dieser: Christian Troy bereitet sich auf eine Operation vor. Er ist noch etwas benommen, hat gerade beim morgendlichen Sex seine Nase gebrochen, meint aber, die Operation trotzdem alleine durchführen zu müssen, weil McNamara, seit kurzer Zeit unter einem Tick leidet. Dessen Hand droht nämlich willkürlich zu zucken, was bei einer plastischen Operation wirklich nicht angebracht ist. Nun ist er aber überzeugt, seinen Tick überwunden zu haben und wagt sich selbstsicher an den Operationstisch. Wir als Zuschauer und die assistierenden Krankenschwestern, sind etwas skeptisch.
Der Patient selbst ist tief narkotisiert und kriegt von allem nichts mit. Ihm wird ein Tennisball grosses Ödem vom Hals entfernt werden, vom Hals, Sie wissen schon, da wo die Schlagadern sind. Die B&O Anlage wird angeworfen, und los geht’s. Die Hand mit dem Skalpell zögert. Die Ärzte tauschen Blicke aus. Langsam bewegt sich das Messer auf das riesige Geschwulst zu, setzt an, sticht in die Haut, vollführt einen kreisförmigen Schnitt, es blutet, Klammern bitte, und wie es weitergeht werde ich nicht verraten. Aber seien Sie versichert, es geht weiter, an genau dieser Stelle, kein Zeitsprung und kein Wegblenden.

5 Wegen Vanessa Redgrave’s Gastauftritten.

6 Weil Nip/Tuck gerade mit einem Golden Globe als beste Drama Serie ausgezeichnet wurde (langsam bekomme ich echt Respekt vor dieser Jury).

7 Weil Nip/Tuck ohne Werbeunterbrechung und im Zweikanalton zu sehen ist. Auf SF2 am Montagabend um halb zehn. Haben sie dann was Besseres vor?


17.1.2005

Vampire, die bellen, beissen nicht

Von Ralf Kaminski um 09:16 [ Kino ]
Nur selten lassen wir uns hier im Blog zu Filmkritiken hinreissen, und die sind ja notwendigerweise auch immer sehr subjektiv. Dennoch möchte ich hier alle Freunde des gepflegten Vampirfilms davor warnen, sich wegen „Blade Trinity“, der am Donnerstag bei uns anläuft, auf den Weg ins Kino zu machen. Es wäre Zeit- und Geldverschwendung – der Film ist nur jenen zu empfehlen, die viel Action, viel Geballer, viel Geprügel und seichte Witze toll finden. Oder vielleicht leidenschaftliche Fans von Wesley Snipes sind.

Gerade auch wenn Sie 1998 den ersten Blade-Film gemocht haben, können Sie diesem hier (Teil 3 übrigens) getrost fernbleiben – was damals ein hübsches Spiel mit Vampir-Mythen und urbaner Moderne war, erinnert diesmal an drittklassige Action-Filmchen mit Steven Segal oder Jean-Claude van Demme. Die Story geht in etwa so: Blade (eine Art Mensch-Vampir-Hybrid, der sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, Vampire zu jagen und zu vernichten) gerät ins Visier einer Vampir-Gang, die gerade eben den Urvater aller Vampire (man ahnt es: Dracula) aus einem Tempel im Irak (!) wieder erweckt hat. Mit Dracula, der sich jetzt Drake nennt und bemerkenswerterweise keine Probleme mit Sonnenlicht hat (im Gegensatz zu den späteren Vampir-Generationen, die sich mit Menschen gepaart (?!) haben), erhofft sich die Gang einerseits, Blade ein für alle mal erledigen zu können, andererseits den Schlüssel zur Tageslichttauglichkeit zu erhalten. Blade derweil muss sich aus einer Falle von der Tochter seines alten Mentors Whistler retten lassen, die ihrerseits mit einer Gang von Vampirjägern auf der Suche nach „der Endlösung“ für die Vampire ist – eine Art Virus, der mit Drakes Blut vermischt werden muss, um so richtig wirksam zu sein. Die Handlung ist allerdings reichlich nebensächlich und dient primär als Vorwand für Explosionen, grosse Schiesseisen sowie hingebungsvolle Faustkämpfe. Und Sie ahnen ja sicher, wer am Ende gewinnt.




Besonders erschütternd fand ich persönlich Dracula, gespielt von einem gewissen Dominic Purcell. Er wird als unbesiegbares Supermonster eingeführt, das seine Gestalt wandeln kann und das selbst die Vampir-Gang fürchtet – bei der ersten Begegnung mit Blade rennt der mächtige Urvater aller Vampire allerdings weg und nimmt ein Baby als Geisel. Immerhin ist er der einzige Blutsauger, der zwischenzeitlich auch mal einen Menschen in den Hals beisst – mehr aus Verärgerung als aus Hunger, wies scheint, derweil die anderen sich in irgendwelchen abgelegenen Lagerhäusern eine Blutfarm aufgebaut haben. Da hängen hirntote Menschen an Schläuchen und liefern das kostbare Lebenselixir („The Matrix“ lässt grüssen), so dass der moderne Vampir sich das ganze mühsame Jagen und Töten sparen kann. Wie sich die Vampire in diesem Film überhaupt praktisch alles sparen, was Vampire ausmacht, ausser den prominenten Eckzähnen und einem sehr effektvollen Zu-Asche-Zerfallen, wenn sie von den Guten erledigt werden. Eigentlich hätte man aus den Vampiren auch gleich Gangster und aus den Vampirjägern Cops machen können, das wäre irgendwie ehrlicher gewesen. Und dann sind da noch diese vampirisierten Hunde (comic relief), aber selbst sie dürfen nur bellen und beissen nicht.

Verbrochen hat den Film David S. Goyer (Regie, Drehbuch und Produktion), der immerhin das Drehbuch zu einem so tollen Film wie „Dark City“ (1998) verfasst hat und eigentlich mehr könnte. Auch die Story des fünften Batman-Films „Batman Begins“ (CH-Start 23. Juni) stammt aus seiner Feder. Das lässt leider Böses ahnen. Immerhin, „Blade Trinity“ ist in den USA kräftig gefloppt und hat nach rund einem Monat noch nicht mal seine Produktionskosten von 65 Millionen Dollar eingespielt.


15.1.2005

Bon appétit

Von Benedikt Eppenberger um 00:00 [ Popcorn ]
Gérard Depardieu war mal richtig gross. Zu sehen sind zwölf seiner besten Filme zurzeit in einer Retrospektive, die das Stadtkino Basel (stadtkinobasel.ch) dem Franzosen gewidmet hat.

Und heute? Ja heute spielt Gérard am liebsten schrullige Köche und übergewichtige Gallier mit mächtig viel Kohldampf.




Zutaten für Gérards «Schaf Kazimir»:

- ein Schaf

- ein Esslöffel Zucker

- zwei Pfefferschoten

- eine Tasse Reis

- ein Glas Bordeaux

- eine Wolke Aromat

Alles zusammen in einen grossen Topf werfen, umrühren, fertig!
(Für die Variante «Obelix» einfach statt Schaf Wildschwein nehmen.)

Genaueres dazu und viele weitere leckere Rezepte findet ihr in:





08.1.2005

Ehren-Oscar für Ennio

Von Christian Andiel um 02:19 [ Popcorn ]
Bormio hat eine spektakuläre Ski-Abfahrt; in ein paar Wochen findet hier und im Nachbarort Santa Caterina die alpine WM statt. Die Küche ist schlicht und deshalb genial, der Veltliner Wein passt wunderbar dazu. Im Kino lief vergangene Woche „The Phantom of the Opera“...

Musicals sind so überflüssig wie ein Kropf, sie sind ärgerlich, albern und anachronistisch. Sie vergewaltigen Musik. Komponisten, Sänger und Sängerinnen, Choreografen, Tänzerinnen und Tänzer mögen ihre Talente haben, aber warum verschwenden sie diese in und mit Musicals? Ja, ja, natürlich, das Geld, ist ja schon in Ordnung. Aber die Zuschauer? Die bezahlen sogar noch dafür...beim Blick auf die Kinoplakate kam also wieder einmal grosser Zorn auf...

...und schon brachte dieses Gefühl die Rettung für den Abend. Zorn, John Zorn. Der Komponist und Jazzer, der Grenzüberschreiter und geniale Krachmacher hat sich mit einem beschäftigt, der mitgeholfen hat, das Kino auf ein besonderes Niveau zu heben, uns grosse Filme noch näher zu bringen: „Ich habe immer gedacht: Das kann ich nicht machen“, sagte Zorn einmal, „Morricone ist einfach zu gross.“

Zorn hat es doch gemacht. Er hat die Musik des gewaltigen Ennio nachgespielt. Auf Zorns Art. Morricone, dieser grandiose Komponist, Klangmaler, hat aber nicht nur Zorn inspiriert. Mindestens zwei weitere wunderbare CDs gibt es. Hier sind alle drei:

1. John Zorn, The Big Gundown. Eine schrille, sehr eigenwillige Interpretation. Keiner ging mit dem grossen Meister weiter, wagte soviel. Morricone selbst lobte das Werk genau aus diesem Grund.

2. Jens Thomas, You Can’t Keep A Good Cowboy Down. Der Pianist reduziert Morricones Musik, er schafft es, die Essenz herauszuarbeiten. Man spürt dennoch die Wucht, die in seinen Kompositionen steckt. Rührend fast schon, wie Thomas ein Faksimile von Morricones wohlmeinender Reaktion auf das zugeschickte Tape auf der Hinterseite des Covers abdruckt.

3. Yo-Yo Ma Plays Ennio Morricone. Das neueste Werk, das sich mit dem Grössten der Filmmusik beschäftigt. Der momentan weltbeste Cellist Yo-Yo Ma streicht die Saiten liebevoll und warm, unterstützt wird er vom Symphonieorchester, das der Meister selbst dirigiert! Es ist der traditionellste Umgang mit Morricones Werk, aber er geht von den drei genannten am direktesten ins Herz und Gemüt.

Lassen wir uns also nicht von schlechten Filmen ins Kino locken, es gibt der Alternativen genug (Morricones Werk passt übrigens perfekt zu Veltliner Rotwein mit den schönen Namen wie Inferno oder Sfursat). Und wie sich bei den Klängen die Bilder aus dem Kopf lösen, vor die Augen treten...warum hat eigentlich Ennio Morricone noch keinen Ehren-Oscar bekommen?


03.1.2005

«The office» vs. «Stromberg»

Von Matthias Saner um 21:14 [ TV ]
Kurz vor Weihnachten habe ich die achte und bisher letzte Folge der Sitcom «Stromberg» auf ProSieben verpasst. Ich habe auch alle anderen Folgen nicht gesehen, und war dabei in guter Gesellschaft, die Quoten sollen ja nicht gerade traumhaft sein. Normalerweise interessiere ich mich kaum für deutsche Comedy. Bis ich lese, dass die BBC ProSieben Urheberrechtsverletzungen vorwirft, da «Stromberg» 1:1 von der BBC Produktion «The Office» abgekupfert worden sei.

«The Office», muss man wissen, ist die Kultserie, die 2004 zwei Golden Globes erhielt, eine erstaunliche Auszeichnung für eine englische Produktion. In einem von "Reality TV" inspirierten pseudo-dokumentarischen Format, zeigt die Serie den Büroalltag in einer typischen britischen Firma, in schier unerträglichem Realismus. Der Abteilungsleiter, gefällt sich in seiner Selbsteinschätzung als lockere, offene Führungsfigur, die immer für einen "good laugh" zu haben ist und damit ein motiviertes Arbeitsklima schafft. In den Augen seiner Mitarbeiter ist er ein taktloser Vollidiot. Die Bedrohung, die ganze Abteilung könnte, bei ungenügender Leistung, im Zuge von Restrukturierungsmassnahmen aufgelöst werden, verleiht dieser Situation eine gewisse Dramatik.

Die äusserst erfolgreiche Serie wurde nach zwei Staffeln, auf Wunsch von Autor und Hauptdarsteller Ricky Gervais, beendet, später dann in zwei Weihnachtsfolgen fortgesetzt. Erfolgreich war die Serie eben auch in den USA, so dass von NBC ein amerikanisches Remake produziert wird, das bisher aber bei Test-Screenings floppte, Ausstrahlungstermin soll nun eventuell Anfang dieses Jahres sein. Wen wunderts, dass auch ProSieben die Sache versucht, und nicht mal so schlecht. Auf der ProSieben Website können sämtliche acht Folgen von «Stromberg» in ganzer Länge angesehen werden. Urteilen Sie selbst.

Kaum zu glauben aber, dass ProSieben die Serie ohne Rücksprache mit der BBC produziert hat. Die Gemeinsamkeiten mit dem Original sind zu offensichtlich, reichen vom eigenwilligen Format, über das Setting, bis hin zum Bärtchen des Abteilungsleiters. Nach Angaben der BBC entgegnete ProSieben auf die Plagiats-Vorwürfe, Stromberg basiere auf deutschem Humor und nicht auf britischem Geschmack. Das stimmt nicht ganz, was eigentlich ein Glück ist, aber vom deutschen Publikum bisher nicht goutiert wurde. Oder rührt der mässige Erfolg nur daher, dass die Authentizität, welche das Original so prägt, in der gestylteren deutschen Umsetzung, doch etwas gelitten hat? Weitere Folgen sind offenbar geplant.


Beide Staffeln und die Christmas-Specials von «The Office» sind auf DVD erhältlich. Auf der BBC Website gibts eine Menge Zusatzinformationen und einige Kostproben.