30.5.2005

Fussballfieber

Von Benedikt Eppenberger um 10:03 [ Kino ]


Diese unglaubliche Meldung aus der Welt des Fussballer-Films las ich kürzlich in einem einschlägigen Forum:
«Soccer legend Pele is in talks with writer Freddie Fields to create a sequel to the Fields-penned soccer-war drama ESCAPE TO VICTORY. Pele starred in the 1981 original directed by John Huston along with Sylvester Stallone, Max Von Sydow and Michael Caine.»
Schön zu wissen, dass es offenbar nur eines Machtwortes von Pele bedarf, und schwupps, schon wird zum vermutlich dämlichsten Film aller Zeiten ein Sequel in die Röhre geschoben. Nachdem ich 1981 «Escape to Victory» zum ersten Mal gesehen hatte, versuchte ich mir nämlich immer schon vorzustellen, was wohl aus dieser Alliierten-POW-Mannschaft geworden war. Was war geschehen, nachdem Michael Caine, Pele, Ardiles, Bobby Moore sich im Pariser Parc des Prices ein so prächtiges Duell mit einer Nazi-Elf geliefert hatten? Wird jetzt endlich der Schleier gelüftet? Kommt es zum Rückrunden-Spiel? Mit King Kahn als direktem Gegenspieler von Sylvester Stallone? Bruno Ganz als Hitler und Mia Aegerter als Leni Riefenstahl? Ich kann es kaum erwarten.


Auch kaum erwarten will man die Eröffnung des neuen Wankdorf-Stadions in Bern. Es heisst zwar jetzt nicht mehr Wankdorf-Stadion, aber wir wissen alle wovon die Rede ist. Wer im neuen Wankdorf ganz bestimmt nicht willkommen ist, der findet heraus, wer sich eine kleine Sammlung mit Wankdorf-Filmen des Berners Rroni the Pony anschaut. Auskunft gibt u. a. das «Wankdorf-Gebet» (für multilingual Begabte auch als «Oração do Wankdorf», als «Wankdorf Prayer», Pière de Wankdorf» oder «Preghiera di Wankdorf» erhältlich), wo ein wild beschnauzter Artur Jorge sein Stossgebet gen Himmel sendet und dabei auf göttliche Unterstützung gegen Sacha Rufer hofft.

Im schön choreografierten «Untouched» schliesslich ist Rroni the Pony auch noch leibhaftig beim Ballspiel im unvollendeten Wankdorf zu sehen. Zum Sound der Chemical Brothers zieht er seine Kreise durch die Zuschauerränge des Jahrhundertbaus, bis endlich ein Wankdorf-Luder erscheint und ihn vor die Schicksalsfrage stellt: Frau oder Ball?

Wer mehr wissen möchte kann sich die Filme bestellen. Und zwar unter der Adresse: immerblau@bluewin.ch


24.5.2005

Aufhören mit Jammern!

Von Christian Andiel um 10:51 [ Popcorn ]
So, nun ist es amtlich. Wer immer auch über die zu hohen Preise der Kinobillette in der Schweiz jammert, hat unrecht. Das Film-Fachblatt Screen Digest hat einen Vergleich zwischen den Ländern gemacht, und da schneidet die Schweiz erstaunlich gut ab. Grundlage war die Frage: Wie lange muss man im betreffenden Land arbeiten, um einen Eintritt ins Kino kaufen zu können?
Die Schweiz liegt in dieser Rangliste an siebter Stelle. Nur etwas mehr als 32 Minuten Arbeit ist nötig, um genügend Lohn für ein Ticket kassiert zu haben. Schneller hat man die Kohle nur in Indien (16,1 Minuten), den USA (23,9), China (25,7), Luxemburg (27,4), Irland (29,9) und Norwegen (31,5) beisammen.
Die Engländer (35,4), Deutschen (36,9), Franzosen (38,6) und Österreicher (40) müssen allesamt länger malochen. Von den Italienern ganz zu schweigen, die verplempern bei der Büez mehr als eine Stunde, ehe das Filmvergnügen beginnen kann. Damit verpassen sie aber nur knapp den Durchschnitt, der bei 56,6 Minuten liegt. Ganz arm dran sind die Bulgaren: Mehr als zwei Stunden (122,7 Minuten) muss der Lohn gesammelt werden, ehe das Stückchen Papier für den Eintritt ins Paradies erworben werden kann.


17.5.2005

Betrifft: Jean-Claude Carrière

Von Benedikt Eppenberger um 13:33 [ Kino ]
Gut gefallen hat mir der augenblicklich in unseren Kinos gezeigte Film «Birth» mit Nicole Kidman. Hat man erst einmal die falschen Erwartungen – geweckt durchs Feuilleton und sein Raunen über «Wiedergeburt» und anderen Esoterik-Plunder – über Bord geworfen, dann wird einen diese Geschichte über die Illusion der Liebe ganz schön reinziehen ... oder eben auch nicht. Wer eine Neuauflage des unerträglichen «The sixth sense» erwartet hatte, wird – gottseidank – enttäuscht. «Birth» orientiert sich weit weniger an zeitgenössischen Geisterfilmen als vielmehr an Hitchcock und dessen vielleicht romantischsten Film «Vertigo».

Geschrieben hat die Vorlage für «Birth» von Jonathan Glazer der Franzose Jean-Claude Carrière. Kein Unbekannter in der Filmszene, hat er doch mit Edel-Regisseuren wie Louis Buñuel, Louis Malle, Milos Forman und Peter Brook zusammengearbeitet und mit seinen Scripts dem europäischen Kino der letzten vierzig Jahre entscheidende Impulse gegeben. «Birth» ist ein schönes Echo auf eine Zeit, als Drehbücher noch nicht a priori zu jener Formelhaftigkeit strebten, die viele Filme heute so geschmacklos macht.

Carrière ist ein alter Mann (Jahrgang 1931) und versteht vielleicht deshalb – ganz altertümlich - das Drehbuch als Anleitung zur Herstellung eines Kunstwerkes; d. h. er begreift das Drehbuchschreiben als offenen Prozess hin zu einem Film, der, einmal abgeschlossen, Platz für viele Interpretationen zulassen soll.

Nachlesen lassen sich Episoden von den Drehbucharbeiten Carrières mit Louis Buñuel in dessen äusserst lesenswerter Autobiografie «Mein letzter Seufzer». Eindrücklich dabei ist vor allem die Schilderung der Mengen von Gin-Tonics, die die beiden Männer in sich reinschmeissen mussten, ehe die Ideen zu Filmen wie «Der diskrete Charme der Bourgeoise» oder «Das Fantom der Freiheit» zu sprudeln begannen.

Nur unwesentlich nüchterner zu lesen ist das Buch «Praxis des Drehbuchschreibens & über das Geschichtenerzählen», das Jean-Claude Carrière zusammen mit dem Kritiker und Cinéasten Pascal Bonitzer geschrieben hat. Wie bereits der Titel andeutet, ist dieser Text nicht nur einfach fürs Fachpersonal gedacht, sondern erzählt absolut lustvoll Geschichten übers Geschichtenerzählen. Das zu lernen möchte man einer neuen Generation von DrehbuchautorInnen ganz besonders ans Herz legen.



10.5.2005

Ein würdiges Finale

Von Ralf Kaminski um 18:21 [ Kino ]


Millionen von Fans haben Jahre darauf gewartet – einige mit gespannter, andere mit besorgter Vorfreude: Würde der letzte Teil der „Star Wars“-Saga genauso mässig werden wie es Episode I und Episode II waren? Oder würde George Lucas es doch noch mal schaffen, wenigstens einen Film abzuliefern, der seiner ersten Trilogie (Episoden IV-VI, 1977-83) würdig ist? Nun, nächste Woche startet „Star Wars: Episode III – Revenge of the Sith“ weltweit gleichzeitig in den Kinos, am Montag wurde der Film der Zürcher Presse gezeigt. Und siehe da, er war gut. Zumindest ist er der mit Abstand beste Teil der zweiten Trilogie (Episoden I-III, 1999-2005) – vielleicht hat er sogar die Chance, „The Empire Strikes Back“ (1980) zu übertrumpfen, der bisher als bester aller „Star Wars“-Filme gilt.

Überraschungen gibt es allerdings keine: Die Handlung ist mehr oder weniger vorgegeben, da der Film das Verbindungselement zwischen „Attack of the Clones“ (2002) und „A New Hope“ (1977) darstellt. Man weiss also, dass am Ende von „Revenge of the Sith“ die dunkelste Stunde der Galaxis begonnen hat: Aus der Republik wird ein Imperium, aus dem Kanzler der Imperator, aus Anakin Skywalker (Hayden Christensen) der Sith-Lord Darth Vader – und von all den vielen edlen Jedi-Rittern überleben nur gerade zwei: Obi Wan Kenobi (Ewan McGregor) und Yoda. Und obwohl man all dies weiss, bevor die ersten Fanfaren-Klänge der 20th Century Fox Hymne erklingen, zieht der Film dennoch rein. Er ist dramatisch, düster, spektakulär und gespickt mit Laserschwert-Duellen: Obi Wan und Anakin gegen Count Dooku (Christopher Lee in einem sehr kurzen Auftritt), Mace Windu (Samuel L. Jackson) gegen Kanzler Palpatine (Ian McDiarmid), Obi Wan gegen General Grievous (ein monströser Kampfroboter), Obi Wan gegen Darth Vader (zu dem Zeitpunkt noch ohne Maske), Yoda gegen Imperator Palpatine.

Obwohl „Revenge of the Sith“ sehr action-lastig ist, versinkt die Handlung diesmal nicht darin. Und eine der spannendesten und charismatischsten Figuren der zweiten Trilogie, Supreme Chancellor Palpatine, bekommt endlich richtig was zu tun. Zwei Enttäuschungen gibt es trotzdem: 1. Der grossartigste Bösewicht aller Zeiten, Darth Vader, bekommt seine legendäre Maske erst in den allerletzten Minuten des Films und hat nur gerade zwei extrem kurze Auftritte, davon einer wortlos. 2. Die finale Verführung Anakins zur dunklen Seite der Macht durch Palpatine findet letztlich über Anakins grosse Liebe zur inzwischen schwangeren Padmé (Natalie Portman) statt, eine Liebe, die man den beiden schon in „Attack of the Clones“ nicht so richtig abgenommen hat, und an die man auch diesmal mehr glauben muss als dass sie überzeugend rüberkäme. Das macht ihre grosse Bedeutung bei der Transformation von Anakin zu Vader etwas heikel.

Alles in allem ist jedoch dieser sechste und laut George Lucas definitiv letzte Teil der „Star Wars“-Saga ein würdiges Finale, das alle losen Enden zusammenknüpft und der alten Trilogie einen ganz neuen Twist gibt. Als Gesamtpaket über alle sechs Filme betrachtet ist „Star Wars“ nun also die Entwicklungsgeschichte von Darth Vader alias Anakin Skywalker, der wegen der Liebe zu seiner Frau zum Bösen verführt wird und durch die Liebe seines Sohnes nicht nur zum Guten zurückfindet, sondern die Quelle des Bösen gleich noch vernichtet und sich damit rehabilitiert. Wenn das keine ergreifende Story ist.


06.5.2005

Ein Lob den Kindern

Von Christian Andiel um 16:15 [ Kino ]
Keine Angst, ich bin nicht auf dem Weg zum Gutmenschen. Und ich gehoere immer noch nicht zu denjenigen, die lauthals Kinder an die Macht schreien und auch noch glauben, dass dann alles besser wird.

Aber trotzdem moechte ich diesmal Kinder loben und zwar zwei ganz bestimmte: Sarah Juel Werner und Rebecca Logstrup. Wer den wunderbaren Dogma-Film Brothers von Susanne Bier bereits gesehen hat, weiss, wen ich meine. Die beiden Toechter des Ehepaares Sarah und Michael. Kurz die Geschichte: Michael ist UN-Soldat und kommt bei einem Afghanistan-Einsatz vermeintlich ums Leben. Statt dessen wird er in einem Gefangenenlager gezwungen, einen Landsmann zu erschlagen. Michael ueberlebt, er wird befreit und als er fuer alle zuhause ueberraschend wieder nach Daenemark kommt, ist er erstens schwer traumatisiert, zweitens muss er erleben, dass sein Bruder teilweise seine Rolle innerhalb der Familie eingenommen hat.

Der Film ist generell sehenswert. Doch was eben besonders auffaellt, ist die grossartige Leistung von Sarah Juel Werner (Natalie) und Rebecca Logstrup (Camilla). Wie sie ihr Gefuehlsleben darstellen, erst Trennungsschmerz und dann Angst vor dem zurueckgekehrten Vater zeigen das ist schier unglaublich. Natalie und Camilla spielen froehlich im Garten, als Michael nach seinem ersten Ausraster heimkommt. Wie da innert Sekunden alles kippt, wie bedrohlich die gesamte Szenerie wirkt, das ist ausserordentlich bedrueckend.

Bei den beiden Maedchen ist nichts zu spueren von dieser uebertriebenen Schlauheit, die soviele Hollywood-Filmkids auszeichnet. Ihr Verhalten ist absolut altersgerecht, sie uebernehmen nicht einfach Verhaltensweisen, die man eigentlich Erwachsenen zuschreibt.

Der Grund fr die realistische Darstellung liegt meiner Meinung nach vor allem in den grundlegenden Dogma-Regeln. Da ist absolut nichts gekuenstelt, man spuert, wie sich das Verhalten aller Akteure untereinander entwickelt hat waehrend der Dreharbeiten. Das schnoerkellose Prinzip der Direktheit, Einfachheit funktioniert bei Susanne Biers neuester Arbeit auf allen Ebenen. Aber ob man Kinder schon einmal so stark vor der Kamera gesehen, das bezweifle ich schwer. Mir zumindest kommt kein vergleichbarer Film in den Sinn.