18.7.2005

Desperate, lost and six feet under

Von Ralf Kaminski um 18:05 [ TV ]
Fast ist es ja zuviel des Guten: Gleich drei aussergewöhnliche US-TV-Serien an einem Abend hat uns SF2 jetzt wochenlang beschert: “Desperate Housewives” (vier coole, freche Hausfrauen in Suburbia, alle mit unterschiedlichen Problemen gesegnet; witzig), „Lost“ (eine Gruppe von sehr verschiedenen Menschen, die sich nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen, geheimnisvollen Insel zusammenraufen muss, um zu überleben; spannend) und „Six Feet Under“ (die sehr eigene Familie Fisher, die ein Bestattungsunternehmen führt – jede Folge beginnt mit dem plötzlichen Tod eines Menschen, der dann von den Fishers bestattet wird; witzig mit Tiefgang). Nicht nur für die Auswahl muss man SF2 loben, auch für die Tatsache, dass es alle drei Serien im Zweikanalton ausstrahlt, so dass man die Darsteller samt ihrer Originalstimmen in die gute Stube geflimmert bekommt.

Doch, oh weh, zwei der Serien sind nun bis September (!) in die Sommerpause geschickt worden: Keine neuen Abenteuer von den Hausfrauen und den unfreiwilligen Inselbewohnern für Wochen und Wochen! Mitten drin in der Season hat SF2 unterbrochen, wo doch gerade alles so spannend war. Skurrilerweise geht ausgerechnet „Six Feet Under“ weiter, obwohl dort eine Season nur aus 13 Folgen besteht, und die erste Season damit letzte Woche zu Ende ging – eine Sommerpause hätte sich eigentlich angeboten, müsste man meinen. Doch heute Abend startet die zweite Season. Die Fans der Fisher-Brüder und ihrer Familie und Freunde können sich also freuen – alle anderen sind desperate, lost and six feet under.

Warum überhaupt eine Sommerpause? Ein Anruf bei SF DRS hilft weiter: Es ist nicht etwa pure Gemeinheit, sondern eine Anpassung an Pro7, das beide Serien synchronisiert. Pro7 wiederum braucht die Pause wohl, um die weiteren Folgen fertig zu synchronisieren. Da „Lost“ und „Housewives“ bereits gestartet wurde als die 1. Season in den USA noch lief, blieb nicht genügend Zeit, von Anfang an alles zu synchronisieren. Anders „Six Feet Under“, das in den USA bereits in der 5. Season läuft und in anderen deutschsprachigen Programmen schon gezeigt wurde. Ein weiterer Grund könnte laut SF DRS aber auch sein, dass im Sommer die Aufmerksamkeit der TV-Zuschauer nachlässt und Pro7 sich die weiteren Folgen für den Herbst aufsparen will, wo die Einschaltquoten wieder steigen.



Noch ein Tipp für die ganz Verzweifelten: Falls Sie sich ausserstande sehen, bis im September zu überleben, besorgen Sie sich ein Computerprogramm, mit dem Sie Filme runterladen können. Die US-Originalfassungen der Serien lassen sich, wie man hört, alle problemlos finden – Sie wissen dann schon, wie die Season endet, wenn die anderen im September endlich weitergucken dürfen. Bedingt natürlich, dass Sie englisch verstehen und sich ein bisschen mit diesem Computerzeugs auskennen.


15.7.2005

Puppenkiste fatal

Von Benedikt Eppenberger um 15:09 [ DVD ]


Die Rede von der grossen Politik, die eigentlich nichts anderes sei als ein gigantisches Kasperle-Theater, ist uns nur zu geläufig. Vor allem dann, wenn der dumme George in Washington mal wieder von «Freiheit» labert, spricht man hier zu Lande gern von «Hampelmännern».

Bei so viel Liebe zum Spiel mit Puppen ist es doch sehr verwunderlich, dass der monströseste Marionetten-Film aller Zeiten, «Team America», die Deutschschweizer Kinos bis heute nicht erreicht hat. Noch an Weihnachten 2004 versprach man uns den Start dieses neusten Kino-Streichs der «South Park»-Macher Matt Stone und Trey Parker auf sicher; jetzt ist es Juli, und von «Team America» fehlt jede Spur.

Aber halt. Inzwischen ist diese Ungeheuerlichkeit auf DVD erschienen, und das Warten hat ein Ende. Jetzt kann sich jeder, der will, ein Bild davon machen, wie Marionetten ficken, kotzen und schöner sterben können. Die Geschichte ist schnell erzählt. «Team America» ist eine hochgerüstete Anti-Terroreinheit, die weltweit Jagd auf ... klar doch ... Terroristen macht. Dabei entsteht massenhaft Kollateralschaden (Paris, Kairo etc.), doch die Team-Mitglieder entschuldigen sich immer artig und machen mit ihrem Handeln die USA weltweit noch beliebter. Für eine Infiltrationsmission wird der erfolgreiche Hauptdarsteller eines AIDS-Musicals rekrutiert, der in Folge für zwar noch mehr Kollateralschaden sorgt, aber auch erreicht, dass sich die Weltzerstörungspläne des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-Il und seiner willigen Handlanger (Michael Moore, Alec Baldwin, Matt Damon, Helen Hunt, Tim Robbins, Susan Sarandon und Sean Penn) zerschlagen.

So weit, so politisch unkorrekt. In ihrer destruktiven Haltung liegt vermutlich das Hauptproblem, mit dem Parker/Stone bei der Verbreitung ihres anarchistischen Geniestreichs zu kämpfen haben: Sie verscherzen es einfach mit allen. Getreu der Devise von Komiker Mel Brooks -- «Wenn ein Witz gut ist, dann ist mir egal, wen ich damit beleidige» - liefern die beiden zwar massenhaft tolle Witze, beleidigen aber quer durch alle politischen Lager so ziemlich alle. Die Liberalen, die Konservativen, die Linken, die Rechten, die Katholiken, die Protestanten, die Muslime, die Schwulen, die Frauen, die Machos, die Europäer, die Asiaten, die Latinos, die US-Amerikaner ... alle bekommen irgendwie ihr Fett weg, so dass sich die Frage stellt: Wer soll sich das ansehen?

Am besten all jene, die immer schon davon geträumt haben, einen Jerry-Bruckheimer-Action-Knaller als Augsburger-Puppenkisten-Theater im Kino anschauen zu können. Gepriesen sei sodann die Liebe, mit der hier an der Zerstörung des guten Geschmacks und der «richtigen» Gesinnung gearbeitet wurde. Weltweit übertroffen wird diese Verkommenheit, diese subversive Unterminierung eliterelevanter Geschmackskategorien vermutlich nur noch durch die Zürcher Teddy-Aktion. Beides unbedingt anschauen.


12.7.2005

Neue Chance für Daniel Day-Lewis

Von Christian Andiel um 14:05 [ Kino ]
Daniel Day-Lewis ist natürlich einer der besten Schauspieler, die sich seit einigen Jahren auf den Leinwänden herumtreiben. Der Brite hat sogar dem letzten Mohikaner einst ein starkes Charisma geschenkt in Michael Manns etwas übertrieben romantischer Cooper-Adaption. Und Day-Lewis gilt als zurückhaltend und wählerisch, was das Streben nach neuen Rollen betrifft: Seit er 1989 mit „My Left Foot“ den Durchbruch schaffte, drehte er gerade einmal sieben Filme ab.

Leider hat er nach dem sechsten nicht eine noch längere Pause eingelegt...



Denn da liess er sich von Rebecca Miller (im Bild links) überreden, die Hauptrolle in „The Ballad of Jack and Rose“ zu übernehmen. Ein langweiliger, uninspirierter, nein: schlichtweg entsetzlicher Streifen wurde aus dieser Geschichte eines alternden ex Hippies (Day Lewis), der das Erwachsen werden seiner Tochter Rose (nervend gespielt von Camilla Belle) irgendwie (lange Zeit) nicht rafft. Die Dialoge stimmen hinten und vorne nicht, das weiss jeder und jede, der oder die auch nur ein paar Wochen mal in einer WG gewohnt hat. Die Entwicklungen der Personen sind kaum nachvollziehbar. Miller liefert mit „Jack and Rose“ vermeidbares Stückwerk ab, Day-Lewis ist eindeutig fehl am Platze. Da kann Ryan McDonalds beeindruckender und stimmiger Auftritt als Rodney nichts mehr helfen.

Doch gehen wir mit Daniel Day-Lewis nicht zu hart ins Gericht. Ausreisser ins Land des lieber Vergessens hatten selbst Grössen wie Christopher Walken (Mousehunt, Wayne’s World 2) oder Harrison Ford (Six Days Seven Nights, Air Force One). Wir werden also auch Dey-Lewis eine neue Chance geben, schliesslich kann nicht einmal er jedes mal mit einem Martin Scorsese arbeiten, der ihm eine atemberaubende Rolle wie in „Gangs Of New York“ gönnt. Oder hat schon einmal eine wirklich grossartige Schauspielerin, ein wirklich genialer Schauspieler einen unverzeihlichen Fehltritt begangen?


05.7.2005

Wie der Rabenvater zum Dad wird

Von Ralf Kaminski um 13:42 [ Kino ]
Hollywood und die geheiligte amerikanische Kern-Familie: Man könnte ganze wissenschaftliche Arbeiten dazu verfassen, wie die US-Mainstream-Filmindustrie pausenlos konservativen Familienwerten huldigt. Oder man kann sich „War of the Worlds“ ansehen. Da soll es ja wohl um einen Angriff finsterer Marsianer auf die unschuldigen Erdlinge gehen. Tut es natürlich vordergründig auch. Aber eigentlich ist es die Entwicklungsgeschichte eines egoistischen Mannes, der zurück in den Schoss der Familie findet.

Dass sich davon nichts in der Romanvorlage des Briten H.G. Wells findet, macht die Sache auch nicht besser. Sein „War of the Worlds“ entstand 1898 und war teils ein kritischer Kommentar zur britischen Kolonialherrschaft in vielen Teilen der Welt, teils aber auch inspiriert durch die zunehmende Militarisierung Deutschlands und die Tatsache, dass der Mars 1894 besonders nah an der Erde dran war und deshalb intensiv beobachtet werden konnte. Astronomen entdeckten dabei so etwas wie Kanäle auf dem Roten Planeten, was zu vielen Spekulation über mögliches Leben auf dem Mars führte. So richtig berühmt wurde „War of the Worlds“ 1938 durch eine Radioadaption von Orson Welles in den USA – eine Adaption, die derart realistisch wirkte, dass in New York Tausende aus ihren Häusern flüchteten, um sich vor dem vermeintlichen Angriff der Marsianer in Sicherheit zu bringen. Neben dem Buch und dem Hörspiel gab es 1953 eine erste Verfilmung in den USA und 1978 ein Musical.

Nun also haben sich zwei der ganz Grossen Hollywoods an eine Neuauflage gemacht: Steven Spielberg und Tom Cruise. Dabei haben sie sich, was die Marsianer und ihren Angriff betrifft, ziemlich stark an die Vorlage gehalten (abgesehen davon, dass sie die Story von England in die USA verlegt haben), von den ursprünglichen Protagonisten ist aber nichts geblieben. Stattdessen ist da Tom Cruise, ein geschiedener Familienvater, der sich nur für sich und Autos interessiert. Der Zufall will es, dass seine Ex-Frau ihm seine beiden Kinder (eine kleine Tochter und ein Sohn im Teenager-Alter) ausgerechnet vor jenem Wochenende vorbeibringt, an dem die Marsianer ihre Invasion starten – und siehe da: Im Angesicht des Bösen kommen in dem egoistischen Mann plötzlich Vaterinstinkte hoch. Auf der Flucht vor den Invasoren (auf dem Weg zur Ex-Frau nach Boston) muss er nun pausenlos kleine Heldentaten vollbringen, um seine Kids zu beschützen. Mit der Zeit nötigt das selbst dem Sohn, der seinen Vater verachtet und ihn nur beim Vornamen nennt, einen gewissen Respekt ab. Und als er dann plötzlich Dad zu ihm sagt, wissen wir, was es geschlagen hat: Der Mann ist auf dem Weg zur Läuterung, auf dem Weg zu einem aufrechten Mitglied der Gesellschaft, auf dem Weg zurück zur Kernfamilie.



Dad Cruise und seine Kids.


Und die siegt selbst über den Tod. Als sich der Sohn gegen Dads Willen in den aussichtslosen Kampf gegen die Kriegsmaschinen vom Mars stürzt, ist klar: Das kann er eigentlich nicht überlebt haben. Doch wer glaubt, Mr. Spielberg werde die heilige Vollkommenheit der Familie in Frage stellen, wer glaubt, er lasse seinen Helden für dessen Läuterung einen Preis bezahlen, der sitzt definitiv im falschen Film. Dreimal dürfen Sie raten, wer am Ende – ganz überraschend – aus dem im übrigen erstaunlich unversehrten Haus der Ex-Frau herauskommt, als sich unser Held mit seiner Tochter endlich nach Boston durchgeschlagen hat. Genau. Als sich alle vier am Ende glücklich in den Armen liegen, hört man im Geiste bereits die Hochzeitsglocken läuten.

Sagen Sie jetzt nicht, ich hätte Ihnen den Filmschluss verdorben – Sie haben doch nicht ernstlich ein anderes Ende erwartet, oder? Z.B. beide Kinder tot, Held zwar geläutert aber ein gebrochener Mann. Oder Sohn tot, Haus der Mutter in Boston nur noch eine leere Ruine, geläuterter Held mit Tochter (und neu gewonnener Verantwortung) alleine im verwüsteten Nordamerika. Einzig erlaubtes Szenario: Geläuterter Held opfert sich ganz am Schluss, um seine Familie zu retten, die dann traurig an seinem Grab steht. Aber Helden zu opfern ist heikel, das spricht sich rum: „Hey, hast du gehört, Tom Cruise stirbt dann am Schluss!“ – „Was? Nein, das ertrage ich nicht, den Film gucke ich nicht.“ Und das kostet dann ein paar Millionen Dollar an Kinoeinnahmen. So zumindest stelle ich mir vor, wie das in den Hirnen von Filmproduzenten abläuft.

Tolle Spezialeffekte übrigens, der Film. Und gute Action auch. Wenn nur die öde Familiengeschichte nicht wäre.