Methusalem-Komplott
| Von Benedikt Eppenberger um 13:45 | [ DVD ] |

Echt. Dieses Plakat löst bei mir sowas von einem Denkprozess aus. Ich denke beispielsweise: Warum gibt es so wenige Filme, die im Altersheim spielen? Was ist bloss los mit dieser Gesellschaft? Jugendwahn wohin man blickt. Samirs «Snow White» ist bloss die Vorhut. Bald schon folgt mit «Mein Name ist Eugen» eine weitere hundertprozentige Kinderei.
Nur gerade Wim Wenders läuft diesem Trend etwas entgegen. Sein aktueller Film «Don’t come knocking» ist randvoll mit greisenhaften Gestalten. Dabei gibt er sich betont jugendlich, streut Witze ein, doch das gefühlte Durchschnittsalter bleibt bei 120 Jahren. Wenders, der sich seit cirka 1973 weise dünkt und U2 zu seinen Lieblingsbands zählt, kommt dem Paradigma eines Altersheim-Filmers also schon recht nahe. Aber eben, nur recht nahe.
Wie man es anstellen muss, wie man Todesnähe, Altersheim, Gebrechlichkeit, Action und sarkastischen Witz auf hohem Niveau vereint, zeigen Regisseur Don Coscarelli und Autor Joe Lansdale in «Bubba Ho-tep», einer wirklich einleuchtenden Fantasie übers Altwerden (nicht übers Älterwerden!!!) und den vergeblichen Wunsch nach Unsterblichkeit.
In einer Seniorenresidenz im Süden der USA leben zwei bettlägerige Alte, Sebastian Haff (Bruce Campbell) und Jack Kennedy (Ossie Davis), einen sinnlos-einsamen Alltag, unterbrochen bloss von entwürdigenden Eincrème-Ritualen und freudloser Nahrungsaufnahme. Beide Männer schwelgen in Erinnerungen – und deren sind da viele. Der eine, mit fetten Koteletten und Tolle, behauptet der einzige wahre «Elvis» zu sein. Früh schon seines Ruhmes überdrüssig geworden, tauschte der echte Elvis mit dem talentierten Elvis-Imitator Sebastian Haff die Rollen, und machte fortan als falscher Haff die Provinzbühnen des Landes unsicher. Als Elvis Presley 1977 starb, segnete demnach die Kopie das Zeitliche, und damit auch der einzige Mensch, der des falschen Haffs wahre Identität hätte bestätigen können. So landete der wahre King, nach einem turbulenten, aber provinziellen Leben mit tausend Gebrechen im Altersheim und liegt nun siech im Bett.
Ähnlich war es Jack Kennedy ergangen. Eigentlich war er einmal John F. Kennedy, bis ihn sein parteiinterner Widersacher, Lyndon B. Johnson, auf besonders perfide Weise aus dem Amt räumte. Mittels Attentat? Denkste! Alles Fake! In Wahrheit wurde John F. Kennedy so lange biochemisch behandelt, bis aus ihm ein Afroamerikaner wurde. Schliesslich landete auch er in der Seniorenresidenz, wo ihm, ähnlich wie Haff/Elvis, natürlich keine Menschenseele seine Geschichte abkauft.
Dann ist da auch noch Ho-tep, ein viel tausendjähriger mumifizierter Fürst, der, seit vom Wagen einer Altägypten-Ausstellung gefallen, in besagter Altersresidenz sein Unwesen treibt. Um als Untoter weiter existieren zu können, muss er in regelmässigen Abständen hilflosen Pensionären die Seele aus dem Leib saugen. Bei Elvis und JFK allerdings hat der Altägypter die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die beiden amerikanischen Legenden verbünden sich und fahren im Rollstuhl auf ins letzte Gefecht.
Es ist schon von allererster Güte, was Coscarelli («Phantasm»), der durchgeknallte Animations-Serien-Autor Joe Lansdale und Kult-Schauspieler Bruce Campbell («Evil Dead») hier zu Wege gebracht haben. Lächerliche alte Männer kämpfen einen lächerlichen Kampf gegen eine lächerliche Mumie und ringen einem damit Achtung ab. Statt in sinnlose Plakatkampagnen zu investieren, täte man also besser daran mit Action-Horror-Komödien für mehr Toleranz gegenüber dem Alter zu werben. Vielleicht mit Peter Zinsli, der mit dem Sennentuntschi um Leben und Tod fightet. Wetten, das brächte den Schweizer Senioren bei der Jugend weit mehr Respekt ein als mitleiderheischende Blicke aus dem Fenster der Forchbahn.

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