31.8.2005

Methusalem-Komplott

Von Benedikt Eppenberger um 13:45 [ DVD ]


Echt. Dieses Plakat löst bei mir sowas von einem Denkprozess aus. Ich denke beispielsweise: Warum gibt es so wenige Filme, die im Altersheim spielen? Was ist bloss los mit dieser Gesellschaft? Jugendwahn wohin man blickt. Samirs «Snow White» ist bloss die Vorhut. Bald schon folgt mit «Mein Name ist Eugen» eine weitere hundertprozentige Kinderei.

Nur gerade Wim Wenders läuft diesem Trend etwas entgegen. Sein aktueller Film «Don’t come knocking» ist randvoll mit greisenhaften Gestalten. Dabei gibt er sich betont jugendlich, streut Witze ein, doch das gefühlte Durchschnittsalter bleibt bei 120 Jahren. Wenders, der sich seit cirka 1973 weise dünkt und U2 zu seinen Lieblingsbands zählt, kommt dem Paradigma eines Altersheim-Filmers also schon recht nahe. Aber eben, nur recht nahe.

Wie man es anstellen muss, wie man Todesnähe, Altersheim, Gebrechlichkeit, Action und sarkastischen Witz auf hohem Niveau vereint, zeigen Regisseur Don Coscarelli und Autor Joe Lansdale in «Bubba Ho-tep», einer wirklich einleuchtenden Fantasie übers Altwerden (nicht übers Älterwerden!!!) und den vergeblichen Wunsch nach Unsterblichkeit.

In einer Seniorenresidenz im Süden der USA leben zwei bettlägerige Alte, Sebastian Haff (Bruce Campbell) und Jack Kennedy (Ossie Davis), einen sinnlos-einsamen Alltag, unterbrochen bloss von entwürdigenden Eincrème-Ritualen und freudloser Nahrungsaufnahme. Beide Männer schwelgen in Erinnerungen – und deren sind da viele. Der eine, mit fetten Koteletten und Tolle, behauptet der einzige wahre «Elvis» zu sein. Früh schon seines Ruhmes überdrüssig geworden, tauschte der echte Elvis mit dem talentierten Elvis-Imitator Sebastian Haff die Rollen, und machte fortan als falscher Haff die Provinzbühnen des Landes unsicher. Als Elvis Presley 1977 starb, segnete demnach die Kopie das Zeitliche, und damit auch der einzige Mensch, der des falschen Haffs wahre Identität hätte bestätigen können. So landete der wahre King, nach einem turbulenten, aber provinziellen Leben mit tausend Gebrechen im Altersheim und liegt nun siech im Bett.

Ähnlich war es Jack Kennedy ergangen. Eigentlich war er einmal John F. Kennedy, bis ihn sein parteiinterner Widersacher, Lyndon B. Johnson, auf besonders perfide Weise aus dem Amt räumte. Mittels Attentat? Denkste! Alles Fake! In Wahrheit wurde John F. Kennedy so lange biochemisch behandelt, bis aus ihm ein Afroamerikaner wurde. Schliesslich landete auch er in der Seniorenresidenz, wo ihm, ähnlich wie Haff/Elvis, natürlich keine Menschenseele seine Geschichte abkauft.

Dann ist da auch noch Ho-tep, ein viel tausendjähriger mumifizierter Fürst, der, seit vom Wagen einer Altägypten-Ausstellung gefallen, in besagter Altersresidenz sein Unwesen treibt. Um als Untoter weiter existieren zu können, muss er in regelmässigen Abständen hilflosen Pensionären die Seele aus dem Leib saugen. Bei Elvis und JFK allerdings hat der Altägypter die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die beiden amerikanischen Legenden verbünden sich und fahren im Rollstuhl auf ins letzte Gefecht.

Es ist schon von allererster Güte, was Coscarelli («Phantasm»), der durchgeknallte Animations-Serien-Autor Joe Lansdale und Kult-Schauspieler Bruce Campbell («Evil Dead») hier zu Wege gebracht haben. Lächerliche alte Männer kämpfen einen lächerlichen Kampf gegen eine lächerliche Mumie und ringen einem damit Achtung ab. Statt in sinnlose Plakatkampagnen zu investieren, täte man also besser daran mit Action-Horror-Komödien für mehr Toleranz gegenüber dem Alter zu werben. Vielleicht mit Peter Zinsli, der mit dem Sennentuntschi um Leben und Tod fightet. Wetten, das brächte den Schweizer Senioren bei der Jugend weit mehr Respekt ein als mitleiderheischende Blicke aus dem Fenster der Forchbahn.



22.8.2005

Die Maus macht die Maus

Von Christian Andiel um 11:01 [ Popcorn ]
Der Disney-Konzern schliesst seine Zeichentrickstudios. Die Entscheidung erfolgt aus finanziellen Gründen – klar, Anderes zählt heute nicht mehr. Mit Computern lassen sich Filme kostengünstiger realisieren, Tradition ist dabei nicht einmal zweitranging, sie spielt gar keine Rolle mehr.

Micky Maus wird also nun nur noch von der Maus gemacht. Gründer Wald Disney hatte die Maxime, dass seine Figuren auf der Leinwand eine Seele haben müssten. Micky, Goofy, die Neffen hatten dies, aber auch „Pinocchio“, „Cinderella“ oder „Aladdin“. Der Witz dabei: Bei der „kleinen Meerjungfrau“ (1989) hat Disney erstmals selbst Computer eingesetzt, zur Unterstützung allerdings bloss. Aber dieses Werk hauchte dem Zeichtrickfilm neues Leben ein. Ein neues Leben, das freilich zunehmend computerunterstützt wurde - bis am Ende gar kein Zeichenstift mehr nötig war.

Wir wollen zwar nicht den guten, alten Zeiten nachtrauern, denn die Kinder der neuen Ära waren keineswegs schlecht, sie waren zum Teil sogar besser als die Disney-Vorbilder: Denken wir nur an „Shrek 1“, „Finding Nemo“, „The Incredibles“. Und: Mit gezeichneten Flops („Treasure Planet“) haben sich Disney-Leute zuletzt selbst das Waser ein wenig abgegraben.

Und dennoch: Zum Abschied wollen wir die zehn besten Disney-Trickfilme küren. Den Anfang dürfte wohl unbestritten (?) DER Klassiker machen, also „Fantasia“ (1940)...


19.8.2005

„Ja, also, ich wollte mal fragen wegen meinem Karma.“

Von Ralf Kaminski um 16:45 [ TV ]
Das Fernsehen wird immer schlimmer. Heisst es. Und sicherlich nicht völlig zu Unrecht. Seit Talkshows und Reality-TV die Bildschirme erobert haben, hat zweifellos ein neues Zeitalter begonnen – und vieles davon ist ja wirklich nur Schrott. Sendungen auf niedrigstem Niveau, die nur drauf abzielen, den Voyeurismus der Zuschauer zu befriedigen. Obwohl, darum geht es beim Fernsehen doch, oder?

Bevor wir jedenfalls die Programmdirektoren geisseln, sollten wir uns klar machen, dass die ganz sicher nichts senden würden, was nicht einer klaren Mehrheit der Zuschauer gefällt (jetzt mal vielleicht abgesehen von SF DRS mit seinem service-public-Auftrag). Es sind also wir, die immer schlimmer werden, nicht das Fernsehen. Es zeigt uns nur, was wir sehen wollen – oder zumindest eine Mehrheit von uns. Und zum Glück gehören dazu auch immer noch ein paar recht gute Filme und TV-Serien (etwa „Six Feet Under“, „Lost“ oder „Desperate Housewives“, von denen hier schon mal die Rede war).

Dennoch: Zappt man, wie das ja viele von uns gerne tun, vor dem Schlafengehen mal noch schnell durch die Kanäle, gibts selten was, an dem man hängen bleibt. Sollten Sie aber zu jenen Leuten gehören, die das zwischen Mitternacht und 2 Uhr ab und zu tun, möchte ich Ihnen doch eine kleine Perle empfehlen, die Sie nicht missen sollten. Das erste Mal, als ich reinzappte, schaltete ich sofort weiter, weil da sass nur eine Frau an einem Tisch mit Karten. Das zweite Mal hatte sich daran nicht viel verändert, aber etwas liess mich stoppen. Es war die erschütternde Unprofessionalität der Dame, die aussah wie eine Hausfrau, die eben mal kurz vor eine TV-Kamera geraten war. Und was tat sie? Sie versuchte ZuschauerInnen dazu zu bringen, sie anzurufen und sich von ihr aus den Karten lesen zu lassen. TV-Tarot also. Gegen Geld versteht sich. Ein Anruf kostet 3 Franken pro Minute bzw. 2 Euro irgendwas fürs Publikum aus Deutschland und Österreich. Offenbar sind es mehrere Frauen, die da jede Nacht live am Werk sind, vereinzelt ist mir auch schon ein Mann begegnet. Und inzwischen bleibe ich jedes Mal mit ungläubiger Faszination hängen.

Manchmal dauert es eine Weile, bis jemand anruft, dann muss die Kartenlegerin gnadenlos schwafeln und versuchen, Kundschaft anzulocken. Machmal geht es zack-zack, ein Kunde nach dem anderen. Man hört ja immer nur die Stimmen, leider, leider. Aber sie alle scheinen vollkommen ernst zu nehmen, was die Wahrsagerinnen ihnen da aus den Karten interpretieren. Natürlich gehts um das Übliche: Liebe, Beziehungen, Geld, Gesundheit, Zukunft – die ewigen Sorgenkinder. Ab und zu fragt auch jemand Dinge wie: „Ja, also, ich wollte mal fragen wegen meinem Karma.“ Das ist ein Originalzitat. Als ich es gehört habe, bin ich aufgestanden und habe es auf einen Notizzettel geschrieben (irgendwann gegen 1 Uhr nachts...). Die Dame nickt jeweils verständnisvoll und beginnt freudig zu mischen, legt Karten auf den Tisch, die von der Kamera bemerkenswerterweise nie richtig gezeigt werden, und plaudert dann irgendwelche Allgemeinplätze, die keinen Rappen wert sind. Manchmal sind es offensichtlich einsame Menschen, die da anrufen. Sie beginnen dann gleich aus ihrem Leben zu erzählen und müssen von den Wahrsagerinnen höflich und elegant unter Kontrolle gebracht und abgewimmelt werden. Kein leichter Job, zweifellos. Zu sehen ist das ganze auf dem Sender NBC Europe, jede Nacht ab Mitternacht. Weitere Details finden Sie unter www.fresh4u.de/content/themenbereiche/kartenlegen/index.html

Klar ist auch das Schrott, sogar ein besonders verwerflicher, wird dabei doch armen, geschundenen Seelen auch noch Geld aus der Tasche gezogen, für nichts und wieder nichts. Aber auch das ist ein Abbild unserer Zeit. 30'000 gehen zum Dalai Lama ins Hallenstadion, noch mehr (und auch noch ausgerechnet in der Mehrheit Jugendliche) versammeln sich in Köln, weil der ultra-konservative Kardinal Ratzinger alias Papst Benedikt XVI dort seinen Sermon salbadert: Die Suche nach Sinn und die Hoffnung auf etwas, das grösser ist als wir selbst (und sei es nur das Schicksal, das uns aus Tarotkarten heraus einen Wink gibt), hat unsere satten Gesellschaften des Westens voll erfasst. Das Fensehen bietet beides: Es ermöglicht uns, die Erkenntnis der existenziellen Sinnlosigkeit zu betäuben und die dauernd drohende Langeweile zu überbrücken – aber es hilft uns auch dabei, Antworten auf Fragen nach dem Karma zu erhalten, zum Beispiel von Janine, der Kartenlegerin. Eine tolle Sache so gesehen.

Und falls Sie unser Fernsehen schon so schlimm finden, dann fliegen Sie mal schnell rüber in die USA und schalten dort rein. Da werden Sie aber Augen machen, wie tief TV noch sinken kann. Klar ist allerdings, dass das wohl auch unsere TV-Zukunft sein wird. Irgendwann. Janine oder eine ihrer Kolleginnen könnte uns vermutlich Genaueres dazu sagen.


07.8.2005

Trailer mit Twist

Von Ralf Kaminski um 15:18 [ Kino ]
Werbung, das muss an dieser Stelle wieder mal gesagt werden, ist eine Geissel Gottes. Das mag jetzt unfair sein, da Werbung letztlich ein Instrument des Kapitalismus ist, aber wer hat den in die Welt gesetzt? Eben. Dabei gehört Werbung im Kino noch zu der erträglicheren Sorte verglichen zum Beispiel mit der im Radio oder im Fernsehen. Bei mir geht das soweit, dass mein Bewusstsein darauf trainiert ist, sofort wegzuschalten, wenn Werbung auftaucht. Einzig im Kino ist das schwierig. Da sitzt man im dunklen Saal, ist auf die helle Leinwand fokussiert, kann fast nicht ausweichen. Man muss also durch. Wobei es im Kino schon mal vorkommen kann, dass man einen gelungenen Spot sieht. Auch der verliert allerdings seine Wirkung, wenn man ihn beim 10. Kinobesuch innert zwei Monaten zum 10. Mal sieht. Ausser einer: Erinnern Sie sich an die Bierwerbung (war es Heineken?) mit den beiden niedlichen Eulen, die von draussen in eine Bar reingucken? An dem konnte ich mich kaum satt sehen. Aber das ist die einsame Ausnahme.

Die einzige Werbung, auf die ich im Kino jedes Mal gespannt bin, sind die Trailer, jene kleinen Filmhäppchen, die den Zuschauer dazu animieren sollen, sich in ein paar Tagen oder Wochen doch auch für diesen Streifen ein Ticket zu kaufen. Ich hoffe dann immer, was Neues zu sehen, je unerwarteter desto besser. Doch wer häufig ins Kino geht, wird von den Betreibern damit bestraft, immer wieder dieselben Trailer sehen zu müssen, was besonders dann belastend ist, wenn man sich für die beworbenen Filme wirklich gar nicht interessiert. Eine freudige Überraschung war daher vor ein paar Wochen der Trailer zu „King Kong“ (der neue Film von Peter Jackson („Lord of the Rings“), startet im Dezember), der da aus heiterem Himmel ein halbes Jahr vor dem Kinostart über die Leinwand flimmerte.

In der Regel ist so ein Trailer je nach Genre eine ziemlich normierte Angelegenheit. Bei Actionfilmen gibts einen guten Blick auf die schwellenden Muskeln des Helden und viele Explosionen, bei Gruselfilmen ein paar atmosphärisch-unheimliche Einstellungen, die dann am Ende in angedeuteten Schreckszenen kulminieren, und bei Komödien ist einfach eine Auswahl der lustigsten oder peinlichsten Szenen zusammengeschnitten. Doch ab und zu kommt ein Trailer daher, der ein wenig anders ist. Zum Beispiel „The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“, der sich über das Wesen des Trailers an sich lustig macht und dabei trotzdem einen Einblick in den Film gewährt. Oder dann der Trailer zu „Red Eye“, der zurzeit in den Kinos zu sehen ist und mit den tief in uns verankerten Trailerkonventionen spielt. Er zeigt einen jungen Mann und eine junge Frau – beide natürlich attraktiv (Cillian Murphy aus „Batman Begins“ und „28 Days Later“ sowie Rachel McAdams aus „The Notebook“) – die sich durch Zufall an einem Flughafen treffen, weil das Flugzeug, in dem sie beide sitzen sollen, Verspätung hat. Ein paar kurze Einstellungen, und der Fall ist klar: eine Romantic Comedy. Doch gerade als man sich darauf eingestellt hat, nimmt der Trailer eine unerwartete Wendung und enttarnt sich als Werbung für den neuen Film des Horrormeisters Wes Craven („Scream“, „Nightmare on Elm Street“). Das sind Trailer, die in Erinnerung bleiben - leider gibts so was viel zu selten.





PS: Falls Sie jetzt gerade keine Lust haben, ins Kino zu gehen, um sich Trailer anzusehen, klicken Sie mal auf www.film-trailer.info – ein riesiges Trailerarchiv zum Ansehen und Runterladen. Dort finden Sie auch „Hitchhiker“ und „Red Eye“.


04.8.2005

Ich Will Ferrell

Von Benedikt Eppenberger um 23:56 [ Kino ]


So sieht der Albtraum eines jeden gebildeten Filmfreundes aus: ein Pflock von einem Mann, blonde Eisenwolle auf dem Kopf und Gesichtszüge, so nichtssagend wie eine Büchse M-Budget-Ravioli. Dabei ist Will Ferrell ein Komiker-Naturtalent. Aber was tun mit einem Mann, der zwar irgendwie intelligenter wirkt, als er aussieht, in der Wahl seiner Kinorollen – mit der Ausnahme von jener in Woody Allens «Melinda and Melinda» – den Vorzug bislang immer nur dem grösstmöglichen Schrott gegeben hat?

Dass Filme wie «Old School» (mit Luke Wilson und Vince Vaughn), «Anchorman» (mit Christina Applegate, Luke Wilson, Vince Vaughn, Jack Black), «Starsky & Hutch» (diesmal mit Lukes Bruder Owen Wilson, Ben Stiller und Vince Vaughn) und aktuell «The Wedding Crashers» (mit Vince Vaughn und Owen Wilson) schlecht sein sollen fürs Portfoglio, sagen in Wirklichkeit aber nur Internatslebenindenfünfzigerjahren-Nachspieler, gebildete Kinofreunde und Schweizer, die Filme über den Dalai Lama drehen.

Alle anderen bewundern Will Ferrell, der von der legendären «Saturday-Night-Live»-TV-Show ins Kino wechselte und seither auf der Leinwand die Kunst praktiziert, «selbst noch die Selbstironie zu parodieren» (epd-Film). Das hat auch ein Woody Allen begriffen, in dessen «Melinda and Melinda» Ferrell eindeutig für die komischen Höhepunkte sorgte. Natürlich ist es typisch, dass dieser arthousemässig bislang am höchsten bewertete Film Ferrells in der Schweiz eine Auswertung in den Kinos erfuhr, während es «Anchorman», die grotesk-absurde Fake-Biografie des 70er-Jahre News-Sprechers Roy Burgundy, nicht über die eidgenössische Grenze schaffte.
Nur wenn sich das ändert, nur wenn die Erweiterung der Personenfreizügigkeit in Zukunft auch auf Anchormen und Will Ferrell ausgedehnt wird, leg ich im Herbst ein Ja in die Urne!

Wer jetzt noch an Ferrells politischer Unbedenklichkeit zweifelt, dem sei dieses Dokument ans Herz gelegt. Nie wurde DubbelBush besser parodiert:
Will Ferrell hilft George W. Bush im Wahlkampf



01.8.2005

Zwischen Nacht und Tag

Von Matthias Saner um 20:00 [ TV ]
Was haben Jim Jarmush, Jean-Luc Godard und Rainer Werner Fassbinder gemeinsam mit Tom Tykwer, Fatih Akin und Lynn Hershmann? Ich meine ausserdem, dass alle ausgezeichnete Regisseure sind oder waren? Hier ist die Antwort: Sie alle durften schon für «Das kleine Fernsehspiel» des ZDF Filme realisieren.



Vor ein paar Tagen bin ich zufällig zu später Stunde in einen hübschen kleinen Film geraten: Eine deutsche Produktion über einen U-Bahnfahrer, dessen Leben nach einem schockierenden Vorfall aus den Fugen gerät. Mich besticht das subtile Schauspiel und eine auffällig stimmungsvolle Bildsprache, welche die Gefühle der Figuren trägt. Der Film gemahnt ein bisschen an «Mood for Love» und ganz gespannt lese ich den Abspann, wo ich erfahre dass «Zwischen Nacht und Tag» von Nicolai Rohde eben im Rahmen von «Das kleine Fernsehspiel» gezeigt wurde.

Der Name stammt noch aus den Anfangszeiten des ZDF als «Das kleine Fernsehspiel» eine wöchentliche Sendung im Vorabendprogramm produzierte. Seit über vierzig Jahren besteht diese Redaktion schon, die sich seit ihrer Gründung, als «Entwicklungswerkstatt für junge Autoren und Regisseure» sieht, und damit bis heute die deutsche Film und Fernsehlandschaft mitprägt. Erstaunlich, wie sich diese Redaktion in allen politischen und medienlandschaftlichen Umwälzungen behaupten konnte. Die obige Liste umfasst nur einen kleinen Teil der Regisseure, die im Laufe der Jahrzehnte vom kleinen Fernsehspiel produziert oder gefördert wurden. Heute sieht sich die Redaktion als «erste Adresse für den Filmnachwuchs», ist «zuständig für die Entdeckung und den systematischen Aufbau von Talenten», fördert «fiktionale und dokumentarische Filmarbeiten im Low-Budget-Bereich» und betreibt ein «Laboratorium für Formatentwicklung», wo unter anderem das Konzept der ARTE-Themenabende geboren wurde.

Dass «Das kleine Fernsehspiel» nunmehr meist erst nach Mitternacht zu sehen ist, mag man hier in Kauf nehmen. Immerhin verfügt es über jährlich 40 Sendetermine. Heute Abend freut sich mein Recorder auf «Land’s End» von Axel Ross, der um 00.25 als weiterer Film in der Reihe «Gefühlsecht 2005» läuft.

Mehr Informationen und das ganze Sendeprogramm finden Sie auf der Website des ZDF.