22.9.2005

Ein Star, der Post beantwortet

Von Ralf Kaminski um 09:59 [ Popcorn ]
Wollten Sie schon immer mal Johnny Depp eine Frage stellen? Oder Scarlett Johansson? Die meisten Stars haben ja so eine Management Postfachadresse, an die man sich wenden kann mit Autogrammwünschen oder Ähnlichem. Generell aber halten die Film-Promis sich ihre Fans soweit vom Leib wies nur geht. Das höchst der Gefühle ist es, allenfalls einen Standardbrief zurückzuerhalten, mit einem vermutlich noch nicht mal selbst geschriebenem Autogramm. Oft kommt aber schlicht gar nichts zurück.

Umso bemerkenswerter ist es, wenn ein Star sich derart zugänglich macht, dass er sein Publikum geradezu auffordert, mit ihm zu kommunizieren – und dann auch auf Detailfragen ausführlich eingeht. Dieser Star heisst Ian McKellen, Sir Ian McKellen, um genau zu sein. Den Sir hat er für seine Verdienste um das britische Theater erhalten – und das, obwohl er seine Homosexualität nicht nur nicht verbarg, sondern geradezu offensiv damit umging. Zu einer Zeit, als es dafür noch richtig Mut brauchte. Ian McKellen, falls Ihnen der Name nichts sagt, spielt zum Beispiel den Zauberer Gandalf in „The Lord of the Rings“ oder den bösen Magneto in der „X-Men“-Serie oder den schwulen Filmregisseur James Whale in „Gods and Monsters“ oder den alten Nazi-Schergen in der Stephen-King-Verfilmung „Apt Pupil“. Vor allem aber spielte er Shakespeare im Theater. McKellen oder Sir Ian, wie man wohl offiziell sagt, stand jahrzehntelang auf der Bühne und hatte in Filmen höchstens kleine Rollen. Erst in den 90er-Jahren schaffte er den Sprung ins grosse Unterhaltungskino.





Seither führt McKellen eine eigene Homepage: www.mckellen.com. Auf ihr findet sich eine gewaltige Menge Material über den 66-jährigen Schauspieler, der seine Site als Online-Autobiographie versteht. Besonders spannend sind die E-Posts, in denen Sir Ian alle nur erdenklichen Fragen zu seinen Filmen, aber auch über sein Leben beantwortet. Fragen, die man ihm auf der Homepage direkt mailen kann. Natürlich kann er nicht alle beantworten, aber es ist verblüffend, auf wie viele er eingeht. Ausserdem hat er für die drei Ring-Filme regelmässig Tagebuch über die Dreharbeiten geführt – das macht er jetzt auch für seinen aktuellen Blockbuster-to-be, dessen Dreharbeiten kürzlich in Paris begonnen haben: „The DaVinci Code“, Dan Browns Bestseller, in dem er unter der Regie von Ron Howard mit Tom Hanks und Audrey Tautou vor der Kamera steht. Und wieder mal den Bösewicht spielt.

Kennen Sie noch andere Stars, die derart zugänglich sind?


16.9.2005

Das perfekte Wochenend-Ende

Von Christian Andiel um 21:32 [ Kino ]
Es hat wieder mal geregnet am Samstag und am Sonntag; der Partner hat wieder einmal dumm getan; das geplante Essen war verkocht, versalzen und/oder die geladenen Gäste haben kurzfristig abgesagt.
Es war, mit anderen Worten, wieder einmal ein richtig beschissenes Wochenende.
Was tun?
Einer bringt Abhilfe, dem man das in solchen Momenten, in denen das Leichte gefragt ist, am wenigsten zutrauen würde: Wim Wenders, deutscher Regisseur mit schweren Geschichten, gewichtigen Aussagen, traurig-schönen Bildern.



Am 14. August ist Wenders 60 geworden, und mit „Don’t come knocking“ hat er ein geradezu leichtes Werk in die Kinos gebracht. Macht ihn das Alter zum Augenzwinkerer? Wenders erzählt uns jedenfalls ein Märchen, er erzählt aber auch eine Art Spät-Western. Das märchenhafte unterstreicht er mit Farbspielen, und dass Wenders sein Handwerk versteht, das wussten wir schliesslich immer schon: Selten wurde das John-Ford-Country zuletzt so schön gezeigt. Wenders liebt es, die Weite der Landschaft so zu nutzen wie die Weite der Leinwand. Es ist manchmal atemberaubend. Etwa als Sam Shepard auf der Strasse auf einem Sofa hockt, die Kamera Runde um Runde um ihn dreht, und dabei einen ganzen Haufen neuer Geschichten anreisst.



Und er bringt die Schauspieler gross raus: Gut, Jessica Lange (links) agiert manchmal etwas zu theatralisch, aber schön ist sie immer noch; und Shepard ist ein wunderbar knorriger Cowboy; Tim Roth ein geradezu genialer Versicherungsagent; und den Höhepunkt bringen die Auftritte von Gabriel Mann als Earl.
Das allerschönste am neuen Wenders ist aber eine Vermutung, die komplett unvermittelt auftauchte, nachdem sich Earl mit seiner Band ins Bild geschoben hatte, ein Vogel es sich auf einer Telegrafenleitung bequem gemacht hatte, eine schräge Frau lasziv auf dem Sofa tanzt usw. usf. – genau da stellte sich die Frage: Hat der gute, alte Wenders etwa eine Parodie auf David Lynchs „Blue Velvet“ gedreht?
Wie auch immer, eines steht auf jeden Fall fest: „Don’t come knocking“ ist das perfekte Wochenend-Ende; vor allem, wenn das Wochenende beschissen war.


06.9.2005

Kino mit Message

Von Ralf Kaminski um 10:00 [ DVD ]
Wieso gehen wir ins Kino? Im Vordergrund stehen Spass, Unterhaltung, positive Gefühle – gerne lassen wir uns von den auf der Leinwand erzählten Bildern wieder und wieder bestätigen, dass am Ende doch irgendwie alles gut wird: Das Böse wird bestraft, die Guten triumphieren, das junge Paar hat trotz aller Widrigkeiten zusammengefunden, die Helden reiten in den Sonnenuntergang – und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Natürlich hat das mit der Realität wenig zu tun, aber Hollywood wird ja nicht umsonst gerne auch als Traumfabrik bezeichnet. Dennoch: Es gibt auch die anderen Filme. Sie fristen zwar ein Nischendasein, können es mit Blockbustern wie „Star Wars“ oder „War of the Worlds“ niemals aufnehmen, aber immerhin – sie finden ihr (kleines) Publikum. Zum Beispiel „Crash“, ein Ensemble-Film mit grossen Stars in kleinen Rollen (Sandra Bullock, Matt Dillon, Brendan Fraser, Ryan Phillippe, Don Cheadle). Es geht um den latenten und offensichtlichen Rassismus in Los Angeles, dem Melting Pot, in dem die verschiedensten Ethnien nicht miteinander sondern nebeneinander existieren. Aggression und Nervosität dominieren die Geschichte, in der ganz verschiedene Schicksale geschickt miteinander verwoben werden. Zwar gibt es auch hier am Schluss Ansätze von Versöhnung, aber von einem Happy End kann nicht die Rede sein: Ein Mord bleibt ungesühnt, Beziehungen bleiben zerrüttet – Los Angeles wird nicht zur Stadt der Engel. Und kaum jemand wird das Kino verlassen, ohne sich zumindest ein paar Gedanken zum Thema Rassismus zu machen.



Der rassistische Polizist (Matt Dillon) hilft einer Farbigen (Thandie Newton) in "Crash".


Ein anderer Film, ebenfalls mit Don Cheadle und mit einer noch weitaus eindringlicheren Botschaft, kommt Mitte September auf DVD raus: „Hotel Rwanda“. Ihm gelingt das, was die Medien Mitte der 90er-Jahre nicht geschafft haben: Auch bei den satten Menschen der westlichen Welt Betroffenheit auszulösen für eines der furchtbarsten Massaker der jüngeren Geschichte – den Völkermord in Ruanda, Afrika. Im Mittelpunkt steht der Manager des Luxushotels Milles Collines in Kigali, ein aufrechter, pragmatischer Mann, der sich über Nacht in einem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land wieder findet. Unmittelbar vom Tod bedrohte Flüchtlinge strömen in sein Hotel, und er tut, was er kann, um zu verhindern, dass auch sie massakriert werden. Wir erleben den Völkermord in Ruanda durch seine Figur, einen einfachen Mann, der zum Helden wird. Wir erleben, wie die internationale Gemeinschaft, die Uno, die USA, die alten Kolonialmächte Frankreich und Belgien, die ganze Welt die Augen verschliesst, weil das Schreckliche weit weg im fernen Afrika passiert, weil ja nur Schwarze betroffen sind und ein Land, an dem keine wie auch immer gearteten wirtschaftlichen Interessen bestehen. Die schreckliche Brutalität, mit der Hunderttausende von Männern, Frauen und Kindern zum Teil mit Macheten in Stücke gehackt werden, erspart uns Regisseur Terry George zwar weitgehend, umso deutlicher macht er klar, wie wenig es seitens der internationalen Gemeinschaft gebraucht hätte, den Völkermord zu verhindern: ein paar Hundert gut ausgerüstete, entschlossene Truppen und die entsprechenden finanziellen Mittel. Einen Bruchteil von dem, was zum Beispiel seit 2003 in den Irak gepumpt wird.



Verzweiflung und Mut inmitten des Völkermords: Paul Rusesabagina (Don Cheadle) und seine Frau Tatiana (Sophie Okonoedo) in "Hotel Rwanda".


Natürlich vereinfacht der Film die historischen Ereignisse und die wahre Geschichte um den Hotelmanager Paul Rusesabagina, aber er bringt seine Botschaft unmissverständlich rüber: Schämt Euch, dass Ihr weggesehen habt, dass Ihr nichts getan habt. Und man verlässt das Kino, ist erschüttert, schämt sich, schwört, nie wieder wegzusehen. Man will vielleicht mehr wissen. Deshalb hier noch ein Buchtipp: „Handschlag mit dem Teufel – Die Mitschuld der Weltgemeinschaft am Völkermord in Ruanda“, geschrieben von Romeo Dallaire, dem kanadischen Uno-General in Ruanda, der während des Völkermords ebenso verzweifelt wie vergeblich versuchte, die Welt davon zu überzeugen, mehr Truppen und Geld zur Verfügung zu stellen, um das Schlimmste zu verhindern (Zweitausendeins Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3861 507242, 651 Seiten). Er berichtet über die Massaker und die Gleichgültigkeit der westlichen Welt aus erster Hand. Und was der Film nur andeutet, macht Dallaires Buch unmissverständlich klar: Das Versagen geht weiter. Für Zentralafrika ist kein Happy End in Sicht.