Cronenberg at his best
Die Gedanken, die sich der kanadische Regisseur David Cronenberg über die Gewalt und ihre Auswirkung auf unser Leben macht, sind immer wieder ergreifend, beunruhigend, von manchmal atemberaubender Überzeugungskraft.
Das gilt in geradezu idealem Masse für Cronenbergs neues Meisterwerk „A History Of Violence“ und einem brillanten Viggo Mortensen als Tom Stall (Bild). Die beängstigende Ruhe der Bilder, die im krassen Gegensatz zu den Taten zu stehen scheint; die bizarre Klarheit der Kameraführung im sich anbahnenden Chaos der Gefühle und Wahrheiten; die Auswirkung der Gewalt auf die handelnden Figuren, auf ihre Psyche und Physis. Das alles macht Cronenbergs Film zu einer Studie, die lange nachwirkt. Man ist fasziniert, will manchmal wegschauen und kann doch den Blick nicht von der Leinwand wenden. Man ist angeekelt, wenn sich die rohe Gewalt in einer auf den ersten Blick nicht nachvollziehbaren sexuellen Erregung entlädt. Aber ist dieser Vorgang wirklich so unwahrscheinlich? Oder wollen wir diese Nähe der so existenziellen wie tiefen Gefühle bloss nicht wahrhaben?
Wer direkt nach dem Film zwei ganz schnelle Biere braucht, um die anbrechende Nacht zu ertragen, soll sich nicht grämen. Man wäre nicht der oder die erste. Denn alleine die Schlussszene bleibt haften, tut weh, gerade weil sie keine Lösung bringt, sie nicht einmal nahelegt. Sie hilft nicht auf dem Weg aus dem Kino. Sie verunmöglicht diesen fast, weil man sich allein gelassen fühlt.
Man muss lange zurückblicken, ehe man auf ein ähnlich bedrückendes, beunruhigendes, belastendes Filmende kommt: Oder weiss jemand ein vergleichbares Beispiel, seit Michael Cimino seine Gruppe aus Vietnam-Kämpfern und deren Ehefrauen am Schluss von „Deer Hunter“ am Tisch sitzen liess? Schwer beschädigt an Seele und Körper stimmen sie doch ein gemeinsames Lied zu Ehren der USA an. Das Schaudern klingt bis heute nach. Cronenberg zeigt uns nun die konsequente Fortsetzung. Auch sie spielt an einem amerikanischen Küchentisch.

Daniel who?
Man kann es gar nicht oft genug sagen: Der Idiot, der auf die Idee gekommen ist, Pierce Brosnan als Bond zu feuern, gehört geteert und gefedert! Roger Moore war 58 als er seinen letzten Bond-Film drehte („A View to a Kill, 1985) und hat zwischen 52 und 58 Jahren sage und schreibe vier Bond-Filme gemacht, darunter die extrem erfolgreichen „Moonraker“ und „Octopussy“. Brosnan wird nächstes Jahr 53 und sieht deutlich fitter aus als Moore damals. Und er war ein grossartiger Bond.
Aber nun gut, nun gut. Nach monatelangem Tauziehen, haben wir also seit heute hochoffiziell einen neuen 007, einen gewissen Daniel Craig. Noch nie gehört. Zugegeben, der Mann hat Jahrgang 1968, liegt damit altersmässig sicher näher am realen Alter eines Action-lastigen Geheimagenten. Wer also ist Mr. Craig? Ein Blick auf www.imdb.com ergibt: Er ist blond. Und er ist seit Anfang der 90er-Jahre im TV- und Filmgeschäft, viele bekannte Titel sind allerdings nicht darunter: „Elizabeth“, „Tomb Raider“ und „Road to Perdition“ immerhin, aber grosse Rollen hat er dort nicht gespielt. Er hat aber gerade mit Steven Spielberg dessen neustes Werk „Munich“ abgedreht, in einer Hauptrolle – dort geht es um den Anschlag auf die Olympischen Spiele 1972. Ansonsten hatte er grössere Rollen in kleineren Filmen, was ja nicht schlecht sein muss. In der Pressemitteilung der Bond-Produzenten heisst es jedenfalls: „Craig has since become regarded as one of Britain’s finest actors securing a variety of roles in television, theatre and film.“ Gut, das müssen die ja sagen. Hat jemand von Ihnen Craig schon mal irgendwo bewusst wahrgenommen?
Der neue Bondfilm heisst übrigens „Casino Royale“ und kommt weltweit am 17. November 2006 in die Kinos. Regie führt Martin Campbell („Goldeneye“, „The Legend of Zorro“), die Story basiert auf Ian Flemings erstem Buch über den Geheimagenten.
Politics
Gut, gut, Politik also, Relevanz. Im Film. Innenpolitik gar. „Mais im Bundeshuus“, ist ein Weilchen her, war aber spannend. Da fing man doch an, einen SVP-Bauern sympathisch zu finden. Wenn das keine freche Manipulation war! Die Frage ist doch, wann gibt’s endlich den Thriller um Blochers erfolgreiches Allein gegen Alle in Sachen EWR-Abstimmung? Auch lange her, aber eine Gelegenheit für ein echtes Heldenporträt. Die Amerikaner hätten sich eine solche Gelegenheit für glühenden Patriotismus nie entgehen lassen.
Oder lieber Ausland? Dunkel erinnere ich mich an einen Fernsehfilm (nicht mehr an dessen Titel allerdings), der eine finstere Vision einer nahen Zukunft zeichnete, wo Horden von Afrikaner versuchen, die Mauern des eingebunkerten Paradieses Europa zu erstürmen. Wer hätte damals gedacht, dass die Zukunft so nah sein würde? Ich glaube, im Film griff man zu radikaler Gewalt, um die Armen zurückzuhalten, aber am Ende waren es so viele, dass auch das nichts mehr half. Prophetisch?
Die Uno! Sind wir jetzt ja schliesslich auch dabei. Hilflose inkompetente Schwatzbude („Hotel Rwanda“) oder idealistische Institution, ehrlich bemüht um Fortschritt und Frieden in der Welt („The Interpreter“)?
Politische Filme aktuell bei uns im Kino? Ähm, keine. Na gut, „Gambit“ ein bisschen, darüber hat Kollege Andiel ja schon geschrieben. „Angry Monk“ ein bisschen. Halt! „Paradise Now“, aber ehrlich, wer hat die Debatte um Selbstmordattentäter noch nicht satt? Tja, eine triste Bilanz. Der Kinogänger, im Gegensatz zum Blog-Leser, scheint nicht nach politischer Auseinandersetzung zu dürsten. Brot und Spiele reicht für das Volk, so ist das wohl. Ganz schön doof, das Volk, was?
Also dann.
Reduced to the max
Aus der wunderbaren Welt der SMS-Film-Kürzestzusammenfassungen:
Dreamscape: „Sci-fi, Dennis Quaid; US-Regierungsbeamter will in die Träume des abrüstungsbereiten amerikanischen Präsidenten einen Killer einschleusen, der den perfekten Mord begehen soll.“
Aaaaaahahahahaaaaaa
Shakma: „Für Studienzwecke werden an einer Universität dem Pavian Shakma aggressionsfördernde Substanzen verabreicht – mit einem blutigen Resultat. Tierhorror.“
Traumhaft!
Armincron in Outlaw Power: “Sci-Fi Action in der sich ein Computerfreak in einen kickboxenden Superhelden verwandelt.”
Autsch!
Moonbase: „Sci-fi Action; Häftlinge versuchen aus einem im Orbit schwebenden Gefängnis zu fliehen.“
Wer möchte da nicht mitschweben?
The Minion: „Dolph Lundgren rettet die Welt vor der Apokalypse.“
Wenn nicht Dolph, wer sonst? Dölf? Kofi Annan?
Layover: „David Hasselhoff wird zum ahnungslosen Spielball eines kriminellen Cops und einer Femme fatal.“
Da haben wir es: Nicht Zubi ist ahnungslos, der Spielball ists!
Clockstopper: „Effektreiche Kiddiekomödie über einen Teenager, der die Zeit manipulieren kann.“
Zum Einstein-Jahr, Part I
The Breed: „Adrian Paul, ein aus Mensch und Vampir bestehendes Buddy-Duo auf Dämonen- und Verschwörerjagd.“
Das senkt die Staatsquote: Dämonen- UND Verschwörerjäger gleichzeitig!
So Close: „Action um zwei Schwestern die die Unterwelt, die Polizei und die Computerindustrie aufmischen.“
Wenn Schwestern zu viel aufmischen ...
Alien Hunter: „Sci-fi; in der Antarktis stossen Wissenschaftler auf eine ausserirdische Masse; James Spader.“
Zum Einstein-Jahr, Part II
So. Für all jene, die von der Anpassungsfähigkeit der Traumfabrik noch immer nicht überzeugt sind zum Schluss noch dies:
Trailer29 Jahre nach Seveso
Vor bald 30 Jahren, im Juli 1976, entwich im norditalienischen Seveso auf dem Gelände der Chemiefirma Icmesa Dioxin. Die Vergiftung einer ganzen Region, die gesundheitliche Bedrohung der Einwohner, die Verseuchung der Böden – dies alles wurde vom Basler Chemiegiganten Roche, der Mutterfirma von Icmesa, verschwiegen, verharmlost, die Verantwortung wurde abgelehnt. Das machte aus Seveso den eigentlichen Skandal.
Jörg Sambeth war damals ein aufstrebender, karrierewilliger Chemiker, der die Icmesa in Seveso modernisieren sollte. Im vergangenen Jahr hat Sambeth einen Roman veröffentlicht, in dem er erstmals öffentlich zu den Vorgängen Stellung nahm. Jetzt kommt der Film „Gambit“ in die Kinos. Regisseurin Sabine Gisiger hat lange Gespräche mit Sambeth und dessen Kindern geführt. Sie sind die Hauptzeugen, neben beteiligten Anwälten, von Roche war nichts zu hören. Schweigen gehört in der Konzernzentrale in Basel nach wie vor zum guten Ton bei unliebsamen Angelegenheiten.
Gambit gibt einen guten Einblick in die Geschehnisse, man glaubt Gisiger, dass sie so objektiv wie möglich bleiben wollte. Man versteht auch, warum Sambeth fast so lange geschwiegen hat wie seine früheren Vorgesetzten – die Angst vor Arbeitslosigkeit war gross, die Gewissheit, gegen eine ganze Anwalts-Armee auf Roche-Seite letztlich keine Chance zu haben, mindestens genauso entscheidend. Ein Held war und ist Sambeth nicht. Aber das weiss er, und wer wäre es an seiner Stelle gewesen?
Wo aber sind im Film die Opfer von Seveso? Ihnen sei der Film gewidmet, heisst es. Die Opfer würden es vorziehen, im Hintergrund zu bleiben, sagte Gisiger vergangene Woche an der Premiere im RiffRaff. Mag sein, aber so bleibt der zwiespältige Eindruck, dass Sambeth und seine Familie die eigentlichen Opfer sind. Und das ist eigentlich frech, und stört einen im Prinzip ganz ordentlichen Gesamteindruck.