28.11.2005

Based on a true Story

Von Ralf Kaminski um 12:14 [ Kino ]
Diese kleine Bemerkung wird gerne im Vorspann von Filmen platziert, um dem Publikum Fiktion als Fakt vorzugaukeln. In der Regel sieht man eine herzergreifende Geschichte, in denen schöne Menschen Schreckliches erleben und am Ende gestärkt und in der Regel über das Schlechte triumphierend ins Happy End gleiten. Und weil diese kleine Bemerkung zu Beginn des Films steht, denkt man unwillkürlich, wow, Geschichten, die das Leben schreibt, tolle Sache. Sehr selten jedoch macht man sich die Mühe herauszufinden, was eigentlich die true story ist, auf der der Film basiert.

Gerade eben ist in unseren Kinos der Exorzisten-Gerichts-Thriller „The Exorcism of Emily Rose“ angelaufen, und was steht da im Vorspann? Genau, based on a true story. Da muss sich also ein Priester dafür verantworten, dass er eine junge Frau hat sterben lassen, dass er an ihr einen Exorzismus durchgeführt hat, statt sie der Medizin zu überlassen, die ihr Leben zweifellos gerettet hätte. Vor Gericht findet dann das Duell statt zwischen der aufgeklärt-rationalen Sichtweise und der abergläubisch-katholischen. Gut gegen Böse sozusagen, nur dass der Film nicht eben subtil Partei ergreift für die abergläubisch-katholische Position. Wir sehen nämlich nicht nur die Gerichtsverhandlung, wir bekommen die Vorgeschichte der armen Emily Rose in Rückblenden erzählt, und da geschehen gar schröckliche Dinge. Und als dann der Verteidigerin des Priesters, die eigentlich zunächst eine durchaus rationale Haltung vertritt, jeweils nachts um drei Uhr (zur „demonic witching hour“, wie der Priester ihr erklärt, jenem Zeitpunkt, wo das Böse besonders stark sei) in ihrer Wohnung merkwürdige Dinge passieren, ist vollends klar: Dämonen sind am Werk. Und das based on a true story.



Im Film: Emily Rose.


Das schreit natürlich nach Recherche: Auf welcher wahren Geschichte also basiert denn jene der Emily Rose? Und wie ähnlich ist sie dem Film? Emily Rose heisst in Wirklichkeit Anneliese Michel, sie starb am 1. Juli 1976 in Deutschland in Unterfranken, nachdem katholische Priester fast ein Jahr lang mittels Exorzismus versucht hatten, die junge Frau von Dämonen zu befreien. Dieser war vom Bischof von Würzburg nach einigem Zögern offiziell zugelassen worden. Anneliese war in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen, 1968 begannen die ersten Symptome, ein unkontrollierbares Schütteln des Körpers. Ärzte diagnostizierten Epilepsie. Später behauptete sie, teuflische Fratzen während ihrer Gebete zu sehen, die zu ihr sprachen – Anneliese war überzeugt, besessen zu sein. Im Sommer 1973, nachdem es den Ärzten nicht gelang, ihr zu helfen, wandten sich ihre Eltern an verschiedene Pastoren mit der Bitte um einen Exorzismus. Das Verhalten der jungen Frau wurde derweil immer bizarrer: Sie beleidigte und schlug Familienmitglieder, verweigerte jegliche Nahrung, ass Spinnen, Fliegen und Kohle und begann, ihren eigenen Urin zu trinken. Sie schrie stundenlang und zerstörte dabei Kruzifixe und Jesus-Bilder, begann sich selbst zu verletzen. In dieser Situation schliesslich stimmte der Bischof dem Exorzismus zu, den er zuvor abgelehnt hatte. Als Anneliese starb war sie 23 Jahre alt und 31 Kilo schwer. Priester und Eltern wurden angeklagt und schliesslich verurteilt zu 6 Monaten bedingt wegen fahrlässiger Tötung und unterlassener Hilfeleistung. Der Bischof behauptet später, er habe den Exorzismus nie angeordnet. Der Fall ist sehr ausführlich beschrieben unter www.theologe.de/theologe9.htm




Im realen Leben: Anneliese Michel.


Im Grundsatz folgt die Filmstory der wirklichen Geschichte also durchaus. Aber im wahren Leben bestanden kaum Zweifel, dass die aufgeklärt-rationale Seite Recht hatte (am Ende distanzierte sich schliesslich selbst die katholische Kirche vom Verhalten ihrer Priester). Hollywood hingegen hat sich entschlossen, die true stroy ein wenig mit Grusel aufzupeppen, und auch gleich noch all die vielen US-Bürger anzusprechen, die Gott und Satan ohnehin in allem am Werk sehen. Der Film ergreift somit klar Partei im seit Jahren tobenden Kulturkampf zwischen den Religiösen und den Rationalen in den USA: Wo Satan und seine Dämonen am Werk sind, muss es auch einen Gott geben, an dessen Regeln wir uns gefälligst zu halten haben. Dann und nur dann sind wir vor dem Bösen sicher. Das schreiben Sie sich mal hinter die Ohren!


25.11.2005

Noch einmal 24 Stunden

Von Martin Uebelhart um 15:29 [ TV ]
Was hat Jack Bauer nicht schon alles erlebt. Er und die Leute bei der Counter Terrorist Unit (CTU) in Los Angeles haben schon einen Präsidentschaftskandidaten vor der Erschiessung bewahrt, Los Angeles vor der nuklearen Katastrophe gerettet und einen vorsätzlich freigesetzten Virus samt Hintermännern bekämpft. Anti-Terror-Held Bauer (personifiziert von Kiefer Sutherland) musste dabei neben unzähligen Zweikämpfen, Autoverfolgungsjagden und Schiessereien auch höllische Folterqualen durchstehen, den Tod seiner Frau verkraften, einen Herzinfarkt erleiden und wurde zur Tarnung auch mal ein Junkie.

Jack Bauer

Lässt sich das alles noch toppen? Dreimal hat das Konzept der TV-Serie «24» schon funktioniert. Die Handlung eines Tages wird aufgeteilt in 24 Folgen erzählt. Action in Echtzeit sozusagen - oder zumindest beinahe. Jetzt kommt die vierte Staffel ins deutschsprachige Free-TV und man darf gespannt sein, ob es den Machern gelingt, wieder einen Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Minute des Tages zu halten. Und ein Ende ist nicht abzusehen: Beim US-Network Fox läuft im Januar die fünfte Staffel an. Fox soll sogar schon eine sechste Staffel bestellt haben.

Die Handlung der vierten Staffel beginnt anderthalb Jahre nach dem Ende der dritten. Die neue CTU-Chefin Erin Driscoll hat Jack gefeuert. Er arbeitet nun als Assistent des Verteidigungsministers James Heller und ist mit dessen Tochter liiert. Als ein Nahverkehrszug explodiert, schickt Heller Jack zur CTU, um Informationen über den Vorfall zu erhalten. Inzwischen geraten Heller und Bauers Freundin in grosse Gefahr. Jack ist schon bald davon überzeugt, dass die Explosion bloss der Anfang für eine wesentlich grössere Terroraktion war. Allerdings will ihm zunächst niemand glauben ... Schon sind wir wieder mitten im Geschehen drin.

Ab 28. November läuft «24» auf SF2. Gezeigt wird jeweils eine Doppelfolge. Und das Ganze - wie schon in den ersten drei Staffeln geschätzt - im Breitbildformat, ungeschnitten und dank Zweikanalton in der amerikanischen Originalversion.


21.11.2005

Stoiker als Sexsymbol

Von Christian Andiel um 11:08 [ Kino ]
Es war nicht wirklich schwierig nach einem enttäuschenden Kinojahr, aber dennoch soll hier nicht mit Lob gegeizt werden: Jim Jarmuschs „Broken Flowers“ ist – neben Cronenbergs „A History of Violence“ – der herausragende Film 2005. Wie gesagt: Weil das schöne Erzählkino praktisch eine (schöpferische?) Pause eingelegt hat, war dies kein Problem, aber Jarmusch hätte auch in besseren Zeiten zu den Grossen gehört.

Eine wunderbare Geschichte über den alternden Playboy Don Johnston, der sich mit seiner Vergangenheit beschäftigt. Vier schöne Schauspielerinnen (Sharon Stone, Frances Conroy, Jessica Lange, Tilda Swinton), denen Jarmusch seine Referenz erweist, ein grossartiger Nebendarsteller (Jeffrey Wright als Nachbar Winston) – mehr braucht es schon nicht.

Und natürlich ist da Bill Murray, der als Don Johnston seine Rolle in „Lost in Translation“ genial weiterspinnt. Den Charakter habe er ihm auf den Leib zugeschnitten, sagte Regsseur Jarmusch über Murray, den Ober-Melancholiker, den Mann ohne Mimik – und genau diese Sparsamkeit macht ihn so faszinierend.



Aber in dieser Sparsamkeit liegt ein klitzekleines Problemchen bei „Broken Flowers“. Denn irgendwie will man genau diesem Murray nicht abnehmen, dass die Frauen gleich reihenweise auf ihn flogen bzw. fliegen – und zudem solche Frauen, wie sie das oben genannte Quartett darstellt. Irgendwie ist der gute Bill dafür schon ein bisschen zu verhalten, zu ruhig, oder sagen wir doch ganz direkt: zu langweilig.

Oder ist das der ganz neue Trend? Fahren die Frauen jetzt auf solche Typen ab? Müssen wir Männer uns von CruiseGibsonFordCloony-haftem Gehabe verabschieden, am besten gar keine Regungen mehr zeigen? Der gesichtsgelähmte Stoiker als neues Sexsymbol? Das geht schon in Ordnung, aber, bittebitte, liebe Frauen: Sagt es uns rechtzeitig!


16.11.2005

Vom Hobbit zum Hooligan

Von Ralf Kaminski um 16:04 [ DVD ]
Schon vor Peter Jacksons Fantasy-Trilogie „The Lord of the Rings“ war Elijah Wood ein gefragter Jungschauspieler („The Ice Storm“ 1997, „Deep Impact“ 1998, „The Faculty“ 1998), aber seit er Tolkiens Hobbithelden Frodo Baggins auf der Leinwand zum Leben erweckt hat, ist der hübsche 24-Jährige mit den grossen blauen Augen ein Star, der vermutlich jede Rolle haben könnte, die er haben will.


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Umso bemerkenswerter die Auswahl, die er seither getroffen hat. In „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ (2004) spielt er eine Nebenrolle, einen eher unsympathischen Typen, der dem Helden (Jim Carrey) sein Mädchen (Kate Winslet) auszuspannen versucht. In „Sin City“ (2005) spielt er – in einer sehr kleinen Rolle – einen kannibalistischen Killer. In „Everything is Illuminated“ (2005, bei uns noch keinen Starttermin) spielt er einen jüdischen Amerikaner, der in der Ukraine nach den Wurzeln seiner Familie sucht und dort allerlei schräge Begegnungen hat. Eine Hauptrolle immerhin.

Die hat er auch in „Green Street Hooligans“ (2005), der bei uns nicht ins Kino gekommen aber seit kurzem auf DVD erhältlich ist. Wood spielt Matt, einen Journalismusstudenten aus den USA, der seine Schwester in England besucht und dort deren Schwager Pete kennen lernt. Pete ist ein fanatischer Fussballfan und Anführer einer Hooligan-Bande, der Green Street Elite, die sich regelmässig Prügeleien mit anderen Fangruppen liefert. Der ewige Aussenseiter Matt, der sich noch nie in seinem Leben geprügelt hat, lernt plötzlich, was es heisst, Teil einer Gruppe zu sein – und es dauert nicht lange, bis er mitten drin steckt in wüsten Keilereien. Doch nicht alle in der Gruppe sind begeistert von dem „Yank“, und die Konflikte drohen nicht nur die Green Street Elite, sondern auch die Familie von Matts Schwester zu zerreissen.


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Pete (Charlie Hunnam) und Matt (Elijah Wood) im Fussballstadion.


„Green Street Hooligans“ setzt sich nicht gerade tiefgründig mit Hooliganismus auseinander, gibt aber einen (durchaus beunruhigenden) Einblick in diese Szene – und Elijah Wood bestätigt mit seiner Rollenwahl einmal mehr, dass er sich nicht auf seinen Starlorbeeren ausruht und irgendwelche Hollywood-Blockbuster-Projekte annimmt, nur weil das Kohle in die Kasse bringt. Woods nächster Film heisst übrigens „Bobby“, darin geht es um 22 Menschen, die 1968 bei der Ermordung von Senator Robert Kennedy dabei waren – er steht zusammen mit Stars wie Anthony Hopkins, Sharon Stone oder William H. Macy vor der Kamera.

Mit von der Partie ist auch wieder Charlie Hunnam, der in „Green Street Hooligans“ den Raufbold Pete spielt. Einem breiteren Publikum dürfte er erstmals in der frechen britischen Schwulen-TV-Soap „Queer as Folk“ (1999) aufgefallen sein. Der 25-jährige Hunnam ist nicht nur der feuchte Traum vieler Mädchen (und Jungs!), er kann auch wirklich spielen – bringt er doch den schwulen Teenager im Coming-out ebenso überzeugend rüber wie den pöbelnden Hooligan-Macho.



Mehr als nur Freunde: Die drei Stars von "Queer as Folk".


11.11.2005

Harte Männer, grosse Waffen, böse Monster

Von Ralf Kaminski um 16:53 [ Kino ]
Mit dem Titel ist schon viel gesagt über „Doom“, den laut Eigenwerbung „lang erwarteten“ Film zum gleichnamigen PC-Egoshooter-Game. Ich weiss nicht, wies Ihnen geht, aber ich jedenfalls habe mich nicht vor Sehnsucht verzehrt nach dem Streifen. Im Spiel ist man ein einsamer Held, der in einer von Monstern verseuchten Welt mit immer stärkeren Waffen durch allerlei Landschaften, Gebäude und Fantasiewelten laufen muss. Ziel: Abknallen der Monster, einsammeln von Schlüsseln und anderen Gadgets – und vor allem: Überleben. Es ist angenehm unkomplex, braucht wenig strategisches Können, dafür schnelle Reflexe und eine gewisse Toleranzschwelle für Ekeleffekte. Insgesamt durchaus spassig.

Der Film, na ja, also er ist weniger langweilig als „The Legend of Zorro“, und das ist ja schon mal was. Aber er braucht ein Weilchen, bis er in Fahrt kommt. Kurz zur Handlung: In einer Wissenschaftsstation auf dem Mars ist irgendwas passiert (wir wissen: Monster; die Filmcharaktere haben davon noch keine Ahnung), weshalb eine Elitetruppe harter, muskulöser Männer mit grossen Waffen losgeschickt wird, um zu erkunden, was Sache ist. An der Spitze steht „The Rock“ (den wir etwa in Werken wie „The Scorpion King“ oder „The Mummy Returns“ kennenlernen durften). An seiner Seite aus unerfindlichen Gründen Karl Urban, der sich in „The Lord of the Rings“ als Eomer doch eigentlich gar nicht so schlecht angestellt hat, um jetzt mit so einem B-Filmchen sein Brot verdienen zu müssen. Der Trupp reist also durch ein Portal zum Mars und begibt sich in das versiegelte Labor, das aus unerfindlichen Gründen vor allem aus vielen dunklen Gängen besteht und gar über eigene Abwasserkanäle verfügt.


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Echte Kerle: Kurt Urban und The Rock


Soweit so gut. Doch dann beginnt die Enttäuschung: „Doom“, das Spiel, lebt von seinen vielen verschiedenartigen, fantasievollen Monstern. Alles was in „Doom“, dem Film, auftaucht, sind so eine Art Zombies und zwei, drei halbwegs nicht-menschliche Kreaturen, das wars. „Doom“, das Spiel, führt uns auch durch viele verschiedene Landschaften und Fantasywelten, „Doom“, der Film, führt uns durch Gänge, Laborräume und Gänge. Habe ich Gänge erwähnt? Offensichtlich hat das Budget nicht für mehr gereicht. Der Film erfüllt die Erwartungen dahingehend, dass praktisch das gesamte Personal nach und nach mehr oder weniger fantasievoll um die Ecke gebracht wird, ist aber für einen Splatterfilm eher auf der harmlosen Seite, sprich: Die Gore-Effekte halten sich in Grenzen. Richtige Schreckmomente fehlen auch. Milde unterhaltsam plätschert er so dahin und erklärt uns nach und nach auch, was es mit den Monstern auf sich hat. Ich verrate es Ihnen jetzt hier, sollten Sie sich die Spannung erhalten wollen, springen Sie gleich zum nächsten Abschnitt weiter. Genexperimente sinds, ein Zusatzgen, um genau zu sein. Die Bösen-Aggressiven macht es zu Monstern („The Rock“), die Herzensgut-Aufrechten zu Übermenschen (Karl Urban).

Fazit: Wenn Sies mit Monstern haben, kaufen Sie sich lieber das Spiel oder leihen Sie sich in der Horrorecke Ihrer Videothek einen richtig guten Splatterfilm aus: „Evil Dead“, „Braindead“ oder „Hellraiser“. Obwohl, wenn Sies mit Monstern haben, dann haben Sie die hoffentlich alle schon gesehen.

Oder, und das erlaube ich mir jetzt hier aus aktuellem Anlass zu ergänzen, sehen Sie sich “The Descent” an. DAS ist ein schauriges, angsteinflössendes Stück Film, britisch natürlich – sie könnens halt einfach besser als die Amis. Sechs Freundinnen mit Vorgeschichte gehen zusammen auf eine Klettertour in eine Höhle. Als ein Teil davon einstürzt und den Ausgang versperrt, stellt sich raus: a) Sie ist noch unerforscht, und die Leiterin der kleinen Sportexpedition hat keinen blassen Schimmer wie man rauskommt. Und b) da sind Kreaturen, menschenähnlich zwar, aber bleich, blind – und hungrig. Zusammen mit der Dunkelheit und der klaustrophobischen Enge ergibt sich eine derart unheimliche Atmosphäre, dass der inflationär falsch verwendete Werbespruch “Nichts für schwache Nerven” ausnahmsweise mal zutrifft. Und Blut, Schleim und Gore hats auch. Also, Monsterfreunde: “Doom” links liegen lassen, ab in “The Descent”!



04.11.2005

Ein Elend

Von Ralf Kaminski um 17:40 [ Kino ]
Sollten Sie zu den regelmässigen Lesern hier gehören, dürfte Ihnen nicht entgangen sein, dass ich nicht grundsätzlich etwas gegen Mainstream-Filme aus Hollywood habe. Aber alles hat Grenzen. Ich betrachte dies hier also als echten Konsumentenschutzbeitrag, wenn ich Sie hiermit warne: Machen Sie einen grossen Bogen um „The Legend of Zorro“! Auch wenn Sie den ersten Zorro-Film 1998 gemocht haben, auch wenn die meisten Kritiken noch ganz freundlich sind, lassen Sie es. Sparen Sie Ihr Geld – viel Geld noch dazu, kostete doch die Hauptabendvorstellung im Metropol 19 Franken. Die sind umso teurer, wenn man den Film in der Pause verlässt, was ich zum ersten Mal seit 1991 tatsächlich getan habe. In gegenseitigem Einvernehmen mit meinem Begleiter übrigens. Der Film 1991, dies am Rande, war ein depressiver, grauer, französischer Studiofilm mit dem Titel „Les rendez-vous d’Anne“, der im Museum of Modern Art in New York gezeigt wurde.

Ich weiss ja nicht, wie Sie es damit halten, mitten im Film aus dem Kino zu laufen, aber ich bin da sehr zurückhaltend. Es hinterlässt so ein schales Gefühl der Unvollständigkeit. Vielleicht wird er ja in der zweiten Hälfte plötzlich noch besser. Und so richtig über einen Film herziehen kann man eigentlich auch nur, wenn man ihn in seiner ganzen Schlechtigkeit gesehen hat. Meistens sind ja auch die schlechten Filme irgendwo noch ein bisschen unterhaltsam oder man kann sich wenigstens am guten Aussehen eines Darstellers erfreuen. Nichts von all dem aber bietet „The Legend of Zorro“ (okay, okay, einige von Ihnen widersprechen mir da vermutlich bezüglich des Aussehens von Catherine Zeta-Jones, Einspruch akzeptiert). Am Drehbuch haben ganze vier Personen mitgebastelt und nicht eine davon hatte den Funken einer neuen Idee. Oder vielleicht hatte ja einer eine, aber die anderen drei haben sie wieder rausgeschrieben. Wie auch immer, der Film wirkt wie eine öde Zusammenfassung aller möglichen anderen Filme im Bereich Action, Comedy und Kostümfilm, dazu hat er drei allergieerzeugende US-Elemente drin: Klebrigen Patriotismus, pausenloses Beschwören von Familienwerten (symbolisiert durch ein enervierend aufrechtes Kind) und angemessene Gottesfurcht, die mir dann kurz vor der Pause den Rest gegeben hat.

So, nun können Sie kommen und sagen: „Super Film, nach der Pause kam eine Sensation nach der anderen“ oder „Also bitte, in so einen blöden Film würde ich mich eh nie reinsetzen“ – fine with me. Sagen Sie nur nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.


01.11.2005

Des Deutschen Wald

Von Christian Andiel um 09:38 [ Kino ]
Naja, eines ist schon klar: Man muss „Brothers Grimm“ von Terry Gilliam nicht wirklich gesehen haben. Netter Film, ganz nette Tricks, aber eine eher hanebüchene Geschichte, die am Ende etwas zu deutlich an „Temple of Doom“ mit dem guten, alten Indiana Jones erinnert. Zusammengeklaubt aus Märchenstoffen der deutschen Erzähler. Ein bisschen Rotkäppchen, ein bisschen Dornröschen, Rapunzel kommt vor usw. usf. Schöne Stunden an einem verregneten Novembertag. Mehr nicht. (Aber viele Filme in diesem Jahr können ja nicht einmal das von sich behaupten.)



Trotzdem bringt einen der gute Gilliam zum Schmunzeln. Und zwar mit seiner Darstellung der Franzosen. Sie sind die Besatzer im Deutschland der Grimms. Also die Bösen (grossartig: Jonathan Pryce als schmieriger Delatombe). Diese Franzosen machen einen ganz entscheidenden Fehler: Sie legen sich nämlich mit dem Wald an, mit dem Wald des Deutschen. Dabei sollte man eines wissen: Kaum etwas ist diesem heiliger als sein Wald. Siehe Gedichte („Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest Du kaum einen Hauch...“), siehe Gemälde (Caspar David Friedrich!).

Und dann hockt sich dieser Delatombe arrogant vor den deutschen Wald, macht ein Fress- und Saufgelage und lässt ihn einfach niederbrennen. In diesem Moment kippt die Geschichte (mehr wollen wir nicht verraten), der Wald schlägt zurück. Ein Wald, der von Gilliams Trickkünstlern besonders schön und eindrucksvoll gestaltet ist.



Auch das ist eigentlich nicht bahnbrechend im Film „Brothers Grimm“. Aber lächeln darf man darüber schon. Denn hätte ein deutscher Regisseur ähnliche Register der Heimatverbundenheit, der Traditionspflege und der bösen Karikatur der Franzosen gezogen, wären kübelweise Schmähungen über ihn ausgeschüttet worden. Ein US-Amerikaner, der in England mit den Schandmäulern von Monthy Python zu Ruhm und Ehren gekommen ist, darf das ohne Probleme machen. Terry Gilliam macht sich zum unverdächtigen Sprachrohr der deutschen Bewahrer des Guten und Schönen und ewig Bösen – dafür gebürt ihm doch allemal grosser Dank, oder?