18.1.2006

Das Böse kommt aus Basel

Von Ralf Kaminski um 08:28 [ Kino ]
Es gibt da diese Faustregel: Je überzeugender der Bösewicht, desto besser der Film. „Grounding – die letzten Tage der Swissair“ hat gleich drei Fieslinge. Und sie alle machen ihre Sache prima. Pikant daran ist allerdings, dass es sich in diesem Fall nicht um fiktionale Figuren handelt, sondern um reale Menschen, Mitglieder der Schweizer Wirtschaftselite. An vorderster Front: Marcel Ospel, damals wie heute Chef der grössten Schweizer Bank UBS. Ausserdem: Moritz Suter, Ex-Chef der Crossair, und André Dosé, Suters Vertrauter und Ex-Chef der Swissair. Alle drei kommen aus Basel, und wenn es nach dem Film geht, sind sie schuld am Grounding der Swissair, jenem einschneidenden Ereignis am 2. Oktober 2001, an dem ein nationales Heiligtum vom Himmel fiel. Gilles Tschudi gibt Ospel als aalglatten, kettenrauchenden, kühl kalkulierenden Machtmenschen, ein fieser Grinser, den das verzweifelte Strampeln des Mario Corti (designierter Retter der Airline und uneingeschränkter Held des Films, gespielt von Hanspeter Müller-Drossaart) vollkommen kalt lässt. Und Lazslo I. Kish als Suter und Michael Neuenschwander als Dosé verfolgen während der ganzen Geschichte ihre eigene Agenda, nämlich bei dem Debakel die Crossair möglichst gut zu positionieren.




Im Film der Oberbösewicht: Marcel Ospel.


Soweit die Filmversion der Ereignisse. Wie weit entspricht dies der Realität? Das wissen wohl nur die damals Beteiligten. Tatsache ist: Hätte der Film diese klar definierten Bad Guys nicht, er wäre nur halb so spannend. Und er ist enorm spannend – obwohl man die Geschichte im Grunde ja kennt. „Grounding“ ist in erster Linie ein Wirtschaftskrimi, da liegen seine Stärken. Vor dem Start der eigentlichen Filmhandlung gibt es eine kurze Zusammenfassung über das Schicksal der Swissair von der EWR-Abstimmung 1992 bis zur Entlassung des „Hunter“-Strategen Philippe Bruggisser im Januar 2001. Und kurz vor Schluss lässt der Film die Schwierigkeiten der neuen Swiss Revue passieren, bis zur Übernahme durch die Lufthansa letztes Jahr – Regisseur Michael Steiner („Mein Name ist Eugen“) legt offensichtlich grossen Wert auf Zusammenhänge in seinem zweieinhalb Stunden langen Dokudrama.

Die eigentliche Handlung fokussiert auf die letzten Monate vor dem Grounding und das Ereignis selbst. Ganz nebenbei ziehen auf der Leinwand auch andere Dramen jenes Schwarzen Herbsts 2001 vorbei, die Attacke aufs World Trade Center in New York, das Attentat auf den Zuger Kantonsrat. Um zu zeigen, wie sehr das Versagen der Wirtschafts- und Politelite der Schweiz gerade die einfachen Leute getroffen hat, sind all den Prominenten auch ein paar fiktionale Figuren beigemischt, eine Stewardess mit ihrem halbwüchsigen Sohn, ein alter Flugzeugingenieur, ein Gate-Gourmet-Mitarbeiter. Mit ihnen zusammen sollen wir Zuschauer das Drama noch einmal durchmachen, jene erstaunte Hilflosigkeit nochmals erleben, in der sich damals das ganze Land befand. Und hier liegt denn auch die einzige Schwäche des Films: Diese Nebenhandlungen sind zu simpel, zu klischiert, ab und zu auch etwas hölzern gespielt. Sie fallen zu stark ab im Vergleich mit den dramatischen Ereignissen in den Etagen der Macht.

Alles in allem aber schon wieder ein überzeugender Schweizer Film – man könnte direkt anfangen, sich daran zu gewöhnen.


14.1.2006

Geschichtsstunde in s/w

Von Martin Uebelhart um 23:46 [ Kino ]
Dem Verleiher liegt der Film offensichtlich am Herzen. Sonst hätte er wohl kaum im Internet nach E-Mail-Adressen von Journalisten gesucht, um sie auf den Film «Good Night, And Good Luck» aufmerksam zu machen. Und auf meine Nachfrage, wie denn nun meine private E-Mail-Adresse in den Presse-Verteiler kam, erhielt ich gar die Bitte, meine Kollegen in der Branche auf den Film aufmerksam zu machen. Schliesslich handle es sich um ein heisses Thema in meinem Beruf. Die Neugier war geweckt – also nichts wie ab ins Kino.

«Good Night, And Good Luck» ist die zweite Regiearbeit von George Clooney und erzählt die Geschichte der Auseinandersetzung zwischen dem CBS-News-Format «See It Now» sowie dessen Anchorman Ed Murrow und Senator McCarthy, der in den 50er-Jahren die Verfolgung der Kommunisten in den USA auf seine Fahne geschrieben hatte. Und Clooney will seinen Film durchaus als kritisches Statement verstanden wissen, wie er in einem Interview verrät. Als Aufforderung an die heutigen Journalisten, auch die wirklich bissigen Fragen an die Mächtigen zu stellen. Und als Plädoyer für die Persönlichkeitsrechte. Ein wichtiger Film, der auch Clooney am Herzen liegt.

goodnightandgoodluck

Allerdings: Im Kinosaal vermag nicht so recht Freude an dem Werk aufkommen. Mal abgesehen von der Message beschleicht zumindest mich etwas Langeweile. Immer wieder spricht Reporter Murrow seine spitzen Kommentare im kargen Aufnahmestudio mit monotoner Stimme und qualmendem Glimmstängel in die Kamera. (Ganz nebenbei bemerkt gibt es im ganzen Film kaum einen Moment, wo nicht irgendwo blauer Dunst aufsteigt.) Immer wieder nimmt man an Redaktionskonferenzen teil oder sieht sich mit der Hektik des Regieraums konfrontiert. Bis auf zwei Ausnahmen erfährt man kaum etwas Privates über die Charaktere. Sie erscheinen nur im Arbeitsalltag und sind nicht als Ganzes fassbar. Dass der Streifen durchgehend schwarzweiss gedreht ist, unterstreicht seinen fast schon dokumentarischen Stil. Letztlich geht es um die Aussage des Films und dafür war die Zeit im Kino – zugegeben – nicht vertan.