25.2.2006

Missglückte Revanche

Von Christian Andiel um 00:05 [ Kino ]
Zur Zeit scheinen kritische Politfilme in Hollywood einen guten Leumund zu haben. Jüngstes Beispiel ist „Syriana“ von Stephen Gaghan, mit George Clooney (Bild) und Matt Damon. Er behandelt die politischen und wirtschaftlichen Verstrickungen der USA in der Golfregion, und er tut dies nicht aus unreflektierter Sicht amerikanischer Chauvinisten.



Das Vorhaben ist also lobenswert, und Gaghan versucht alles, um den Film interessant aufzubauen. Er führt verschiedene Erzählstränge nebeneinander her, die sich allmählich annähern und schliesslich zum Plot führen. Gaghan hat für „Syriana“ auch das Drehbuch verfasst, und dass er dies ausgezeichnet kann, bewies er mit seinem Skript zum grandiosen „Traffic“ von Steven Soderbergh.

Doch für die Umsetzung einer genialen Idee braucht es halt auch einen genialen Regisseur. Soderbergh ist dies bei „Traffic“ gelungen. Gaghan scheitert bei seinem zweiten Film als Regisseur nach „Abandon“ (2002) leider, weil er es nicht genügend schafft, die Erzählstränge voneinander abzuheben, ehe sie sich vereinigen. Man verliert viel zu schnell den Überblick, ist verwirrt, verliert schliesslich das Interesse. Soderbergh hat sogar mit verschiedenen Farbtönen gearbeitet, Gaghan vertraut allein auf seine Geschichte(n). Und das ist zuwenig.

Einer der Produzenten von „Syriana“ ist Soderbergh. Hat er Gaghan den Job des Regisseur zugeschustert, als Dank quasi fürs brillante „Traffic“-Drehbuch? Dann hat er ihm mit dieser gut gemeinten Revanche einen Bärendienst erwiesen und hätte lieber selbst das Sagen übernommen.


17.2.2006

Ein Mann für alle Fälle

Von Ralf Kaminski um 12:10 [ Kino ]
Heath Ledger, schon mal gehört? Australier, 26 Jahre jung, sehr vielseitig. Sie haben ihn vielleicht gesehen in „10 Things I hate about you“ (1999), eine Teenie-Shakespeare-Komödie, oder in „The Patriot“ (2000), ein actionreiches Kriegsdrama, oder in „A Knight’s Tale“ (2001), ein modernes Ritter-Epos mit Witz, oder in „Monster’s Ball“ (2001), ein ergreifendes Südstaaten-Drama, oder in „The Brothers Grimm“ (2005), ein unheimlicher Fantasyfilm. Er ist gross, attraktiv, hat eine tiefe Stimme – ein klassischer Teenie-Schwarm, der aber genau das nie sein wollte und wohl auch deshalb derart vielfältige Rollen übernommen hat.


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Nun ist er gleich mit zwei Filmen in unseren Kinos, die unterschiedlicher nicht sein könnten: „Casanova“, ein cleverer und witziger Kostümfilm von Lasse Hallström, und „Brokeback Mountain“, ein bildgewaltiges und tragisches Westerndrama von Ang Lee. In letzterem zeigt Ledger erstmals so richtig, was er kann (und hat dafür prompt eine Oscar-Nomination bekommen - der Film insgesamt acht). Er spielt Ennis del Mar, der 1963 am Brokeback Mountain in Wyoming einen Sommer lang eine riesige Schafherde hüten muss. Dabei lernt er Jack Twist kennen, einen jungen Rodeo-Reiter (Jake Gyllenhaal aus „Jarhead“ und „The Day after Tomorrow“). Einer schläft nachts immer bei der Herde auf der Weide, der andere unten im Zelt. Eines Nachts aber ist zuviel Alkohol im Spiel, und sie landen beide in dem kleinen engen Zelt. Es fängt mit Sex an, und beide versichern einander danach, sie seien nicht „queer“, das werde nicht wieder vorkommen. Doch es kommt wieder vor, und während dieses Sommers am Brokeback Mountain wird aus dem Sex mehr. Die Trennung am Ende des Jobs ist dennoch ebenso wortkarg wie die erste Begegnung – und erst Jahre später, beide sind inzwischen verheiratet mit Kindern, begegnen sie sich wieder. Die Leidenschaft entflammt neu, doch die gesellschaftlichen Konventionen bleiben stärker. Ledger spielt Ennis wortkarg, in sich gekehrt, als jemanden, der kaum in der Lage ist, Gefühle zu zeigen - ein cooler Cowboy, der mit seinen Leidenschaften nicht klarkommt.

Überaus lebenslustig aber nicht minder überzeugend gibt er dafür den legendärsten Frauenverführer der Weltgeschichte, Giacomo Casanova, dem im Venedig des 18. Jahrhunderts ein fatales Missgeschick passiert: Ausgerechnet während er von der Inquisition aus Rom verfolgt wird, verliebt er sich in eine Frau – und dann noch eine, die nichts von ihm wissen will. Casanova muss sich in der Folge einiges einfallen lassen, um einerseits die bereits verlobte und ziemlich emanzipierte Francesca (Sienna Miller) von sich einzunehmen und andererseits dem mächtigen, wenn auch nicht allzu cleveren Inquisitor Bischof Pucci (sensationell: Jeremy Irons) zu entkommen. Der Film ist prachtvolles Historienspektakel und clevere Verwechslungskomödie zugleich. Zwei Stunden grossartige Unterhaltung.

Gleich zwei exzellente Filme also, in denen der junge Australier seine ganze Schauspiel-Bandbreite unter Beweis stellen kann. Was sitzen Sie hier noch rum und lesen? Ab ins Kino!


10.2.2006

Iiih, Gewalt!!

Von Ralf Kaminski um 21:42 [ Kino ]
Vielleicht haben Sies ja mitbekommen: Der Basler Regierungsrat Guy Morin (ein Grüner) hat sich im Januar die Pressevisionierung von “Saw II” angesehen, kam entsetzt aus dem Kino und appellierte an die Basler Kinobetreiber, diesen Film nicht zu zeigen. Und ging gleich noch einen Schritt weiter: «Das bestehende Gesetz zu Gewaltdarstellungen im Film muss zum Schutz der Jugend und zur Gewaltprävention neu überdacht werden», erklärte Morin gegenüber „20 Minuten“.

So was macht natürlich neugierig. Gerade auch wenn man „Saw“ gemocht hat, wie das bei mir der Fall war. Also nichts wie ins Kino. Nun, der Herr Regierungsrat kann in Sachen „Saw II“ nur unterstützt werden – diesen Film darf man nicht sehen! Allerdings nicht wegen der Darstellung exzessiver Gewalt (die hat man andernorts schon expliziter gesehen) sondern wegen der Beleidigung aller Freunde des ersten Teils. Der war ja ein cleveres Stück Psycho-Horror, gekoppelt mit gelegentlichen Gore-Schockeffekten (für die Uneingeweihten: in „Saw“ erwachen zwei Männer, die sich nicht kennen in einem Raum, den sie nicht kennen – sie sind eingesperrt, zwischen ihnen liegt eine Leiche und nach und nach wird klar, dass irgend ein Irrer ein mieses Spiel mit ihnen spielt, und dass der Irre sie besser kennt als ihnen lieb ist, und dass mindestens einer von ihnen sterben wird, wenn sie die Hinweise, die der Irre ihnen gibt, nicht richtig zu interpretieren wissen). „Saw II“ ist ein äusserst schwacher Abklatsch davon. Beim Versuch, die Schraube noch ein bisschen weiter zu drehen (diesmal sinds mehr Leute, und es ist ein ganzes Haus anstelle eines einzigen Raums), ist leider etliches ziemlich daneben gegangen. Zum Beispiel verhält sich jede einzelne Figur im Film so dämlich und unglaubwürdig wie möglich, allen voran der Held. Die einzig erträgliche Figur ist der kranke (Krebs im Endstadium) Oberbösewicht, der sein Motiv halbwegs nachvollziehbar fortsetzt. Und der im Haus miteingesperrte Sohn des Helden ist auch noch ganz okay. Der ganze Rest: furchtbar. Am Schluss gibts einen kleinen Überraschungs-Twist, aber das rettet den Film auch nicht, nur schon deshalb nicht, weil man erwartet, dass es am Ende diesen Überraschungs-Twist gibt. „Saw II“ ist einfach – an seinem Vorgänger gemessen – ziemlich schlecht. Wie so viele zweite Teile von guten Filmen.





Was lernen wir daraus? Regierungsräte sollten nicht ins Kino gehen – oder zumindest nicht in Filme, die nicht für ihre Alterskategorie geeignet sind. Dennoch können sie Recht haben, wenn sie solche Filme schlecht finden. Aber verbieten, ach herrje. Hat sichs denn immer noch nicht herumgesprochen, dass nichts so interessant ist wie ein Verbot? Und dass Verbote sich in der Regel immer irgendwie umgehen lassen, wenn man sich ein bisschen bemüht?


07.2.2006

Schweizer Fernsehjahr 2006

Von Martin Uebelhart um 20:35 [ TV ]
Einmal im Jahr versammeln sich die Schweizer Fernsehgewaltigen vor der Presse und halten Rück- und Ausschau. Der Rückblick aufs vergangene Jahr ist schnell zusammengefasst: Es haben wieder weniger Leute zugeschaut.

sf

Vielversprechender ist da schon der Ausblick, den das Schweizer Fernsehen (SF) heute geliefert hat. Es seien nur zwei, drei Sachen herausgepickt, die mir auffielen. Zunächst können wir uns auf Ende April freuen. Dann startet «Der Match – Das Promi-Fussballcamp». Um uns so richtig auf das sportliche Highlight dieses Jahres einzustimmen, dürfen wir während sechs Wochen einem Team aus fussballverrückten Promis zuschauen, die sich auf den grossen Höhepunkt vorbereiten. Nein nicht die Fussball-WM, sondern ein Spiel gegen ehemalige Fussballgrössen. Zum Ende der «Fussballevent-Serie» (O-Ton SF) wird das Schweizer Fernsehen dieses Spiel live übertragen – wenige Tage vor der Fussball-Weltmeisterschaft.

Im Verlauf des Jahres wird SF zudem eine ganze Reihe von neuen (US-amerikanischen) Serien ins Programm aufnehmen. Neben der einen oder anderen Doktor-Serie sei «Commander in Chief» erwähnt. In der Serie geht es um die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten. Politik spielt eine grosse Rolle, doch kommen auch das Privatleben der Präsidentin und der Ärger, den ihre Kinder mitunter verursachen, nicht zu kurz. Die Hauptrolle spielt Geena Davis und mit ihrer Leistung hat sie immerhin einen Golden Globe abgeräumt.

Ein Blick noch auf die Abteilung Kultur: Neben verschiedenen eigenproduzierten Schweizer Filmen und ausführlichen Mozart-Festlichkeiten hat sich SF für die 40. Austragung des Jazz Festivals Montreux etwas Spezielles einfallen lassen. Neben Berichten über Jubiläumsfeierlichkeiten werden in diversen Sendungen Highlights aus dem Archiv zu sehen sein.


01.2.2006

Wer einen Oscar gewinnen sollte

Von Ralf Kaminski um 16:18 [ Popcorn ]
Am 5. März findet in Hollywood wieder das grösste Filmspektakel des Jahres statt: die Oscar-Verleihung. Seit gestern sind die Nominationen bekannt – seit gestern können auch Sie also wieder für Ihre Favoriten mitfiebern, falls Sie so was haben. Wie üblich ist es so, dass einige der nominierten Filme bei uns noch gar nicht in die Kinos gekommen sind, ein paar aber schon. Ebenfalls wie üblich hats ganz viele brutal uninteressante Kategorien darunter, wir beschränken uns hier deshalb auf die Spannendesten.

Bester Film:
Brokeback Mountain (CH-Start 16.2.)
Capote (CH-Start 2.3.)
Crash
Good Night, and Good Luck
Munich

Schwieriger Entscheid, nicht einer fällt da gleich von Anfang an raus. Mein persönlicher Favorit ist „Brokeback Mountain“.


Bester Hauptdarsteller:
Philip Seymour Hoffman – Capote
Terrence Howard – Hustle & Flow (CH-Start noch unklar)
Heath Ledger – Brokeback Mountain
Joaquin Phoenix – Walk the Line
David Strathairn – Good Night, and Good Luck

Ganz klar: Philip Seymour Hoffman.





Beste Hauptdarstellerin:
Judi Dench – Mrs. Henderson Presents
Felicity Huffmann – Transamerica (CH-Start im April)
Keira Knightley – Pride and Prejudice
Charlize Theron – North Country (CH-Start 9.2.)
Reese Witherspoon – Walk the Line

Kein Entscheid möglich, weil ich nur einen der vier Filme kenne, aber meine Sympathien liegen bei Judi Dench.


Bester Nebendarsteller:
George Clooney – Syriana (CH-Start 23.2.)
Matt Dillon – Crash
Paul Giamatti – Cinderella Man
Jake Gyllenhaal – Brokeback Mountain
William Hurt – A History of Violence

Ganz klar: William Hurt, eine geniale Performance. Zweiter Favorit: Jake Gyllenhaal.


Beste Nebendarstellerin:
Amy Adams – Junebug (CH-Start noch unklar)
Catherine Keener – Capote
Frances McDormand – North Country
Rachel Weisz – The Constant Gardener
Michelle Williams – Brokeback Mountain

Ganz klar: Rachel Weisz, auch weil der ganze Film mehr Anerkennung verdient hätte.


Beste Regie:
Ang Lee – Brokeback Mountain
Bennett Miller – Capote
Paul Haggis – Crash
George Clooney – Good Night, and Good Luck
Steven Spielberg – Munich

Ang Lee oder George Clooney.


So, jetzt sind Sie dran. Wer verdient einen Oscar, wer darf auf gar keinen Fall gewinnen? Oder ist das ganz Brimborium eh einfach nur doof?