27.5.2006

Kampf um Akzeptanz

Von Ralf Kaminski um 21:08 [ Kino ]
Gehören Sie auch zu den seltsamen Menschen, die im Kino sitzen bleiben, bis der Abspann zu Ende ist? Ich mache das gelegentlich. Meist bei Filmen, die mir gefallen haben, die ich noch ein wenig nachhallen lassen will – und wenn ich die Musik mag. Nichts Schlimmeres, als wenn man einen guten Film gesehen hat mit einem schönen instrumentalen Soundtrack, und dann legen sie über den Nachspann irgendeinen schubidubidu-Popsong. Grässlich. Jedenfalls, ab und zu passiert es, wenn man bis zum Schluss sitzen bleibt, dass man von den Filmemachern belohnt wird mit einer zusätzlichen Szene. Oft nur irgendwas Kleines, nichts was den ganzen Film in einem anderen Licht erscheinen lassen würde. In der Regel.

Sollten Sie sich in diesen Tagen den dritten Teil der “X-Men”-Filme ansehen, “The Last Stand”, dann kann ich Ihnen nur empfehlen, sitzen zu bleiben. Wirklich, es lohnt sich. Die “X-Men”-Filme (Teile 1 und 2 liefen 2000 und 2003) haben sich ja schon immer positiv abgehoben vom Gros der Superhelden-Comic-Verfilmungen (vielleicht von den Burton- und Nolan-Batmans mal abgesehen), da war einfach eine Spur mehr Tiefgang. Einerseits weil die Superhelden zwar alle für sich eine besondere Fähigkeit haben, dafür aber in fast allen Fällen einen hohen Preis zahlen: Schmerzen, Unfähigkeit zu Körperkontakt, Behinderung. Ihre Stärke ist ihre Schwäche. Dazu kommt, dass der schwule Regisseur Bryan Singer, der die ersten beiden Teile inszeniert hat, ein feines Gespür für Minderheiten-Themen hat. So stellte er jeweils die Konflikte zwischen der “normalen” Mehrheit der Menschen und der “Mutant Community” in den Mittelpunkt seiner Filme. Von Anfang an ging es um den Kampf jener, die anders sind, von der Mehrheit akzeptiert zu werden. Die eine Mutanten-Gruppe um Professor Charles Xavier (Patrick Stewart) versucht das mit Geduld und Kooperation, die andere um Magneto (Ian McKellen) mit einer Überlegenheits-Ideologie und Gewalt.

Nachdem die beiden Gruppen in X-Men 2 notgedrungen zusammenarbeiten mussten, gegen einen noch grösseren gemeinsamen Feind, haben sich ihre Wege in Teil 3 wieder getrennt. Und diesmal drohen gleich zwei grosse Probleme: Ein Pharma-Unternehmen hat ein Medikament entwickelt, das die Mutationen der X-Men rückgängig macht, sie “heilen” kann, wie der Konzern so schön erklärt. Was einige der Mutanten entsetzt, andere wiederum mit Hoffnung erfüllt. Und die totgeglaubte Jean Grey taucht wieder auf – wie der Phoenix aus der Asche sozusagen – und ist nicht nur mächtiger als Xavier und Magneto zusammen, sondern auch vollkommen unkontrollierbar und damit eine Gefahr für Mutanten und Menschen gleichermassen.

Selten genug kommt es vor, dass zweite Teile besser sind als erste, bei X-Men ist dies der Fall. Und während der ersten Hälfte des dritten Teils sitzt man staunend im Kinosessel und kanns fast nicht glauben, dass dieser nun nochmals besser sein soll. Er ist es bis zur Hälfte, dann versinkt er leider in einer Aneinanderreihung von Action-Szenen, und viele der zuvor neu eingeführten Figuren haben kaum was zu tun. Vielleicht liegt es daran, dass Bryan Singer mitten im Projekt ausgestiegen ist und die Regie von “Superman Returns” übernommen hat, der im August über unsere Leinwände fliegen wird. Ersetzt hat ihn Brett Ratner, der skurrilerweise eigentlich eben jenen Superman-Film hätte machen sollen. Jedenfalls, das Potenzial, das der Film in der erste Hälfte aufbaut (unter anderem, in dem er zwei Hauptfiguren sang- und klanglos sterben lässt), wird danach sinnlos verschenkt. Und dennoch, mehr als Durchschnitt ist er allemal, nicht zuletzt auch wegen ein paar grossen Stars.




Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber von mir aus könnte man Patrick Stewart und Ian McKellen in Alltagskleidung auf eine leere Bühne setzen und sie Bedienungsanleitungen von Videorecordern rezitieren lassen – es wäre trotzdem spannend, ihnen dabei zuzusehen. Die beiden britischen Schauspieler sind übrigens derzeit bzw. in naher Zukunft live in Stratford-upon-Avon beim Royal Shakespeare Company Complete Works Festival zu sehen. McKellen in der Titelrolle von “King Lear”, Stewart als Antony in “Antony and Cleopatra”. Details gibts auf www.rsccompleteworks.co.uk


17.5.2006

Die Sache mit Jesus

Von Ralf Kaminski um 12:23 [ Kino ]
Die katholische Kirche kennt sich aus mit Fiktionen, schliesslich basiert sie auf einer. Sie wissen schon: Gott, 7 Tage, Adam und Eva, Paradies, Hölle, Jesus Christus, Kreuzigung, Auferstehung etc. etc. Alles clever erfunden bzw. nachträglich mit übernatürlicher Bedeutung ausstaffiert – dennoch halten es Millionen von Menschen für wahr, für die einzige Wahrheit gar, einfach weil es ihnen überzeugend genug daher kommt, sie entsprechend sozialisiert wurden oder es psychologisch brauchen, um das Leben zu ertragen. Fiktionen können sehr verführerisch sein. Nun kommt da ein anderer daher, der auf dem gleichen Gebiet auch clever erfunden hat – alles ein bisschen anders interpretiert und verschwörungstheoretisch wunderbar aufgeladen. Dan Brown versucht die Kirche auf ihrem ureigensten Gebiet auszustechen, und wenn man den Verkaufserlös seines Buchs als Gradmesser des Erfolgs nehmen will, ist ihm das nicht so schlecht gelungen. Sein komplett fiktionaler Roman „The Da Vinci Code“ hat sogar weitere Bücher inspiriert, die aufzeigen, was darin wahr sein könnte, was halb oder ganz erfunden ist – oft natürlich aus der Perspektive eines Gläubigen. Da wird dann die eine Erfindung an der anderen gemessen.

Und nun also der Film, vor dem die Kirche warnt, den sie gerne boykottiert sehen möchte. Denn Filme gucken auch jene Menschen, denen Bücher lesen zu anstrengend ist – noch mehr also könnten auf dumme Gedanken kommen, könnten der frechen Behauptung Browns Glauben schenken, dass Jesus nur… aber mehr will ich hier nicht verraten, vielleicht gehören Sie ja zu den wenigen, die die Story noch nicht kennen. Eine hübsche Idee jedenfalls. Doch eine echter Katholik wird kaum wegen eines Buchs oder eines Films vom wahren Glauben abfallen, da dürfte die Kirche ruhig etwas selbstbewusster sein (man erinnere sich an die Szenen, die sich rund um den sterbenden Papst letztes Jahr abgespielt haben). Warum also eine derart hysterische Reaktion? Haben die Kirchenoberen noch immer nicht verstanden, dass sie damit nur eins machen: Werbung für den Film?




Sieht ja wirklich nicht sehr männlich aus, dieser Jünger.


Ron Howards „The Da Vinci Code“ hat das gleiche Problem wie Dan Browns Buch: So richtig spannend ist die Geschichte nur beim ersten Mal, wenn man zusammen mit Robert Langdon und Sophie Neveu der ungeheuerlichen (eben: fiktionalen) Wahrheit Schritt für Schritt näher kommt. Kennt man sie schon (und nach der breiten Berichterstattung auf allen Kanälen gibts wohl kaum jemanden, der sie noch nicht mitbekommen hat), verliert die Geschichte enorm an Spannung. Ganz kurz für jene, die noch nie davon gehört haben: Im Louvre wird ein Kurator ermordet. Weil er sich während seines Todeskampfs noch mysteriöse Zeichen in den eigenen Körper geritzt hat, bietet die französische Polizei den zufällig in Paris weilenden amerikanischen Symbol-Experten Robert Langdon auf. Und der kommt mit Hilfe der Enkelin des ermordeten Kurators ziemlich bald einer gewaltigen religiösen Verschwörung auf die Spur, deren Aufdeckung die Grundfesten des Christentums erschüttern könnte.

Wer das Buch gelesen hat, kann sich immerhin damit beschäftigen, wie die Geschichte filmisch umgesetzt wurde. Und da kann man sicher sagen: Ziemlich gut. Ob nun Tom Hanks die Idealbesetzung für Robert Langdon ist, darüber lässt sich streiten. Ich persönlich hätte gerne jemand anderen gesehen als ausgerechnet all-american-good-guy Hanks, aber eigentlich schlägt der sich ganz wacker. Einmal mehr grossartig ist Ian McKellen als Sir Leigh Teabing, der allein mit seiner Mimik alle anderen mühelos an die Wand spielt. Ein schauspielerisches Highlight des Films ist der Gelehrtenstreit zwischen Langdon und Teabing – und in der Szene, wo Teabing Langdon und Neveu seine Interpretation von Leonardo da Vincis Abendmahl-Gemälde erläutert, zeigt sich, dass das Medium Film gegenüber dem Buch eben auch seine Vorteile hat.

Mehr aber als ein gut gemachter Unterhaltungsfilm ist „The Da Vinci Code“ weiss Gott nicht. Kein Grund jedenfalls für die katholische Kirche nervös zu werden. Leider.



02.5.2006

Keine Filmkritik

Von Ralf Kaminski um 14:43 [ Kino ]
Die Filmkritiken für „Mission Impossible III“ unterstehen weltweit einem Embargo. Im Namen von UIP United International Pictures bitten wir Sie, dies zu respektieren und keine Filmkritiken, resp. Filmbewertungen vor dem 4. Mai 2006 zu lesen. Wir danken für Ihr Verständnis.

Kommt Ihnen komisch vor? Mit fast exakt diesen Worten (das „lesen“ müssen Sie durch „veröffentlichen“ ersetzen), hat UIP für den Vormittag des 2. Mai in Zürich zur einzigen Pressevorführung in der Deutschschweiz eingeladen, zwei Tage vor dem weltweiten Filmstart. Der erste Gedanke: Uiii, der Film muss aber schlecht sein, wenn die solche Angst vor Filmkritiken haben. Der zweite: Ach so, wahrscheinlich haben sie nur Panik, dass wieder massenweise Journis mit ihren Handkameras ins Kino sitzen und den Film anschliessend postwendend und vor dem Kinostart ins Internet stellen. Deshalb kam man sich an der Pressevisionierung dann auch vor, wie an einem US-Flughafen kurz nach 9/11: Sämtliche Taschen mussten als Ganzes abgegeben werden, vor dem Betreten des Kinosaals suchten Damen und Herren einer Securityfirma freundlich aber bestimmt mit Hilfe eines Metalldetektors den ganzen Körper von oben bis unten nach versteckten Bomben, äh, Aufnahmegeräten ab. Leibesvisitationen fanden meines Wissens nicht statt, aber das ist wohl nur eine Frage der Zeit.

Tja, und dann durfte man den so sorgsam behüteten Film also tatsächlich sehen – links und rechts im Saal standen während der Vorführung besagte Sicherheitsleute und beobachteten in aller Schärfe die Zuschauerreihen, ob es den abgefeimten Medienjournalisten nicht doch gelungen war, eine James-Bond-artige, pardon Ethan-Hunt-artige Minikamera ins Kino zu schmuggeln. Zwischenfälle gab es keine, obwohl auf der Einladung zur Pressevisionierung auch stand: „Für den Fall Ihres Versuchs der Inbetriebnahme eines Aufnahmegeräts sind Sie damit einverstanden, dass Sie unverzüglich aus der Vorführung verwiesen werden und das Gerät entschädigungslos einbehalten wird.“

Und nun wollen Sie natürlich wissen, wie der Film ist. Kann ich verstehen, und ich könnte es Ihnen auch erzählen. Aber Sie wollen doch wohl nicht, dass ich wegen Ihnen Ärger kriege, oder? Wer weiss, wie weit die gehen? Plötzlich stehen morgens vor meinem Haus merkwürdige Herren in dunklen Anzügen mit schwarzen Sonnenbrillen. Die US-Filmindustrie soll ja bereits mit Russland in Verhandlungen stehen, um in Sibirien eines der verwaisten Gulags wieder zu eröffnen und mit unbotmässigen Journalisten (und Raubkopierern! und Internetnutzern im Allgemeinen!) zu füllen. Wie, zivilen Ungehorsam fordern Sie? Einen Bruch des Embargos? Sie wollen um jeden Preis wissen, wie dieser Film ist? Sie können unmöglich bis am 4. warten? Sie sind bereit, mich notfalls auch aus dem Gulag wieder rauszuholen, so wie es der heroische Ethan Hunt mit einer ehemaligen Schülerin im Film macht? Unter Einsatz massiver Waffengewalt? Oh, verdammt, gilt das schon als Kritik? Sie bringen mich noch in Teufels Küche!




Ethan Hunt (Tom Cruise) rettet eine ehemalige Schülerin - zumindest vorerst.


Na gut, ich sage soviel: Der Film ist nicht schlecht. Er ist über weite Strecken sogar ziemlich gut, spannend, aufregend. Action, die zwar die Intelligenz des Zuschauers nicht gerade herausfordert aber doch immerhin auch nicht beleidigt. Der Schluss, naja, der ist halt so wie er sein muss, etwas konventionell, schade eigentlich. Aber bis dahin machts Spass. Auch und vor allem Philip Seymour Hoffman mal als Action-Bösewicht zu sehen. So, mehr kriegen Sie nicht aus mir raus. Und falls das mein letzter Eintrag hier gewesen sein sollte, dann wissen Sie ja, wo Sie mich finden. Ich hoffe, ich kann mich auf Sie verlassen.