09.6.2006

WM-freie Grossleinwand

Von Martin Uebelhart um 13:48 [ Popcorn ]
Es soll Menschen geben, die mit dem die nächsten vier Wochen überspannenden Grossanlass schlicht nichts oder doch mindestens nur wenig anfangen können. Der omnipräsenten Fussball-WM auszuweichen, ist allerdings gar nicht so einfach. Oder kennen Sie auf Anhieb ein Lokal, in dem nicht irgendwo ein Fernseher grünlich flimmern wird, oder einen Platz, auf dem das Gekicke nicht auf Grossleinwand zelebriert wird?

fussballfreie zone

Eine Insel für Fussball-Geplagte sind in diesen Tagen die Kinos. Es ist ein wahres Vergnügen, in viertelvolle oder halbleere Kinosäle zu sitzen und sich von den neusten Filmen unterhalten zu lassen. Denn auch während der WM gelangen jede Woche neue Werke auf Grossleinwänden zur Aufführung. Und wenn Sie Glück haben, ist der Kinosaal auch noch angenehm klimatisiert – eine zusätzliche Wohltat, wo doch die Aussentemperaturen wacker der 30-Grad-Grenze zustreben.

Eines jedoch gilt es zu beachten: Es lohnt sich, erst für die Trailer oder den Hauptfilm ins Kino zu sitzen. Denn mit Sicherheit werden zahllose Haupt- und Nebensponsoren des besagten Sportfestes ihre Produkte in flott geschnittenen und mit knalliger Musik unterlegten Kurzfilmen feilbieten. Und das muss ja nun wirklich nicht sein …


06.6.2006

Gregory vs. Liev

Von Ralf Kaminski um 06:06 [ Kino ]
Eigentlich wollte ich Ihnen ja heute einen sympathischen kleinen kanadischen Familienfilm ans Herz legen: “C.R.A.Z.Y.”, Komödie, Drama, Coming-out-Film und Zeitreise zugleich. Und eben, ein Film für die ganze Familie, noch dazu mit einem verteufelt hübschen Hauptdarsteller namens Marc-André Grondin.

Aber eben, à propos Teufel, Sie wissen ja, was heute für ein Tag ist, oder? Der 6. Juni 2006, also 06.06.06, also 666. Die Zahl des Tiers, das Zeichen, das Symbol des Antichrists, des Sohns von Satan höchstselbst. Nicht dass Sie jetzt denken, ich würde angesichts der aufgeregten Debatte über meinen Beitrag zum “DaVinci Code” nun auf jedes religiöse Filmthema springen, das sich mir in den Weg stellt, aber “The Omen” gehört zu den ganz, ganz grossen Klassikern des Okkultfilms. Und wenn da jemand kommt und ein Remake macht, und dieses weltweit am 6. Juni 2006 startet, dann muss man dazu schon was sagen.





Und es ist leider nichts Gutes. Sie wissen ja, wie es heisst: Es gibt überflüssige Filme, es gibt vollkommen überflüssige Filme, und es gibt Remakes. Es mag da und dort mal eine Ausnahme daher kommen, z.B. war “The Birdcage” (1996, mit Robin Williams, Nathan Lane und Gene Hackman) eine überraschend gelungene Modernisierung von Edouard Molinaros Klassiker “La cage aux folles” aus dem Jahre 1978. Aber in der Regel ist es schon eher so wie bei “Psycho” (Gus van Sants Version von 1998), wo man im Kinosessel sitzt und denkt: “Aha, und wozu das jetzt?” Ein Vince Vaughn kann einfach einen Anthony Perkins nicht ersetzen, es geht nicht – da hilft auch kein Duschmord in Farbe.

Ebenso wenig wie Liev Schreiber Gregoy Peck ersetzen kann. Gregory Peck! Einer der richtig grossen Hollywood-Stars alter Schule. 60 Jahre war er bereits alt, als er 1976 die Hauptrolle in Richard Donners “The Omen” übernahm, ansehen tut man es ihm nicht. Peck spielt Robert Thorn, den US-Botschafter in Rom, dessen Gattin Katherine (Lee Remick) sich so sehnlichst ein Kind wünscht, dass er sich auf ein fatales Geschäft einlässt. Noch in der Nacht, in der Katherine das gemeinsame Baby tot zur Welt bringt, lässt er sich von einem Priester im Krankenhaus ein anderes Neugeborenes aufschwatzen, dessen Mutter angeblich in derselben Minute gestorben ist. Katherine gegenüber gibt er es als ihr Kind aus, von der Totgeburt sagt er nichts. Sie nennen den Jungen Damien. Und so geht alles seinen Gang, Thorn macht Karriere, wird Botschafter in Grossbritannien, residiert mit seiner Familie in einer prachtvollen Villa. Das Idyll hat ein Ende, als sich Damiens Kindermädchen mitten in der Party zu seinem 5. Geburtstag mit einer Schlinge um den Hals vom Dach der Villa stürzt: “Für dich, Damien!” ruft sie noch. Und als kurz darauf ein Priester bei Thorn auftaucht und ihn warnt, Damiens Mutter sei ein Schakal gewesen, Damien selbst sei der Sohn des Teufels, hat Thorn keine Ruhe mehr. Zwar hält er den Priester für verrückt, aber immer mehr seltsame Dinge geschehen, und immer mehr Leute sterben… “The Omen” ist ein grossartiges Schauermärchen, atmosphärisch und unheimlich bis zum Schluss. Dazu trägt auch der Oscar-prämierte Soundtrack bei: Jerry Goldsmiths pompöse und finstere Choräle unterstreichen das Wirken Damiens und seiner Gehilfen ausgesprochen effektiv.





Und das Remake? Die Story ist praktisch vollkommen identisch – der Film beginnt ein wenig anders, und das ist denn auch schon die einzige Innovation: Der Vatikan deutet diverse Ereignisse (World Trade Center Anschläge, Tsunami etc.) als die in der Bibel vorausgesagten Zeichen kurz vor der Ankunft des Antichrists. Ansonsten sieht man ein paar modernere Special Effects und neue Schauspieler in alten Rollen. Sie machen das auch ganz okay, und gäbs den Originalfilm nicht, würde man vielleicht sagen, ja, ganz nett. Aber so denkt man halt bloss: “Aha, und wozu das jetzt?” Die Musik ist übrigens auch eher fad. Das beste am Remake ist die hübsche Idee mit dem Startdatum.

Also: Sparen Sie sich den Film, gehen Sie lieber in eine gute Videothek und leihen Sie sich das Original aus. Oder, wenn Ihnen der Sinn nach eher Diesseitigem und deutlich Fröhlicherem steht: Gucken Sie “C.R.A.Z.Y.”