28.7.2006

Captain Jack is back!

Von Ralf Kaminski um 09:04 [ Kino ]
Jahrzehntelang hat das Publikum Piratenfilme geliebt. Dann liess es sie genauso lang links liegen. Selbst gelungene Wiederbelebungsversuche wie „Cutthroat Island“ (1995, von Renny Harlin mit Geena Davis und Matthew Modine) hatten keine Chance. Und so schien es äusserst unwahrscheinlich, dass ein Piratenfilm 2003 nun plötzlich funktionieren sollte, noch dazu einer, der auf einer Themenpark-Attraktion in Disneyland beruht. Aber „Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl“ war ein weltweiter Hit und spielte in den Kinos über 600 Millionen Dollar ein. Zu verdanken war dies dem exzellenten Drehbuch, der verblüffenden Mischung aus Piraten, Fantasy und Humor – und den Stars, allen voran Johnny Depp, der einen Piratenkapitän spielte, wie ihn die Welt zuvor noch nie gesehen hat.

Captain Jack Sparrow, dessen Erscheinung und Verhalten mindestens auf einen enormen Alkoholkonsum, wenn nicht sogar auf latente Homosexualität schliessen lässt, ist eine derart exzentrische Figur, dass man kaum glauben mag, wie freudig ihn die weltweite Kinogemeinde als neuen Helden akzeptiert hat. Vom Schicksal ständig gebeutelt, aber listig und exzellent im Kampf, schummelt Sparrow sich durch die Story, ständig nur auf seinen Vorteil bedacht, auf sein Ziel. Um es zu erreichen benutzt er alle um sich herum, und doch kann man ihm nichts so richtig übel nehmen. Kommt hinzu, dass es für das Heldenpaar, den Schmied Will Turner und die Gouverneurstochter Elizabeth Swann (Orlando Bloom und Keira Knightley), ja dann doch auch gut ausgeht, und irgendwie sogar wegen Jack. Sozusagen ein Nebeneffekt.




Der Film war also ein Hit, ein Überraschungs-Hit. Und wie es so ist mit Hits und Hollywood - es muss eine Fortsetzung her: „Pirates of the Caribbean: Dead Man’s Chest“, gefolgt von „Pirates of the Caribbean: At World’s End“ im Mai 2007. Beide Filme wurden gleichzeitig gedreht und das ganze nun zur Trilogie aufgewertet. Drei Jahre hat man sich Zeit gelassen, es sind alle wieder mit von der Partie – die Drehbuchautoren Ted Elliott und Terry Rossio, Regisseur Gore Verbinski und allen voran die Darsteller. Fortsetzungen von Hits habens ja bekanntlich schwer, weil die Erwartungen so enorm hoch sind – was in diesem Fall umso härter ist, da die Erwartungen beim ersten Film so enorm niedrig waren. „Dead Man’s Chest“ ist, soviel vorweg, eine gelungene Fortsetzung, eine spannende, witzige, neue Geschichte rund um die bekannten Figuren – und mit ein paar neuen. Wenn man am Ende dennoch nicht ganz so befriedigt aus dem Film geht wie beim ersten Teil, liegt das vielleicht daran, dass die freudige Überraschung (die einen beim ersten Teil erfüllte) diesmal fehlt und dass die Story einige offene Enden hat, die sich erst im dritten Teil klären. Der Film braucht zudem zu Beginn etwas mehr Zeit als der erste, um in die Gänge zu kommen, was aber auch daran liegt, dass die Story ganz schön verwickelt ist.

Will Turner und Elizabeth Swann werden sozusagen vor dem Altar verhaftet, beschuldigt der Beihilfe zur Flucht des berüchtigten Piraten Jack Sparrow. Aber das ist nur ein Vorwand für den neuen Herrscher von Port Royal, Will dazu zu bringen, Sparrow hinterher zu reisen und ihm einen Kompass abzunehmen. Nur so kann er sich und seine Geliebte retten. Will macht sich wohl oder übel auf den Weg – und findet Jack in einer äusserst misslichen Situation: Der Captain sitzt auf einer Kannibaleninsel fest. Zwar wird er von den Kannibalen als eine Art Gott verehrt, aber diese Anbetung gipfelt darin, Jack zu einem köstlichen Festmahl zu verarbeiten. Und das ist nur der Anfang. Im Verlauf der Geschichte kommen vor: Der Fliegende Holländer mit seinem Kapitän (der mit Jack eine alte Rechnung offen hat) und seiner untoten Mannschaft, eine Riesenkrake, eine geheimnisvolle Truhe, hinter deren Inhalt mindestens vier verschiedene Parteien aus unterschiedlichen Motiven her sind und eine verwirrte Heldin, die sich zwischen Will und Jack hin- und hergerissen sieht. Je besser man den ersten Teil in Erinnerung hat, desto mehr weiss man die Mühe zu schätzen, die sich die Drehbuchautoren gegeben haben, die beiden Storys miteinander zu verknüpfen. Am Schluss von „Dead Man’s Chest“ gibts eine sehr unerwartete Wiederbegegnung, und am liebsten würde man gleich den dritten Teil ranhängen. Ach ja, auch hier wird belohnt, wer bis zum Ende des Nachspanns sitzen bleibt.


25.7.2006

Ab durch die Hecke

Von Christian Andiel um 11:28 [ Kino ]
Kino ist etwas Schönes in diesen heissen Tagen. Weil es hat Klimaanlage. Und wenn zudem ein neuer Animationsfilm läuft, was soll dann schon schief gehen? Also rein in „Over the Hedge“, dem neuen Werk von Dreamworks.



Gut anderthalb Stunden später, wieder draussen in der drückenden Schwüle. Mit einem Gefühl der latenten Unzufriedenheit, die einen während des gesamten Films nicht verlassen hat. Denn „Over the Hedge“ ist nett, zweifellos. Der Streifen hat auch ein paar witzige Szenen und Charaktere. Aber ein echter Knüller ist er nicht. Da helfen die Stimmen von Bruce Willis, Avril Lavigne und William Shatner so wenig wie die Musik, die unter anderem von Ben Folds stammt.

Was ist das Problem? Ganz einfach, die Geschichte ist zu schmalzig, die Figuren zu leicht zu durchschauen, die Überraschungseffekte bieten keine wirklichen Überraschungen. Waschbär RJ (Willis) ist ein egoistischer Tunichtgut, der einem Bären das Essen wegschnappt, das er zurückbringen muss. Er versucht es mit Hilfe einer Bande von naiven Tieren, die sich plötzlich in ihrem Waldstück von bösen Menschen umringt sehen. RJ muss sich vor allem gegen Verne durchsetzen, den man als entsetzlichen „Gutmenschen“ beschreiben müsste – wenn er nicht eine Schildkröte wäre. Hinzu kommen ein paar Filmzitate („Indiana Jones“, „Mission Impossible“), auch nicht gerade wahnsinnig originell. Vor allem aber erinnert alles viel zu sehr an „Chicken Run“, was nicht verwundert, schliesslich hat Over-the-Hedge-Macher Karey Kirkpatrick zum genialen Hennen-Rennen ebenfalls das Drehbuch geschrieben.

„Over the Hedge“ ist aus einem liebenswürdigen Comic entstanden, in dem die Tiere die Gewohnheiten des Menschen mit ihrem Witz, ihrer Frechheit als seltsames Tun entlarven. Davon ist im Film nichts geblieben. Hier ist es letztlich bloss ein brachialer Kulturkampf ums Essen. Und es ist vor allem auch der übliche Hollywood-Schmus um die Kraft der Familie, der Freundschaft, des Vertrauens. Nett. Mehr aber auch nicht.

Für die wenigen Höhepunkte ist denn auch sinnigerweise einer zuständig, der permanent stirbt bzw. auf ganz herrlich theatralische Weise so tut: Ozzie, das Opossum, mit der Stimme von Captain Kirk.


19.7.2006

Der letzte Titan

Von Ralf Kaminski um 12:47 [ Popcorn ]
Was, der lebt noch? Das war der erste Gedanke. Dann ein schlechtes Gewissen. Schliesslich war ich als Kind begeistert von ihm, habe viele seiner Filme gesehen, viele seiner Shows geguckt und im von meiner Mutter bevorzugten Radiosender (SWF 1) viele seiner Lieder gehört. Irgendwann in der Teenager-Zeit wurde er dann uncool und verschwand erst aus meinem Blickfeld und dann aus meiner Erinnerung. Und da war er nun plötzlich wieder, beim Zappen im Fernsehen. Man feierte seinen 80. Geburtstag, mit ein bisschen Verspätung, aber immerhin. Peter Alexander Ferdinand Maximilian Neumayer, geboren am 30. Juni 1926 in Wien und von Mitte der 50er-Jahre bis weit in die 90er hinein als Peter Alexander einer der grössten und erfolgreichsten Unterhaltungsstars, die der deutschsprachige Raum je hatte. Man nannte ihn auch Peter der Grosse.

Er drehte von 1952 bis 1972 39 Filme, darunter Klassiker wie „Im weissen Rössl“, „Kriminaltango“, „Charleys Tante“, „Schwejks Flegeljahre“ oder „Die Abenteuer des Grafen Bobby“ – klar, alle im Stil dieser eskapistischen, vergnügten Sing- und Liebeskomödien, wie sie damals üblich waren. Aber 39 Filme in 20 Jahren! Dazu kamen über 40 TV-Shows von 1963 bis 1995. In den Zeiten von zwei, drei TV-Programmen waren viele davon Strassenfeger – später machte er sich rar, trat nur noch einmal pro Jahr auf; seine Show galt als Höhepunkt des Fernsehjahrs. Besonders beliebt waren seine Parodien und Sketche, seine erstaunliche Begabung, andere Stars zu imitieren. Und dann nahm er unzählige Langspielplatten auf (diese grossen schwarzen Scheiben, Sie erinnern sich?), weit über 1000 Lieder, viele davon brannten sich als Ohrwürmer in die Volksseele des deutschsprachigen Raums: „Delilah“, „Kriminaltango“, „Die kleine Kneipe“. Bei allem Erfolg wirkte er immer bescheiden, machte keinen grossen Rummel um sich und zog sich im Gegenteil sogar gern ins Privatleben zurück, das er ziemlich erfolgreich abschottete.





Die Peter Alexander Show an Weihnachten 1995 war dann die letzte, einfach so. Es war nicht angekündigt, es passierte einfach. Der Tod seiner Frau Hilde im März 2003, mit der er nicht nur 51 Jahre zusammen war, sondern die ihn auch erfolgreich gemanagt hatte, traf ihn schwer. Seither lebt er sehr zurückgezogen in Wien, will seine Ruhe. Wie sehr das Allround-Talent noch heute geliebt wird, zeigt die gewaltige Einschaltquote, die seine Geburtstagsgala letzten Sonntag erreichte: 30,6 Prozent aller TV-Zuschauer in Deutschland sahen die Show im ZDF. Noch eine knappe Million mehr sah sie im ORF. Alexander selbst trat nur in einer kurzen Videoeinspielung auf, charmant wie eh und je, älter zwar, aber nicht wie man sich 80-Jährige gemeinhin vorstellt.





Die Gala brachte jedoch vor allem auch ein Wiedersehen mit einem vergangenen TV- und Filmzeitalter, ein Wiedersehen mit alten Stars wie Peter Frankenfeld, Caterina Valente, Hans-Joachim Kulenkampff, Erik Ode, Marika Rökk, Harald Juhnke oder dem kürzlich verstorbenen Rudi Carrell. Vieles aus den damaligen Shows und Filmen wirkt heute antiquiert und mässig lustig, anderes funktioniert noch immer. Wenn etwa Alexander in einer seiner 80er-Jahre-Shows die Stars der neuen deutschen Welle parodiert, Nena mit „99 Luftballons“ oder Trios „Da-da-da“, dann ist das auch heute noch sehr komisch, nicht zuletzt weil er die genauso gut getroffen hat wie Hans Moser oder Heinz Rühmann.

Und ein kleines bisschen ertappte man sich dabei, das alles mit dem heutigen Fernsehen zu vergleichen, in Nostalgie zu versinken und zu denken: „Ach ja, die gute alte Zeit, da war alles noch besser.“ Wohl eine Alterserscheinung.


10.7.2006

Lauter kleine Bösartigkeiten

Von Ralf Kaminski um 13:09 [ Kino ]
Die WM liegt nun zwar glücklich hinter uns, aber weil uns das prachtvolle Sommerwetter vorläufig erhalten bleibt, lassen sich die Kinos weiterhin als angenehm kühle, weitgehend entvölkerte Oasen geniessen. Gibts etwas Schöneres als sich im dunklen leeren Kino einen guten Film anzusehen, während sich am Letten und im Tiefenbrunnen die nackten Massen räkeln, als wenn die Sonne ab morgen für immer verschwunden wäre?

Da ist allerdings das Problem der „guten Filme“. Wo sind sie? Die paar wenigen, die im Programm sind, laufen schon seit Wochen. Bleibt die zweite Garde – oder die vermeintliche zweite Garde. Aufgrund der Filmkritiken jedenfalls habe ich von „American Dreamz“ nicht viel erwartet. Was ja meist die besten Voraussetzungen sind, positiv überrascht zu werden. Der Film nimmt sich mit genüsslicher Boshaftigkeit gleich zwei amerikanischen Phänomenen an, von denen die ganze Welt mitbetroffen ist: Den Casting-Shows sowie George W. Bush und sein Krieg gegen den Terror. Und das geht so: „American Dreamz“, die erfolgreichste Gesangs-Talente-Show der Welt, geht in die nächste Season und ihr arrogant-schmieriger Moderator Martin Tweed (Hugh Grant) braucht ein paar skurrile Figuren und einen Knüller. US-Präsident Staton (Dennis Quaid) wiederum ist gerade nach hartem Kampf wiedergewählt worden und fällt in eine postelektorale Depression, die dadurch verstärkt wird, dass er erstmals in seinem Amt selbst die Zeitungen liest und dort einiges erfährt, das ihn einigermassen beunruhigt und das sein Stabschef (Willem Dafoe) bisher von ihm fern gehalten hat. Für Wochen zieht er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Doch schliesslich kann ihn sein Stabchef überzeugen, dass es Zeit ist, sich wieder zu zeigen – und Höhepunkt der PR-Offensive soll der Auftritt als Gastjuror im Finale von „American Dreamz“ sein. Missmutig lässt sich Staton überreden, Tweed hingegen ist hingerissen. Auch seine Gesangstalente scheinen vielversprechend, vor allem die gnadenlos opportunistische und egoistische Sally Kendoo (Mandy Moore) und der naive Iraker Omer Obeidi (Sam Golzari), der von einer islamistischen Terrorgruppe als Schläfer in die USA eingeschleust worden ist. Die wiederum sieht ihre Stunde gekommen und setzt alles dran, dass Obeidi es ins Finale schafft, damit er sich dann mitsamt dem Präsidenten vor den Kameras der Welt in die Luft sprengen kann.





Natürlich kommt alles ganz anders – und der Weg dorthin ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch sehr, sehr amüsant. Gespickt mit Seitenhieben auf die US-Politik und ihren Präsidenten sowie den verlogenen Hype der Castingshows reiht der Film eine kleine Bösartigkeit an die andere und macht auch vor der islamistischen Terrorgruppe nicht Halt, die eine geradezu beunruhigende Faszination für US-TV-Shows an den Tag legt. Hugh Grant, der als Romantic Lead einfach nur ein Langweiler ist, läuft hier zu seiner Bestform auf, und Dennis Quaid gibt eine fast schon unheimlich überzeugende Bush-Kopie ab. Für diesen Film lohnt es sich also, das schöne Wetter mal für einen Abend den anderen zu überlassen und ins Kino zu gehen.


01.7.2006

Sommerliche Mattscheibe

Von Martin Uebelhart um 16:34 [ TV ]
Immer wieder während der Sommerzeit werden die Schweizer Fernsehkonsumenten auf schmale Kost gesetzt. Zahlreiche Sendungen machen Pause und Aufgewärmtes aus Konserven flimmert in die gute Stube. Das ist auch dieses Jahr nicht anders, und als ob das noch unterstrichen werden müsste, beglücken uns die Fernsehmacher vom Leutschenbach gleich 35-mal mit den besten Rezepten aus «Al Dente». Auch Klassiker wie «Donnschtig Jass» oder «Bsuech in … » stehen auf der Menükarte. Gespannt sein darf man sicher auch auf «Aeschbachers Sommerjob», in dem besagter Talk-Moderator sechs Berufsleute besucht und tüchtig mit anpackt, wie das Schweizer Fernsehen verspricht.

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Frisch zusammengemixte Restposten gibt es zudem von «Benissimo» oder «Fensterplatz». Besonders bei Benissimo freuen wir uns auf die Zweitauftritte schräger Kleinkünstler, die auf der Bühne allerlei Schabernack treiben. Und wem der Verzicht auf Süsses schwerfällt, kann sich die Folgen 213 bis 252 der Schoggi-Soap «Lüthi & Blanc» reinziehen – und zwar gleich im täglichen Doppelpack mit Überdosis-Gefahr. Alles in allem also eine Ansammlung von «Best ofs» und Wiederholungen, die einen auf schönes Wetter hoffen lässt, um möglichst wenig Zeit vor der Flimmerkiste zu verbringen.

Doch, halt, so schlimm ist es dann doch auch wieder nicht. Das ist vor allem erfolgreichen Serien wie «Grey's Anatomy» oder «Dr. House» zu verdanken. Und auch die fünfteilige BBC-Dokumentation «Planet Erde» verspricht, ein Highlight zu werden. Zu erwähnen ist – mindestens teilweise – auch das Spielfilmprogramm im Sommer. Gleich sieben Filmreihen werden abgespult. Hervorzuheben sind die Reihe «Reif für die Insel» oder auch die «Sommer-Schocker». Für die Freunde des Sprechklamauks sind etliche Eddie-Murphy-Klamotten im Programm und zur Abrundung unter dem Titel «Swiss Roots» Streifen mit Darstellern, die einen Schweiz-Bezug vorweisen können.

Ab dem 3. Juli wird serviert.