26.8.2006

Balsam für die Raucherseele

Von Ralf Kaminski um 10:03 [ Kino ]
Rauchen, Sie wissen es, ist eine üble Sache: Es macht süchtig, es kostet viel Geld, es tötet, es belästigt die Mitmenschen. Und Jahr für Jahr wird den Rauchern der Duft der grossen weiten Welt ein bisschen mehr vermiest – hier eine Anti-Raucher-Aktion, dort ein paar blöde Bemerkungen, da ein Rauchverbot. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin Nichtraucher und habe mit Freuden die Zürcher Initiative für ein Rauchverbot in Gastrobetrieben unterschrieben. Ich liebe New Yorks Restaurants, Bars und Clubs, denn sie sind rauchfrei. Ich ärgere mich über all die achtlos weggeworfenen Zigarettenkippen – offenbar kommt mit der Sucht auch der Verlust der Kinderstube. Ich hasse es, wenn jemand vor mir herläuft und ich seinen Qualm ins Gesicht kriege. Nicht nur über den Qualm, sondern über die damit verbundene Achtlosigkeit, diese Gelassenheit, diese offenbar tief verankerte Selbstsicherheit, die gar nicht auf die Idee kommt, dass sich jemand an so was stören könnte. Ich gestehe: Ich bin ein radikaler Nichtraucher und ein glühender Anhänger von Rauchverboten. Und das Schöne ist: Ich gehöre damit zur Abwechslung mal zur grossen Mehrheit der Gesellschaft (sonst gehört man ja immer zur Minderheit, geht Ihnen das auch so?).

Nachdem all dies klar gestellt ist, kann ich trotzdem nicht umhin, hier einen schönen kleinen Film zu preisen, der einem radikalen Nichtraucher eigentlich das Blut in den Adern gefrieren lassen müsste. Aber er ist halt einfach zu gut. „Thank you for Smoking“ erzählt aus dem aufregenden Leben eines Lobbyisten für die US-Tabakindustrie und bringt es fertig, dass dieser nicht nur zum Sympathieträger wird, sondern dass man am Ende auch noch hofft, der Film mache nicht doch noch Konzessionen an die political correctness. Was er dann tatsächlich haarscharf vermeidet. Nick Naylor (Aaron Eckhart) ist ein begnadeter Argumentierer, der an Podiumsdiskussionen selbst Lungenkrebskranke auf seine Seite zu ziehen vermag und seine miesepetrigen Gegenspieler (etwa in Gestalt des immer wieder grossartigen William H. Macy als demokratischer Senator Ortolan Finistirre) regelmässig alt aussehen lässt.

Scheinbar ohne jegliche Skrupel und Unrechtsbewusstsein wehrt sich Naylor unermüdlich für die Eigenverantwortung und die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen, sich mit Tabak umzubringen. Einmal pro Woche trifft er sich mit seinen Kollegen von der Alkohol- und der Schusswaffenlobby zum Essen. M.O.D. Squad nennen sie sich scherzhaft, Merchants of Death. Gut gelaunt geben sie sich gegenseitig Tipps für ihren herausfordernden Job, und die Stimmung geht nur einmal flöten als die drei vergleichen, welche ihrer Branchen jährlich am meisten Leute in die ewigen Jagdgründe schickt. Naylor prahlt, dass Alkohol und Waffen ja wohl Kinderkram seien verglichen mit Zigaretten, was die anderen beiden schwer trifft. Doch am Ende entschuldigt er sich, und alles ist wieder gut. Bis er einer Journalistin (Katie Holmes) auf den Leim geht, die nicht nur sehr sexy sondern auch mindestens so clever ist wie er. Und plötzlich droht der Karriereknick. Doch Naylor wäre nicht Naylor, wenn er nicht auch damit fertig werden würde.




Merchants of Death beim Abendessen.


Soviele genüsslich ausgebreitete Bösartigkeiten gabs im Kino schon lange nicht mehr zu sehen. „Thank you for Smoking“ (basierend übrigens auf dem gleichnamigen Roman von Christopher Buckley) ist zweifellos Balsam für die Raucherseele, aber auch ein grosser Spass für Nichtraucher mit Sinn für Zynismus. Auch die Filmindustrie bekommt übrigens auf einem Nebengleis ihr Fett weg, als Naylor den Geistesblitz hat, dass Rauchen bei der Bevölkerung wieder populärer gemacht werden könnte, wenn man grosse Stars im Kino rauchen sieht (so wie früher). Kein Problem, sagt der auf Product Placement spezialisierte Hollywood-Agent und Japan-Fetischist Jeff Megall (Rob Lowe): Für 25 Millionen Dollar werden Brad Pitt und Catherine Zeta-Jones in einem der kommenden Science-Fiction-Filme nach dem Sex genüsslich eine Zigarette rauchen. Science Fiction deshalb, weil eine solche Szene in einem Gegenwartsfilm zu viele Fragen aufwerfen würde. Aber in der Zukunft ist schliesslich alles möglich.


22.8.2006

Zeitgeist mit Meg

Von Christian  Brüngger um 13:34 [ TV ]
Meg Ryan halten viele für süss. Ich hatte sie aus „When Harry met Sally“ auch noch so in Erinnerung. Als der Film kürzlich wieder einmal am TV kam, fiel ich fast vom Sofa. Die Hosen über den Bauchnabel gezogen, die Haare zur Föhnfrisur getrimmt, kam sie mir alles andere als sexy vor. Also versuchte ich mir anhand von ein paar Kritiken klar zu werden, ob ich damals als Einziger so empfunden hatte. Und siehe da. Das renommierte Rolling-Stone-Magazin bzw. dessen Filmkritiker meinte anno 1989: „Meg Ryan may be too much of a beauty for the hapless Sally ...“ Und: „Ryan is sweet, sexy and rip-roaringly funny.“
So sah Frau Ryan übrigens damals aus.







Die Schlagzeilen blieben auch 14 Jahre später für Jane Champions „In the cut“ die gleichen. USA Today titelte: „One hot Meg in a cold 'Cut'.“ Und die Bild befand: „ Heisser Sex in den wildesten Stellungen – so sexy und nackig haben wir Meg Ryan bislang nur im Kino sehen können!“
So weit ja so gut. Wie sich der Zeitgeist (und damit auch die Schauspielerin und wir) wandelte, belegen allerdings die Fotos vom Erotikthriller. Da ist nichts mehr mit Föhnfrisur und schlecht sitzenden Hosen. Wie die Zeiten doch ändern – und damit auch unser Geschmack.





14.8.2006

Fliewatüüt - die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Von Peter Johannes Meier um 13:18 [ DVD ]
Stinkendes Popcorn, knisternde Mandeltütchen, gruppenzwänglerische Lacher: Kino quält.

Während der verregneten Tage habe ich einfach mal zurückgespult. In eine Zeit, als nicht alles besser war, aber ich noch ein Kind. Habe mir „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ gekauft, auf DVD.


heliy
Robbi und Tobbi im Fliewatüüt


Es war der 3. September 1972, ich war sieben, als die ARD im Kinderprogramm eine MAZ sendete. „Eine MAZ von Armin Maiwald, Friedrich Arndt...“ stand jeweils im Vorspann der Serie. Was eine MAZ war, wusste ich nicht. Weil Fliewatüüt aber etwas vom Eindrücklichsten war, was meine Kinderaugen fernzusehen bekamen, waren MAZ-Macher Helden.

Mittlerweile weiss ich, dass eine MAZ eine banale Magnetaufzeichnung ist, ein Video also. Und ich weiss auch, warum dieser Maiwald – berühmt geworden durch die „Sendung mit der Maus“ – MAZ und nicht Film machte: Er wollte Bluescreen.

Während die Elternwelt in Terrorangst erstarrte - am 5. September tötete ein arabisches Kommando an der Olympiade in München israelische Sportler und nahm weitere als Geiseln - , reiste ich mit Robbi und Tobbi im Fliewatüüt von Abenteuer zu Abenteuer. Wir hätten bestimmt auch die Geiseln befreit, hätten uns die Eltern gelassen.

34 Jahre später hat sich wenig geändert. Während ich wieder im Heli fliege, wird ein Terroranschlag in London gerade noch verhindert, im Libanon herrscht Krieg. Das Puppenspiel zieht mich in seinen Bann.

Puppenspiel. Da werden Erinnerungen an die Augsburger Puppenkiste wach, Urmel und Jim Knopf. Auch Fliewatüüt wird immer wieder in diese Kiste gesteckt. Da gehört sie aber nicht hin. Die Augsburger machten Film, nicht MAZ. Die Puppenkiste ist schwäbisch und lustig, Fliewatüüt nordisch und etwas melancholisch. Vor allem aber kommt Fliewatüüt ohne diesen heilpädagogischen Singsang aus, der mich an der Puppenkiste ähnlich langweilte, wie heute Unterbrecherwerbung.

Robbi ist ein Roboter der dritten Roboterklasse, das Menschenkind Tobbi besucht die dritte Grundschulklasse. Der erfinderische Tobbi hat Pläne für ein Fliewatüüt gezeichnet: ein Helikopter (Flie-), der auch wassern (-wa-) und auf der Strasse fahren kann (-tüüt). Robbi hat die Pläne für das mit Himbeersaft betriebene Gerät heimlich abgekupfert, um es tatsächlich zu bauen. Nur mit dessen Hilfe würde er nämlich vier rätselhafte Prüfungsaufgaben für die Roboterschule lösen können. Eines Nachts outet sich Robbi samt Fliewatüüt vor dem begeisterten Robbi. Gemeinsam brechen sie zu Abenteuern auf. Eine Männergeschichte.

Zwei Jahre haben die MAZ-Macher an Fliewatüüt gearbeitet, und wer sich das Ergebnis heute wieder anschaut, stellt fest, dass der Film kaum etwas von seiner Magie verloren hat. Die etwas unheimliche Reise mit einem Kumpel aus Blech, der viel weiss und immer das richtige Werkzeug bei sich hat, die Flüge im Helikopter (mit echten Aussenaufnahmen aber trübem Wetter) bei denen nicht viel geredet wird, der Soundtrack von Ingfried Hoffmann (der Tastenmann von Klaus „Tatort“ Doldinger): all das erzeugt jene Melancholie, die man von langen Autofahrten her kennt; wenn alles schon gesagt ist, man nur noch schaut und jeder für sich was denkt.

joshua
Will aus Silber Gold machen: der betrügerische Alchemist Joshua

Die Reisen führen zum Loch Nesss, auf ein Schloss aus lauter Dreiecken und an den Nordpol. Dafür haben die MAZ-Macher auf 3400 Metern über Meer gedreht (sieht dort allerdings mehr nach Südpol aus) und auf einem See mit Hilfe der Bundeswehr (ziemlich subversiv) ein gigantisches Schloss aus Holz gebaut. Das Lösen der Rätsel erinnert etwas an Mystery-Computerspiele: Geheimtüren müssen gefunden werden, ein verrückter Wissenschaftler treibt mit einer Tinguely-Maschine sein Unwesen.

Wer sich auf die Reise machen will, braucht etwas Zeit – vier Stunden inklusive 20 Minuten Making Of –, Geduld – die Puppen werden gespielt, nicht einfach geschnitten – und Nachsicht: die Bildqualität ist ziemlich trübe, eine 34-jährige MAZ halt.

Für Kinder von heute und damals.

Die Doppel-DVD ist unter www.ard-video.de erhältlich, der Soundtrack mit Bonus-Track von Frank Popp ist bei www.diggler.de (so heissen die) erschienen.


10.8.2006

Eschmanns Geschoss

Von Ralf Kaminski um 11:03 [ Kino ]
Schön gehört? Mike Eschmann („Achtung, fertig Charlie!“) dreht eine Tell-Parodie. Mit Mike Müller als Tell, dem ziemlich exzentrischen deutschen Hollywood-B-Star Udo Kier als Gessler und dem Comedian Axel Stein als Val-Tah. Val-Tah? Tja, offenbar ein Eskimo. Wird sicher sehr lustig. Sie erinnern sich an „The Ring Thing“, auch so eine Schweizer Parodie einer mythischen Geschichte. Die Dreharbeiten haben diese Woche im Freilichtmuseum Ballenberg begonnen; Filmstart: Herbst 2007. Freuen Sie sich schon?



Gessler in jüngeren Jahren.


03.8.2006

Der Briefkasten am See

Von Martin Uebelhart um 18:06 [ Kino ]
Eines sei vorweggenommen: In «Speed» gabs mehr Action. Doch manchmal darfs ja auch eine Spur romantischer sein. Und die Chemie zwischen Sandra Bullock und Keanu Reeves stimmt auch mehr als zehn Jahre später allemal.

Die «Hauptrolle» in dem Streifen «The Lake House» spielt ein typischer, schon etwas angejahrter amerikanischer Briefkasten inklusive rotem Fähnchen. Dorthin legt Kate (Sandra Bullock) einen Brief für den Nachmieter eines herzigen, wenn auch etwas transparenten Häuschens am See.

Der Nachmieter, der Architekt Alex (Keanu Reeves), der eigentlich der Vormieter war, findet diesen Brief, kann sich aber erst keinen Reim bilden auf das Geschriebene. Er antwortet der einsamen Ärztin und langsam wird klar, dass die Distanz zwischen ihren Briefen, die sie jeweils in besagtem Kasten hinterlegen, zwei Jahre beträgt.


the lake house


Es bringt nun wenig, sich in der Pause – oder gar am Ende des Films – das Hirn zu zermartern, wie das nun genau geht mit dem Briefkasten und der zweijährigen Zeitverschiebung. Vielmehr ist zurücklehnen und geniessen angesagt.

Der Film lebt von den Briefen der beiden. Diese wirken zwar manchmal eher wie E-Mails oder gar SMS – oder schreiben sie oft Briefe, die nur aus einem oder zwei Worten bestehen? Wohl eine Konzession an die Spannung und den Fluss im Film. Kate und Alex lernen sich über diese Briefe immer besser kennen, treffen sich auch im realen Leben mehr per Zufall einige Male. Dazu gibt’s Familiengeschichten und Irrungen und Wirrungen der Liebe.

Kurz vor Ende muss man allerdings befürchten, dass einen der Schluss enttäuschen könnte. Doch das macht der Schluss dann doch nicht.