19.2.2007

Ach, Hollywood!

Von Ralf Kaminski um 13:54 [ Kino ]
Am Sonntag ist es wieder soweit:Oscar-Time! Einmal mehr werden die besten oder angeblich besten Leistungen des Filmjahres honoriert. Gleich fünf Nominationen erhalten hat „Blood Diamond“, unter anderem für Leonardo DiCaprios und Djimon Hounsous schauspielerische Leistungen. Nicht aber als Bester Film, was auch richtig ist.

An sich hätte "Blood Diamond" ja durchaus Potenzial gut zu sein. Aber er ist es leider nicht. Das Problem ist, wie so oft bei Hollywood, der Schluss bzw. das letzte Drittel. Warum nur warum muss das US-Mainstream-Kino am Ende immer übertreiben? Warum muss selbst bei der finstersten und komplexesten Thematik zum Schluss doch der Twist zum Happy End herbeigezwungen werden? Ist eine Mehrheit der (US-)Zuschauer, von Hollywood-Happy-Endings seit Jahren konditioniert, nicht mehr fähig, ein gebrochenes, hartes Ende zu ertragen? „Blood Diamond“ gibt sich grosse Mühe, authentisch und echt zu wirken. Das gelingt ihm auch ganz gut, bis dann der opportunistische und egoistische Söldner (DiCaprio) sich in die engagierte Journalistin (Jennifer Connelly) verliebt und sich schliesslich auch noch vom Familien-Schicksal seines schwarzen Begleiters (Hounsou) rühren lässt. So wird er zum Helden, opfert sich für den Schwarzen und seinen Sohn, der dann dank der Journalistin auch noch den Rest seiner Familie nach London in Sicherheit bringen kann, wo kurz darauf die bösen Hintermänner der ganzen afrikanischen Diamanten-Misere entlarvt werden. Als dann besagter Afrikaner, zu Beginn des Films ein Quasi-Sklave in einer Diamanten-Mine, am Schluss im Anzug unter dem Applaus von Sitzungsdelegierten fast zu Tränen gerührt ist (was der Zuschauer nun auch sein sollte), wirds vollends unerträglich. „Blood Diamond“ suggeriert: Alles in Butter, die Welt ist wieder in Ordnung.



DiCaprio und Hounsou in action.

Dass es auch anders geht, hat 2005 die britisch-deutsche Co-Produktion „The Constant Gardener“ gezeigt (nach einem Roman von John le Carré). Auch da gings um Afrika, nicht um Blutdiamanten, die einen Krieg am Laufen halten, sondern um Medikamententests der Pharmaindustrie, die in Afrika ohne ethische Bedenken durchgeführt werden. Am Schluss wird gerade mal ein korrupter Beamter entlarvt, aber das Heldenpaar (Ralph Fiennes und Rachel Weisz) ist mausetot – und man verlässt den Film mit dem beunruhigten Gefühl, dass da ganz und gar nichts in Ordnung ist, dass sich die böse Pharmaindustrie auch weiterhin keinen Deut darum schert, was sie anrichtet. Ist ja nur Afrika.

Wie weit das natürlich der Realität entspricht, ist eine andere Frage. Aber das ist nicht der Punkt. Während „Blood Diamond“ die deklarierte hehre Absicht (wir machen die Weltöffentlichkeit auf schlimme Zustände aufmerksam) der Unterhaltung und den Hollywood-Konventionen opfert, rüttelt „The Constant Gardener“ durch seine Härte (die wohl bemerkt ohne grosse Gewalttätigkeiten erreicht wird, anders als bei „Blood Diamond“) und seinen disharmonischen Schluss eben tatsächlich auf. Einen Oscar gabs für Rachel Weisz als Best Supporting Actress.


11.2.2007

Sodom und Gomorrha

Von Ralf Kaminski um 21:19 [ Popcorn ]
Auf die Christen ist eben Verlass. Ehrlich jetzt. Da schien es doch zuerst, dass das Xenix Pier Paolo Pasolinis legendären Film „Salo oder die 120 Tage von Sodom“ in einer Zürcher Kirche zeigen könnte, ohne dass sich irgend jemand darüber aufregt. Es war beinahe schon ein bisschen enttäuschend. Schliesslich hat der Film eine nachgerade berüchtigte Zensur-Vorgeschichte – und alles, was es zum Skandal braucht: Sexuelle Ausschweifungen in allen Variationen gemischt mit üblen Gewalttätigkeiten. Ganz schön mutig von der reformierten St. Jakobs-Kirche beim Stauffacher, so was in ihren heiligen Hallen zeigen zu wollen. Und bis Mitte letzter Woche war tatsächlich alles ruhig. Dann wurden ein paar Christen (wohl aus der evangelikalen Ecke) aufgrund von Medienberichten aufmerksam und kündigten eine Demonstration vor dem Gotteshaus an, kurz vor der Aufführung, die für heute Sonntag geplant war. Doch soweit kam es nicht: Die Stadtpolizei griff ein und hat die Vorstellung am Freitag kurzerhand verboten. Die Christen kamen dann trotzdem und hielten eine Mahnwache ab. Zu der luden sie mit folgenden Worten ein:

"Wir sind tief betrübt, dass der Pfarrer und die Kirchenpflege am Stauffacher nicht mehr wissen, was Recht ist im Staate Schweiz und die Polizei sie in die Schranken weisen muss.
Wir dürfen nun nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, weil Pasolinis Film nicht gezeigt wird! Wir müssen dem Missbrauch unserer Kirchen den Riegel schieben. Kirche ist dazu da, leidende und suchende Menschen zu einer Begegnung mit Gott zu führen. Ihnen Vergebung, Heilung und Befreiung zu vermitteln. Diesem Wunsch wollen wir mit der Mahnwache am Sonntag Ausdruck geben. Pfarrer wie Burr sollen sich entweder Gottes Herrschaft unterstellen oder einen anderen Beruf suchen!"

Vergebung, Nächstenliebe etc? Keine Spur. Nur die übliche blinde Selbstgerechtigkeit: Entweder Ihr machts so wie wir es wollen (bzw. unser Gottesbild) oder es setzt was! Kommt hinzu, dass der Fall juristisch nicht so eindeutig ist. Laut dem Strafgesetzparagrafen 197 gelten Filme nicht als pornografisch, wenn sie „schutzwürdigen kulturellen oder wissenschaftlichen Wert“ haben. Ein Gummiparagraf also. Der kulturelle Wert von Pasolinis letztem Film aus dem Jahre 1975 dürfte heute kaum noch bestritten werden, und mindestens ein Strafrechtsprofessor hat sich in den Medien auch dahingehend geäussert, dass die Veranstalter wohl vor Gericht straflos ausgegangen wären, hätten sie den Film entgegen des polizeilichen Verbots doch gezeigt. So viel zum Thema „Recht im Staate Schweiz“.

Hinzu kommt, dass der Film auch in Zürich schon im Kino gezeigt worden ist, dass er zumindest bis vor kurzem noch als prachtvolle Neu-Edition im Schaufenster des DVD-Ladens Laserzone stand (ganz nahe der St. Jakobs-Kirche übrigens) und dass all das bisher offenbar kein Problem war. Warum also die Überreaktion der Polizei? Vorauseilender Gehorsam gegenüber Fundi-Christen? Hoffentlich nicht, denn wohin das führen würde, wagt man sich gar nicht vorzustellen. Klar, „Salo“ ist starker Tobak und weiss Gott nicht jedermanns Sache. Aber niemand wird gezwungen ihn zu sehen, und das Xenix-Team hätte dafür gesorgt, dass Jugendlichen der Zutritt zur Kirchenvorführung verwehrt worden wäre. Zudem wäre die Vorführung von einer Diskussion umrahmt gewesen. Doch das hat alles nicht gereicht.

Und wann, wann endlich lernen die Verbieter, dass nichts einen Film so interessant macht wie ein Verbot?






Wer mehr über "Salo" wissen möchte, findet Infos bei Legend Home Entertainment, das den Film 2005 in einer ungeschnittenen Fassung neu herausgebracht hat.


09.2.2007

The DVDs Are Not What They Seem

Von Peter  Aeschlimann um 16:31 [ DVD ]
Laurawrapped

Die Eulen heulten es schon länger von den Douglas-Tannen, jetzt fällt der rote Vorhang: 2007 wird Dale Bartholomew Cooper auferstehen. Die zweite Staffel von Twin Peaks erscheint auf DVD. Verdammt guter Kaffee!

Über fünf Jahre lag der charmante FBI Special Agent auf der Türschwelle seines geliebten Hotelzimmers im Great Northern, mit zwei Kugeln in der Brust, den Tod im fahlen Angesicht. Ein grässlicher Cliffhanger. Wer versuchte Cooper zu erschiessen? Leo Johnson, Hauptverdächtiger im Mordfall Laura Palmer, konnte es nicht gewesen sein, weil der war ja tot. Das war jedenfalls das Letzte, was wir noch erfahren durften. Von Deputy Andy, der die Nachricht aus einem herrenlosen Telefonhörer in die Stille der Nacht stotterte (Coopers laute Zimmernachbarn, eine Horde trinkfreudiger Isländer, hatten ausgecheckt oder waren weggetreten). Dann kam der Einblender «To be continued». Und die melancholischste und, da lege ich mich fest, schönste Exit-Music aller Zeiten ertönte für zu lange Zeit ein letztes Mal: Laura Palmer’s Theme von Angelo Badalamenti. Die Leidenszeit der Fans begann.
Rückblende: Im Dezember 2001 erschien die erste Staffel von David Lynchs Kultserie «Twin Peaks» als wunderbare Special-Edition. Einziger Wermutstropfen damals: Bei der US-Version fehlte der Anfang. Wer die tote Laura «wrapped in plastic» sehen wollte, musste sich die Pilot-Episode in digital unbearbeiteter Form reinziehen oder auf die deutsche Veröffentlichung des Boxsets warten. Doch das war egal. Endlich konnte man seine alten VHS-Kassetten einmotten. Zu früh, wie sich schon bald zeigen sollte. Jahre vergingen. Mit wechselnder Couch-Besetzung die sieben Folgen der First Season nach mehrmaliger Sichtung intus, wartete man gespannt auf Weihnachten 2002, 2003, 2004, 2005 und 2006, den Release der Fortsetzung. Doch nichts geschah. In Online-Foren begann die Fan-Community sich zu ärgern. Von Buffy, Lois, Clark und noch übleren Konsorten erscheine jedes Jahr eine neue Staffel, nur die «beste TV-Serie» lege man auf Eis, hiess es. Eine Unverschämtheit. Der Grund für die Verzögerung seien Lizenzstreitigkeiten, mutmassten manche – und wurden aktiv. Über 30000 Fans unterschrieben in den letzten Jahren beispielsweise eine Online-Petition, in welcher sie die Studio-Bosse aufforderten, die Fortsetzung der Serie zu veröffentlichen. Die Unterzeichnenden – auch ich gehöre zu ihnen - outeten sich darin als Käufer der ersten Staffel und versprachen der Industrie in ihrer grossen Verzweiflung hoch und heilig, die Silberlinge noch am selben Tage ihres Erscheinens zu erstehen, falls diese denn ihrem Qualitätsanspruch genügen sollten. Und hallelujah, nun ist es soweit. Am 3. April, ziemlich exakt 17 Jahre nach der Erstausstrahlung der Serie auf ABC, kommt in den USA die zweite und letzte Staffel von Twin Peaks in den Verkauf. Die ganzen restlichen 1081 Minuten – zum Heulen schön. Cooper, wenn er zwischenzeitlich nicht verblutet ist, erhält endlich ärztlichen Beistand. Der bedauernswerte Hilfssheriff Andy kann endlich den Hörer auflegen. Alle zufrieden? Mitnichten! In der Schweiz narrte Paramount die hungrige Fanschar bereits Anfang Jahr mit dem ersten Teil (!) der zweiten Staffel. Der Rest folgt dann im April. Nach über fünf Jahren Wartezeit gibt’s hierzulande Twin Peaks nur in überteuerten Häppchen. Zweimal knappe 50 Franken kostet das Vergnügen. Bei amazon.com kostet die komplette Second Season umgerechnet 46 Franken. Glücklich nur, wer englisch versteht - und sich noch einmal ein paar Wochen gedulden kann. Wir stellen fest: Nicht nur Eulen, sondern auch DVDs, sind nicht immer, was sie scheinen.


02.2.2007

Von Zauberern und Pferdeknechten

Von Ralf Kaminski um 09:52 [ Popcorn ]


Erkennen Sie den jungen Mann? Na? Richtig, Harry Potter! Schon bei der Badeszene im vierten Film hat er ja einige (und wohl nicht nur) weibliche Teenager-Herzen zum höher Schlagen gebracht, und nun das! Was Sie hier sehen, ist aber nicht etwa eine Szene aus „Harry Potter and the Order of the Phoenix“, der am 12. Juli in unsere Kinos kommt, sondern ein Foto aus der Theaterproduktion „Equus“, die am 27. Februar im Gielgud Theater im Londoner Westend startet.

Daniel Radcliffe spielt dort Alan Strang, einen psychisch angeschlagenen Jüngling mit seltsamen Neigungen zu Pferden. An seiner Seite Richard Griffiths, der in den Potter-Filmen Harrys fetten und unfreundlichen Pflegevater spielt, in „Equus“ nun den Psychiater, der Alan Strangs bizarrem Verhalten auf die Spur zu kommen versucht. Es ist Radcliffes erster grosser Theaterauftritt, und das in einem Stück, das fürs klassische Harry-Potter-Publikum (Kinder und Teenager) wohl eher nicht so geeignet sein dürfte. Wie man hört, gibt es gar einige Nacktszenen auf der Bühne. Ausserdem ist es ein Stück, in dem schon sehr prominente Vorgänger präsent waren: Anthony Hopkins als Psychiater und Peter Firth als Strang z.B. oder Anthony Perkins und Tom Hulce am Broadway. In der Verfilmung von 1977 spielten Richard Burton und Peter Firth, unter der Regie von Sidney Lumet. In „Equus“ darf Radcliffe also zeigen, ob er als Schauspieler wirklich was kann.

Auch die Potter-Filme dürften für den bald 18-Jährigen immer anspruchsvoller werden, in Folge 5 schliesslich muss sich Harry Potter mit einer sadistischen neuen Schulleiterin rumschlagen und am Ende einen schweren Verlust verkraften. Und a propos Potter: Gerade eben hat Autorin J.K. Rowling angekündigt, dass das siebente und definitiv letzte Buch „Harry Potter and the Deathly Hallows“ am 21. Juli erscheinen wird. Es steht uns ein potteriger Sommer bevor.