27.4.2007

Das Ende naht. Vielleicht.

Von Ralf Kaminski um 14:16 [ Kino ]
Wenn wir nichts tun, kommt es zur globalen Erwärmung, und die Küsten der Welt, wie wir sie kennen, werden unbewohnbar, gewaltige Flüchtlingsströme drohen („An Inconvenient Truth“). Wenn wir nichts tun, wird uns mit dem Versiegen des Öls ein globaler Kampf um Energie drohen – und unser heutiger Lebensstandard im Westen wird sich massiv verschlechtern („The Oil Crash“). Wenn wir nichts tun, wird zuerst die USA und dann die ganze Welt am Fast Food verfetten („Super Size Me“). Wenn wir nichts tun, wird George W. Bush erst die USA und dann die ganze Welt in den Abgrund reiten („Bowling for Columbine“ / “Fahrenheit 9/11“). Wenn wir nichts tun, wird Michael Moore weiter mit seinen tendenziösen Propagandafilmen die Gesellschaft vergiften („Manufacturing Dissent“).

Geht es nach den (US-)Dokumentarfilmen der letzten Monate und Jahre, steht es düster um die Welt. Sie alle kommen enorm überzeugend daher, präsentieren ihre Argumente umfangreich und einleuchtend – und sind dennoch fast reine Propagandafilme, weil sie die Gegenseite in der Regel nicht zu Wort kommen lassen. Michael Moore ist ein Meister dieses politischen Propaganda-Dokfilms – und wurde unlängst von zwei ihn eigentlich bewundernden Filmemachern entlarvt, wie er die Wahrheit zurechtbiegt, damit sie zur Aussage seiner Filme passt. Wie sehr andere dies auch tun, ist für den Kinozuschauer unmöglich nachzuvollziehen.

Aktuell bei uns im Kino läuft „The Oil Crash“, in dem Wissenschaftler und amtierende oder ehemalige Fachleute der Ölindustrie eindringlich davor warnen, dass es von nun an wohl nur noch abwärts geht mit der Ölförderung, dass aber gleichzeitig die Nachfrage nach dem scheinbar so billigen, aber eben nicht erneuerbaren Rohstoff ungebremst ansteigen wird. Quintessenz: Wenn die Menschheit sich nicht schleunigst von der Öl-Abhängigkeit befreit und nach Alternativen forscht, sieht die Zukunft finster aus: Es wird Kriege geben ums Öl, und die Zivilisation, wie wir sie kennen, wird zusammenbrechen. Und zwar eher in 20 als in 50 Jahren.



Auf der einen Seite würde man sich wünschen, alle Menschen würden gezwungen, sich diesen Film anzusehen, am besten im Doppelpack mit Al Gores „An Inconvenient Truth“. Damit sie aufwachen und einsehen, es muss etwas geschehen – und entsprechend zu handeln beginnen. Auf der anderen Seite nagt der Zweifel: Ist es wirklich sooo dramatisch? Ist das Untergangs-Raunen wirklich angemessen? Ist da nicht vielleicht auch einiges einfach so zurechtgebogen, dass die Filmemacher ihre Aussagen ohne Einschränkungen rüberbringen können? Warum kommt nicht ein einziger Vertreter der anderen Seite zu Wort?

Wie auch immer, im Kern liegt „The Oil Crash“ sicher richtig: Die Öl-Reserven der Welt sind nicht unendlich, und der Bedarf wird immer nur noch steigen. Zeit, den Kopf aus dem Sand zu nehmen und jene Politiker und Parteien zu unterstützen, die bereit sind, derartige Probleme anzugehen und die entsprechenden Mittel zu investieren, eine Lösung zu finden. Was aber, wenn es keine gibt? Wenn sich dereinst nur noch die ganz Reichen (Paris Hilton & Co.) das leisten können, an was sich auch der Mittelstand längst gewöhnt hat?

Ein schönes Beispiel, wie unsere Welt bald aussehen könnte, wenns zivilisatorisch von nun an nur noch abwärts geht, bietet übrigens der rein fiktionale Scifi-Thriller „Children of Men“ mit Clive Owen und Julianne Moore. Gerade auf DVD rausgekommen. Schwer zu empfehlen.


20.4.2007

Schoggisoap unter dem Hammer

Von Martin Uebelhart um 23:33 [ TV ]
Möchten Sie Ruedis Handorgel, das Klavier in der Calvados-Bar, den Kristallleuchter aus dem Salon der Villa Blanc, Blancs Spazierstock mit Töffhelm oder gar den Kimono von Frick haben? Dann nichts wie los zur Auktion von über 100 Requisiten aus «Lüthi und Blanc».

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Wenn Sie also am 12. Mai noch nichts vor haben und ein Andenken an die SF-Soap möchten, können Sie in den Filmstudios in Glattfelden Kostüme, Möbel und ähnliches mehr ersteigern. Allerdings müssen Sie sich rechtzeitig anmelden. Und das ganze dient auch noch einem guten Zweck – denn der Erlös der Gant fliesst nicht etwa in die Kasse des öffentlich-rechtlichen Farbfernsehens.

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Prominente Schauspieler werden als Auktionatoren mitwirken, wie das Schweizer Fernsehen mitteilte. Einen Tag später dann, am Muttertag, flimmert die letzte Folge der sonntäglichen Serie über die heimischen Bildschirme. Vielleicht steht dann ja Ihr «Lüthi und Blanc»-Schnäppchen bereits auf dem Fernseher oder dem Couchtisch.


16.4.2007

Männer, auf die die Welt gewartet hat

Von Ralf Kaminski um 13:45 [ TV ]
Sollten Sie zu den wenigen gehören, die am Wochenende im Kanton Zürich gewählt haben (34%), sassen Sie vielleicht gestern Sonntag am frühen Abend trotz des schönen Wetters vor dem Fernseher und haben sich auf Tele Züri angesehen, was denn so dabei herausgekommen ist. Und haben vielleicht dennoch gelegentlich durch die Kanäle gezappt, als die Frau Fuhrer dem Herrn Gilli zum vierten Mal erklären musste, warum sie denn nur mit dem schlechtesten Resultat aller sieben Regierungsräte wieder gewählt worden ist. Vielleicht sind Sie dann beim Zappen auf RTL in „Schwiegertochter gesucht“ reingeraten und dort mit ungläubiger Faszination und wachsendem Vergnügen hängen geblieben. Wenn nicht, ist Ihnen was entgangen.

Zu sehen gab es Männer in teils gestandenem Alter (z.B. Hans, 31, der fröhliche Naturbursche; Norbert, 42, der lustige Koch; Hermann, 48, der lebenslustige Ostfriese), die alle single sind und noch immer bei der Mama wohnen (weil sie so gut kocht und so praktisch den Haushalt macht). Die Mamas, alle noch rüstig aber einige doch in einem Alter, in dem sie langsam ihre Freiheiten geniessen möchten, würden diesen Zustand gerne beenden. Nicht ganz selbstlos haben sie sich deshalb entschlossen, dem Sohnemann bei der Auswahl einer Freundin (Ersatzmutter) behilflich zu sein, mit gütiger Unterstützung von RTL. Zu sehen gabs kleine Porträts der neun Muttersöhne und ihrer fürsorglich-besorgten Erzeugerinnen, und zumindet beim einen oder anderen der Männer erschloss sich dadurch recht schnell, warum es bisher mit den Frauen nicht so recht klappen wollte. Doch alle, selbst die Schwierigen, bekamen Post von verpartnerungswilligen Frauen aus dem ganzen Land, was zweierlei bedeuten kann: Die Partnerverzweiflung der deutschen Frauen ist enorm oder sie sind so wild darauf, endlich auch mal ins Fernsehen zu kommen (denn die Auserwählten werden dann natürlich vor die Kameras gezerrt), dass sie dafür sogar bereit sind, Hermann, den lebenslustigen Ostfriesen, näher kennenzulernen.

Jedenfalls hat das Fernsehen einen weiteren Ansatz gefunden, reale Menschen mit offensichtlichen Defiziten und/oder übersteigertem Geltungsbewusstsein in der Arena der künstlich hergestellten Gefühle vorzuführen (falls Sie auch mal reinzappen wollen: immer sonntags, 19.05 auf RTL). Unterhaltsam ist das natürlich allemal, aber man fragt sich ja bei jedem neuen Format, wo das irgendwann mal enden soll, wenn die Übersättigung wächst und die Einschaltquoten nur mit noch extremeren Konzepten zu halten sind. Man erinnere sich an filmische Schreckensvisionen wie „Running Man“, wos in einer TV-Spielshow der nahen Zukunft tatsächlich um Leben und Tod geht. Der Fernseher als moderner Circus maximus, wo arme Kreaturen in der Arena zum Gaudi eines blutrünstigen Publikums gemartert und getötet werden. Soweit dass wir nach Blut gieren würden, sind wir noch nicht, unsere Droge sind die Gefühle. Die wollen wir sehen, aufsaugen, uns daran weiden. Je „realer“ desto intensiver, sei es nun Music Star, Traumjob, America’s next Topmodel oder eben Schwiegertochter gesucht. Der TV-Zuschauer, einst zufrieden mit der Berieselung durch fiktionale Unterhaltung und harmlose Spielshows, ist zum Gefühlsvampir geworden.


04.4.2007

Die Ästhetik der Leere

Von Ralf Kaminski um 18:50 [ Kino ]
So schön ist auf der Leinwand schon lange nicht mehr geschlachtet worden. Muskelmänner von nahezu makelloser Wohlgestalt und unerschütterlichem Mut ziehen gegen eine gewaltige Übermacht ins Feld, um am Ende anmutig und tapfer ins Jenseits zu scheiden. Eine Schlacht folgt der anderen, das Blut spritzt in Zeitlupe, abgeschlagene Köpfe schweben durch die Luft. Mord und Totschlag hat man selten so ästhetisch gesehen wie im neuen Historien-Kriegsfilm „300“, und das ist denn auch recht faszinierend. Für, sagen wir, 15 Minuten. Danach macht sich die Schlichtheit der Story etwas gar unangenehm bemerkbar.

Nun soll es ja Leute geben, denen das reicht – Hauptsache der Film sieht gut aus. Ich hingegen fühle mich dann immer etwas über den Tisch gezogen. Wenn die Geschichte öde ist, hilft auch alle Ästhetik nicht. Und die Story von „300“ lässt sich in drei Sätzen zusammenfassen: Der König von Sparta, Leonidas, zieht mit nur 300 Männern und gegen den Willen des Rats aus, um sich der gewaltigen Übermacht des selbst ernannten persischen Gottkönigs Xerxes entgegenzustellen, der ganz Griechenland unterjochen will. Während Leonidas taktische Brillanz und die nahezu übermenschliche Kampfkraft der Spartaner die Perser vorerst aufhalten können, versucht Leonidas Gattin mit allen Mitteln den Rat davon zu überzeugen, das gesamte Heer in die Schlacht zu schicken. Was nach dem ruhmvollen Ende der 300 Spartaner schliesslich auch geschieht. Das kann doch nicht alles sein, sagen Sie jetzt? Doch, eigentlich schon. Aber der ganze Rest, der die knapp zwei Stunden füllt, sieht wirklich sehr gut aus, besonders wenn Sie auf Muskelmänner und wuchtig-martialische Bilder stehen. Und einprägsame Sätze wie: „This is Sparta!“ oder „We are Spartans!“ oder „Tonight we die!“


Könige unter sich: Leonidas und Xerxes.

„300“ basiert auf einem Comic von Frank Miller, der für seinen düsteren, kontrastreichen Stil bekannt ist. Er hat der legendären Comic-Figur Batman wieder neues Leben eingehaucht und auch die Vorlage für den Film „Sin City“ geliefert. Der ja ebenfalls mehr formell als von der Story her überzeugt. Anders als bei „Sin City“ führte aber kein Roberto Rodriguez Regie, sondern ein gewisser Zack Snyder, der bisher nur durch das Remake des Zombie-Klassikers „Dawn of the Dead“ aufgefallen ist, bei „300“ aber sogar am Drehbuch mitschreiben durfte. Es kommen denn auch in „300“ ein paar richtig schöne Monster vor. Im Presseheft lässt sich Snyder wie folgt zitieren: „Ich wollte keinen Film machen, der wie abfotografiert aussieht, sondern die Zuschauer ganz direkt in die Welt hineinversetzen, die Frank im Comic geschaffen hat. Hier geht es nicht um ein Historiendrama oder eine linear erzählte Geschichte. Denn Frank versucht gar nicht erst, historisch akkurat vorzugehen. Stattdessen wollen wir ein wahrhaftiges Abenteuer erschaffen, wie es noch niemand erlebt hat.“ Nun ja.