31.5.2007

Florinda forever

Von Peter  Aeschlimann um 17:15 [ Kino ]

Vor 30 Jahren, am 25. Mai 1977, feierten in den US-Kinos ein paar blaue Buchstaben Premiere: «A long time ago in a galaxy far, far away...» Von Star Wars hätte ich hier berichten wollen, von meiner Jugend. Dann kam mir Mel Gibson in die Quere und ziemlich schräg rein, aber dazu gleich später.

Ich wurde übrigens auch vor 30 Jahren geboren, im August. Zwei Tage nachdem Elvis für immer verstummte. Der König ist tot, lang lebe der König, mussten sich meine Eltern gedacht haben und schickten mich 8 Jahre später in den Blockflöten-Unterricht. Item. Zum Krieg der Sterne also nur das: Schauen Sie sich die ersten drei Filme an, A New Hope, The Empire srikes back, The Return of the Jedi. Der Rest ist Blasphemie. Für mich gehört die ferne, ferne Galaxie, seit Jar Jar Binks dort sein Unwesen treibt, zur Kategorie «unter ferner liefen». Darum berichte ich heute nicht von der Zeit, als ich Luke Skywalker sein wollte, sondern von jener, als ich mich in eine Indianerin und ins Kino verliebte.

Florinda
(Stands with a Fist alias Mary McDonnell oder auch Florinda.)

Ich war 13 und tapezierte mein Zimmer mit Postern von Kevin Costner. Denn ich war sehr verschossen. Und zwar in meine Sek-Lehrerin. Ihr Name war Florinda und sie sah aus wie eine Pocahontas. Als sie zum ersten Mal stolz die Pultreihen in unserem Klassenzimmer abschritt, in engen Jeans und Lederstiefeln, blühte ich auf. Florinda lehrte uns, wie die Indianer lebten. Wenn sie vor der Klasse stand, und mit tiefer Stimme vom Wilden Westen erzählte, meinte ich, das Präriegras rascheln zu hören und mein Herz pochte lauter, als das Gedonnere tausender Bisonhufen über den Great Plains.

Höhepunkt war eine Klassenfahrt nach Bern, wo wir im Kino Club Kevin Costners Indianerfilm «Dances with Wolves» anschauen durften. Ich war schwer beeindruckt. Von dieser Eingangszene, wo der schwer verletzte Leutnant Dunbar, der lieber stirbt, als dass man ihm sein durchschossenes Bein absägt, in Zeitlupe über das Schlachtfeld galoppiert, die Arme ausgebreitet, sich selber den dreckigen Südstaatlern zum Abschuss freigebend. Dazu im Hintergrund die Musik von John Barry. Diese fernen Trompeten, diese bedrohlichen Trommeln, ich höre sie heute noch. Ich war tief beeindruckt von der ersten Szene mit den Indianern, den bösen, schaurigschönen, die den unflätigen und versoffenen Farmertölpel erst mit ein paar Pfeilen durchlöchern und dann skalpieren. Von Dunbar allein im Fort, den Besuchen der diesmal lieben Indianer, den ersten Gesprächen, «Buffalo, Buffalo, Tatanka, Tatanka», dem interkulturellen Kaffeekränzchen, dem einsamen Wolf Two Socks, der Liebesszene (ich schwöre, Stands with a Fist beziehungsweise Mary McDonnell sah aus wie Florinda). Und ich verspürte Trauer, als die Cowboys die Bisons abschlachteten, nur der Felle wegen, dann Wut, als die Yankees den Dunbar so grässlich plagten, und dann nur noch Hass auf den weissen Mann.

Meine Erleichterung, als Dunbar mit seiner Squaw um den Felsvorsprung geritten kam, zurück ins Winterlager der Sioux, war gross. Es folgte der Abspann. Ich weinte, weil ich wusste, wies weiterging. Florinda zeigte uns am Morgen vor dem Trip nach Bern Bilder von Indianer-Reservaten. Und ich war total geschafft, weil das eben zuviel Blut, zu viele Tränen, zuviel Tippi-Sex, zu viele Minuten emotionale Achterfahrt für einen 13-Jährigen gewesen waren. Aber ich war auch verliebt: In den dunklen Saal mit den roten Polstern, wo auf einer grossen Fläche grosse Geschichten erzählt werden. Und noch mehr in Florinda, weil sie mir diese Welt zeigte. Und ein bisschen war ich auch in Kevin Costner verliebt. Deswegen die Poster in meinem Zimmer. Sie erinnerten mich an Florinda und die Indianerfrau.

Warum ich das erzähle? Ich habe gestern, kurz bevor ich ein Loblied auf die ersten drei Star-Wars-Filme schreiben wollte, «Apocalypto» gesehen, Mel Maniac Gibsons abstruser Dschungelbruch, bestehend aus den Passion-of-the-Christ-Outtakes. Dieser Indianer-Streifen ist schlecht und taugt auch nicht für den Unterricht. Ganz anders war da «Dances with Wolves» von Kevin Costner. Dieser Indianer-Film, dem ich meine Liebe zum Kino und die Liebe im Allgemeinen verdanke.


22.5.2007

Captain Jacks Auferstehung

Von Ralf Kaminski um 13:49 [ Kino ]
Klar kann man auch mäkeln. Man kann sagen, der Film ist zu lang (172 Minuten, inkl. Nachspann, den man sehen sollte, weil danach noch eine Belohnung wartet). Man kann sagen: more of the same. Man kann sagen: Da ist so viel reingepackt, dass man zwischenzeitlich gar nicht mehr nachvollziehen kann, wer jetzt was warum mit wem tut, um wen auszutricksen. Aber insgesamt gibts ganz klar mehr zu loben am dritten und wohl letzten Teil von „Pirates of the Caribbean“. Das Allerwichtigste: Wer die ersten beiden Filme gemocht hat, der wird auch „At World’s End“ mögen: Es ist dieselbe verführerische Mischung aus Kostümschinken, Fantasy und Comedy, die den ersten Teil 2003 zu einem Überraschungserfolg gemacht hat.

Aber Regisseur Gore Verbinski und seine Drehbuchautoren Ted Elliott und Terry Rossio haben die Story noch etwas weiter gedreht und erlauben sich auch ein paar Dinge, die sie sich in einer Blockbuster-Mainstream-Kiste nur deshalb getrauen, weil sie eh wissen, dass sie ihr Publikum auf sicher haben. Mehrere Minuten lang zum Beispiel werfen sie die Zuschauer in eine äusserst surreale Welt, in der Captain Jack Sparrow (Johnny Depp) in x-facher Ausführung mit sich selbst (und einer Ziege) spielt und sich über merkwürdige flache weisse Steine wundert, die dann zu Krabben mutieren und ein ganzes Schiff durch die Wüste transportieren. Hervorzuheben ist auch, dass sich täuscht, wer vom Film ein gradliniges Happy End erwartet: Will Turner (Orlando Bloom) und die zur Piratenkönigin mutierte Gouverneurstochter Elisabeth Swann (Keira Knightley) werden zwar doch noch verheiratet (in einer, wie soll man sagen, eher unorthodoxen Zeremonie), aber das Leben happily ever after erweist sich dann durch die weiteren Ereignisse als einigermassen umständlich.



Nur schon zu versuchen, die Story halbwegs in Kürze wiederzugeben, ist schwierig, denn so verwickelt wie Teil 2 schon war, geht auch Teil 3 nun weiter. Jedenfalls reisen die Piraten um Turner, Swann und dem widerauferstanden Captain Barbossa (Geoffrey Rush) tatsächlich ins Jenseits, um Sparrow zu finden. Einerseits weil sie ihn vermissen oder sich schuldig fühlen an seinem Tod, andererseits weil es ohne ihn eben nicht geht. Denn der machtgierige Lord Cutler Beckett (Tom Hollander) an der Spitze der ostindischen Handelskompanie hat sich zum Ziel gesetzt, die Piraten der Welt ein für alle Mal auszurotten. Was ihm unter erzwungener Mithilfe von Davy Jones (Bill Nighy), dem Flying Dutchman, auch gelingen dürfte (Beckett hat im letzten Teil das Herz von Jones in seine Gewalt gebracht und erpresst ihn nun damit). Um dem entgegenzutreten gibts nur eins: Die neun Piratenherren der Welt müssen sich versammeln und Gegenmassnahmen beschliessen. Dass Sparrow einer der Neun ist, macht seine Rückkehr aus dem Jenseits umso dringlicher. Nach vielen Twists and Turns kommts schliesslich zum spektakulären Showdown zwischen der Black Pearl und dem Flying Dutchman sowie der Piratenflotte und der britischen Armada.

„Pirates of the Caribbean: At World’s End“ bietet wie gewohnt vergnügliche Unterhaltung und ist das furiose Finale einer Trilogie, die das Piratenfilm-Genre für die Gegenwart wiederbelebt haben dürfte.


11.5.2007

Vampire sind eben doch tot

Von Ralf Kaminski um 13:15 [ TV ]
War es der Wille Gottes, mobilisiert durch die EDU? War es die Solidarität der osteuropäischen Länder mit der transylvanischen Dracula-Legende (Vampire tanzen und hüpfen nicht!)? Oder ist der Song einfach als das erkannt worden, was er ist: Der ewig gleiche DJ-Bobo-Pop-Schmus, diesmal als Grusel-Kopie der letztjährigen Song-Contest-Sieger?

Es ist ein bisschen wie mit dem Fussball (WM, EM): Die Schweiz, in grosser Hoffnung, wird bitter enttäuscht. Da dachte man doch, mit dem internationalen Superstar DJ Bobo im Rennen könnte kaum was schief gehen; wochenlang wurde im Voraus berichtet, dass Bobos „Vampires are Alive“ gar als Sieger gehandelt werde, der Sänger selbst gab sich überzeugt, mindestens in den vorderen Rängen zu landen. Und nun das: Schon in der Vorrunde schmählich ausgeschieden. Peinlich, peinlich.



Aber sich nun über das Wahlsystem aufregen? Darüber ärgern, dass die Wahlbeteiligung (wie in der Politik) in den westlichen Ländern (und besonders in der Schweiz) eben nicht mehr so hoch ist? Der Osten, jahrzehntelang von undemokratischen Diktaturen geknechtet, hingegen demokratiemässig voll im Saft ist und begeistert mitwählt, wos nur geht? So ist das eben in der Demokratie: Die Mehrheit entscheidet, was gut ist und was gemacht wird, und die Mehrheit hat entschieden: Die Vampire von Herrn Bobo wollen wir nicht. Klar, nun könnte man im Sinne der SP argumentieren (die ja auch felsenfest davon überzeugt ist, dass das Problem nicht ihre Inhalte und Argumente sind) und sagen: Das nächste Mal muss die Schweiz besser mobilisieren! Oder mehr im Sinne der SVP über die nicht-assimilierten Ausländer (alle Nicht-Schweizer in Europa) schimpfen, welche die Schweizer Qualität nicht anerkennen wollen.

Aber jetzt mal ehrlich: Wen kümmert schon der Eurovision Song Contest? Wer sich dazu ernsthaft ereifern kann, leidet an einer Überdosis Patriotismus (ein übrigens ebenfalls aus dem Fussball bekanntes Phänomen). Also: Zeigen Sie Grösse, schalten Sie morgen Abend ein und stimmen für den Song, der Ihnen echt am besten gefällt, egal woher er kommt.


02.5.2007

Ein Spider Man ohne Biss

Von Ralf Kaminski um 08:45 [ Kino ]
Es ist ein langer Weg, den Regisseur Sam Raimi zurückgelegt hat vom Horrorfilmklassiker „The Evil Dead“ (1981) bis „Spider Man 3“ (2007). Wo die radikale, blutige Splatterkomödie frech und brutal einem Mainstreampublikum die Haare zu Berge stehen liess, gibts in der dritten Auflage der Superheldencomic-Verfilmung nichts, was bei eben diesem Publikum auch nur die leiseste Irritation auslösen könnte. Geradlinig, ohne viel Überraschungen, immer schön den Konventionen entlang kämpft sich Spider Man (Tobey Maguire) durch einen mässig aufregenden Plot mit viel zu vielen Bösewichtern, von denen keiner so richtig zu packen vermag.

Bösewicht 1: Dark Spider Man, schwarze Glibbermasse aus dem All kriecht auf Peter Parker und verstärkt seine negativen Eigenschaften. Lässt sich aber schliesslich ohne grössere Probleme wieder abstreifen.
Bösewicht 2: Sandman (Thomas Haden Church), Verbrecher mit eigentlich gutem Herzen (er will doch nur Geld, um seiner kleinen Tochter eine Operation bezahlen zu können), wird durch einen dummen Zufall und gegen seinen Willen molekular verändert und kann fortan wahlweise als Sandstrum, als sandige Riesenfaust oder sonst wie sandig die Banken New Yorks ausrauben. Er will eigentlich gar nicht böse sein und entschuldigt sich schliesslich auch dafür.
Bösewicht 3: Venom (Topher Grace), ein überambitionierter Jungfotograf, der sich als Konkurrent von Peter Parker um das beste Spider-Man-Bild beim Falschspielen ertappen lässt und dann zur falschen Zeit am falschen Ort ist: Als es Spidey gelingt, sich von der schwarzen Glibbermasse zu befreien, springt sie auf den Fotografen über, verleiht ihm Superkräfte, so dass er seinen Hass auf Spider Man angemessen ausleben kann.
Bösewicht 4: Harry Osborn (James Franco), Peter Parkers bester Freund, der glaubt, Spider Man habe seinen Vater (The Green Goblin, Teil 1) getötet und in Teil 2 rausfindet, dass Peter Spider Man ist. Er wäre die einzige Figur mit Potenzial, macht aber in Teil 3 so viele Twists and Turns durch, dass die Glaubwürdigkeit völlig auf der Strecke bleibt.



Spidey im Kampf gegen das Glibber-Alien.

Ansonsten steht die Beziehung zwischen Peter und Mary Jane (Kirsten Dunst) im Mittelpunkt, aber auch da passiert wenig Aufregendes: Es kriselt, weil Spidey ein bisschen selbstbezogen ist und nicht merkt, was Mary Jane durchmacht, die gerade ihren Job verloren hat. Aber wir machen uns (zurecht) niemals ernstlich Sorgen, dass das nicht wieder gut kommen könnte. Und am Ende muss die Arme dann wenig originell auch wieder als Faustpfand des Bösen herhalten und von Spidey gerettet werden (wie schon in Teil 2 und Teil 1).

Alles in allem ist also der erste Blockbuster der Saison storymässig eine ziemliche Enttäuschung. Die Actionszenen sind natürlich auf gewohnt gutem Niveau, und wem das reicht, der hat sicherlich vergnügliche zweieinhalb Stunden im Kino. Aber man stelle sich vor, was das für ein Film hätte werden können, wenn man sich bei der Dreiecksbeziehung zwischen Peter, Mary Jane und Harry ein bisschen mehr getraut hätte, wenn es zum Beispiel Spidey wäre, der sich am Schluss… aber lassen wir das, vielleicht wollen Sie ihn sich ja doch noch selber ansehen.