Florinda forever
| Von Peter Aeschlimann um 17:15 | [ Kino ] |
Vor 30 Jahren, am 25. Mai 1977, feierten in den US-Kinos ein paar blaue Buchstaben Premiere: «A long time ago in a galaxy far, far away...» Von Star Wars hätte ich hier berichten wollen, von meiner Jugend. Dann kam mir Mel Gibson in die Quere und ziemlich schräg rein, aber dazu gleich später.
Ich wurde übrigens auch vor 30 Jahren geboren, im August. Zwei Tage nachdem Elvis für immer verstummte. Der König ist tot, lang lebe der König, mussten sich meine Eltern gedacht haben und schickten mich 8 Jahre später in den Blockflöten-Unterricht. Item. Zum Krieg der Sterne also nur das: Schauen Sie sich die ersten drei Filme an, A New Hope, The Empire srikes back, The Return of the Jedi. Der Rest ist Blasphemie. Für mich gehört die ferne, ferne Galaxie, seit Jar Jar Binks dort sein Unwesen treibt, zur Kategorie «unter ferner liefen». Darum berichte ich heute nicht von der Zeit, als ich Luke Skywalker sein wollte, sondern von jener, als ich mich in eine Indianerin und ins Kino verliebte.

(Stands with a Fist alias Mary McDonnell oder auch Florinda.)
Ich war 13 und tapezierte mein Zimmer mit Postern von Kevin Costner. Denn ich war sehr verschossen. Und zwar in meine Sek-Lehrerin. Ihr Name war Florinda und sie sah aus wie eine Pocahontas. Als sie zum ersten Mal stolz die Pultreihen in unserem Klassenzimmer abschritt, in engen Jeans und Lederstiefeln, blühte ich auf. Florinda lehrte uns, wie die Indianer lebten. Wenn sie vor der Klasse stand, und mit tiefer Stimme vom Wilden Westen erzählte, meinte ich, das Präriegras rascheln zu hören und mein Herz pochte lauter, als das Gedonnere tausender Bisonhufen über den Great Plains.
Höhepunkt war eine Klassenfahrt nach Bern, wo wir im Kino Club Kevin Costners Indianerfilm «Dances with Wolves» anschauen durften. Ich war schwer beeindruckt. Von dieser Eingangszene, wo der schwer verletzte Leutnant Dunbar, der lieber stirbt, als dass man ihm sein durchschossenes Bein absägt, in Zeitlupe über das Schlachtfeld galoppiert, die Arme ausgebreitet, sich selber den dreckigen Südstaatlern zum Abschuss freigebend. Dazu im Hintergrund die Musik von John Barry. Diese fernen Trompeten, diese bedrohlichen Trommeln, ich höre sie heute noch. Ich war tief beeindruckt von der ersten Szene mit den Indianern, den bösen, schaurigschönen, die den unflätigen und versoffenen Farmertölpel erst mit ein paar Pfeilen durchlöchern und dann skalpieren. Von Dunbar allein im Fort, den Besuchen der diesmal lieben Indianer, den ersten Gesprächen, «Buffalo, Buffalo, Tatanka, Tatanka», dem interkulturellen Kaffeekränzchen, dem einsamen Wolf Two Socks, der Liebesszene (ich schwöre, Stands with a Fist beziehungsweise Mary McDonnell sah aus wie Florinda). Und ich verspürte Trauer, als die Cowboys die Bisons abschlachteten, nur der Felle wegen, dann Wut, als die Yankees den Dunbar so grässlich plagten, und dann nur noch Hass auf den weissen Mann.
Meine Erleichterung, als Dunbar mit seiner Squaw um den Felsvorsprung geritten kam, zurück ins Winterlager der Sioux, war gross. Es folgte der Abspann. Ich weinte, weil ich wusste, wies weiterging. Florinda zeigte uns am Morgen vor dem Trip nach Bern Bilder von Indianer-Reservaten. Und ich war total geschafft, weil das eben zuviel Blut, zu viele Tränen, zuviel Tippi-Sex, zu viele Minuten emotionale Achterfahrt für einen 13-Jährigen gewesen waren. Aber ich war auch verliebt: In den dunklen Saal mit den roten Polstern, wo auf einer grossen Fläche grosse Geschichten erzählt werden. Und noch mehr in Florinda, weil sie mir diese Welt zeigte. Und ein bisschen war ich auch in Kevin Costner verliebt. Deswegen die Poster in meinem Zimmer. Sie erinnerten mich an Florinda und die Indianerfrau.
Warum ich das erzähle? Ich habe gestern, kurz bevor ich ein Loblied auf die ersten drei Star-Wars-Filme schreiben wollte, «Apocalypto» gesehen, Mel Maniac Gibsons abstruser Dschungelbruch, bestehend aus den Passion-of-the-Christ-Outtakes. Dieser Indianer-Streifen ist schlecht und taugt auch nicht für den Unterricht. Ganz anders war da «Dances with Wolves» von Kevin Costner. Dieser Indianer-Film, dem ich meine Liebe zum Kino und die Liebe im Allgemeinen verdanke.
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