25.9.2007

Platzende Seifenblase

Von Ralf Kaminski um 11:38 [ Kino ]
Verfolgen Sie die Nachrichten noch zum ewigen Konflikt Israel/Palästina/Naher Osten? Oder blättern Sie in der Zeitung auch längst mit einem unterdrückten Gähnen weiter, wenn vom 276. Versuch einer Friedenbemühung, von „neuer Hoffnung“ bzw. „eskalierender Gewalt“ die Rede ist? Also ich tus, und erinnere mich dabei jeweils an die Worte des von Dennis Quaid dargestellten US-Präsidenten in „American Dreamz“ (2006), der vor der versammelten Fernsehnation sinngemäss sagte: „Ich fürchte leider, es wird da keine Lösung geben, never – ever!“ Und wenn dann also ein Film daher kommt, der inmitten genau dieses Konflikts spielt, dann braucht es beinahe ein bisschen Überwindung ins Kino zu gehen, denn eigentlich hat man das Thema ja gründlich satt.

„The Bubble“ des israelischen Regisseurs Eytan Fox aber wählt einen derart unkonventionellen und sympathischen Ansatz, dass man dem Film zunächst kaum widerstehen kann. Es fängt damit an, dass der junge schwule Soldat Noam beim Grenzdienst den jungen schwulen Palästinenser Ashraf kennenlernt, der wenig später bei Noams WG in Tel Aviv vor der Tür steht, was zu einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte führt. Die wird misstrauisch beäugt von WG-Kollege Yelli, der selbst in Noam verliebt ist, und begeistert gefeiert von WG-Kollegin Lulu, die in der linken Friedensbewegung aktiv ist und die beiden über die Grenzen hinweg Verliebten geradezu als Symbol für eine bessere Zukunft sieht. Tatsächlich geht eine Weile lang alles gut, und beinahe vergisst man, inmitten welcher Konfliktregion sich die ganze Geschichte abspielt. Tel Aviv und seine Bewohner geben dem Film den Titel „The Bubble“, die Blase – eine kleine Welt für sich, in der sich Terror und Tod offenbar zumindest für eine Weile ausblenden lassen. Doch dann droht der illegal anwesende Ashraf aufzufliegen, kehrt schweren Herzens zurück in seine Heimat, wo seine Schwester eben im Begriff ist zu heiraten – und zwar den lokalen Terroristen-Chef mit dem schönen Namen Jihad. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf, und es geht rapide abwärts mit dem Film. Das Verhalten der Figuren wird immer unwahrscheinlicher und gipfelt darin, dass Ashraf schliesslich als Selbstmordattentäter nach Tel Aviv zurückkehrt.




Und wie man dann aus dem Kino herausgeht und sich über das merkwürdige Ende wundert, ertappt man sich bei der Frage, ob man sich ärgert, weil die Geschichte nicht wirklich aufgeht, oder ob man halt einfach gerne jenes Happy End wenigstens im Kino gesehen hätte, mit dem im realen Leben nicht wirklich zu rechnen ist. Der Film kommt insgesamt jedenfalls reichlich unausgegoren daher, schwankt zwischen Komödie und Drama, will unterhalten aber auch politische Statements machen und krankt an einem heftigen Bruch nach etwa zwei Dritteln Laufzeit. Er wird aber unter Schwulen sicherlich sein Publikum finden, nicht zuletzt wegen der attraktiven Darsteller und den sehr sympathischen und witzigen ersten 90 Minuten.


Und wenn wir gerade bei Seifenblasen und Schwulen sind: Am Donnerstag startet in unseren Kinos der Fantasyfilm „Stardust“, der mit einer für dieses Genre geradezu ausserordentlichen Menge Humor ausgestattet und ein vorbehaltloses Vergnügen ist. Es gibt einen strahlenden jungen Helden (Charlie Cox aus „Casanova“), eine böse Zauberin (Michelle Pfeiffer), eine bezaubernde Schönheit in Schwierigkeiten (Claire Danes), Thronfolge-Rivalitäten wegen eines sterbenden Königs (Peter O’Toole), einen magischen Erzähler (Ian McKellen) und überhaupt alles, was ein richtig schönes Märchen ausmacht. Wohl die erstaunlichste Figur ist der Kapitän eines fliegenden Piratenschiffs, der etwas widerwillig den brutalen, harten Kerl mimt, in Wirklichkeit aber nicht nur eine äusserst kultivierte Seele, sondern – eben – auch noch schwul ist, was aber niemand wissen darf. Schon gar nicht seine Mannschaft. Robert de Niro spielt den Captain mit sichtlichem Vergnügen, und gelegentlich fühlt man sich gar an einen anderen exaltierten Piratenkapitän erinnert, der in den letzten Jahren vor allem die Karibik unsicher gemacht hat.



09.9.2007

Übersetzungen? Vergiss es!

Von Peter  Aeschlimann um 14:00 [ Popcorn ]
Mann, piss die Wand an, Alter. Heute ärgern wir uns wieder mal über schlechte Übersetzungen.

Im schönen Langenthal, wo ich aufwuchs, hatte es zwei Kinos. Das Scala und das Capitol. Tolle Namen für Lichtspieltheater, finde ich, so klassisch. Würde ich in Hasle-Rüegsau oder Hintertupfigen ein Kino bauen, würde ich es Capitol nennen, oder auch Rex. In Langenthal zeigten sie die Filme immer in synchronisierten Fassungen. Darum sah ich meinen letzten Film im Scala vor über zehn Jahren: «Stirb langsam – Jetzt erst recht». In der Reihe hinter mir fragte einer seinen Kollegen: «Was louft eigentlech hütt?» Worauf der andere: «Das isch Die («di») Hard, monn, mit Willis Bruce.» Nach der Szene am Brunnen, wo Willis Bruce und Jackson Samuel L choslenderweise* ein Kinderrätsel lösen, damit irgendwo irgendwas nicht von Irons Jeremy in die Luft gejagt wird, fingen die Diskussionen aber erst an – und bis zum Abspann konnten sich die beiden Schweinebacken hinter mir nicht auf eine Lösung einigen, wie das mit dem Wasser denn nun zu bewerkstelligen sei. Ich wusste vor allem eines: Nie wieder Scala. Nie wieder Synchronfassungen.

Willis

«Gib mir mal den 5-Liter-Kübel Samuel.»

Inkonsequenterweise blieb ich kürzlich beim Zappen am TV bei Donnie Brasco hängen. Mafiaboss Al Pacino sagt in dem (sehr guten) Streifen immer: «Mann, piss die Wand an.» Zu allem und jedem, mann, piss die Wand an. Neugierig, wie ich bin, wollte ich natürlich wissen, wie das im Original heisst. Es heisst: «Forget about it.» Spülen bitte. Oder dann lief, auch am Fernsehen, «Ey Mann – wo is’ mein Auto?», den ich mir aber nicht angeschaut habe. Ich erinnerte mich aber, dass die Komödie im Original «Dude, Where’s My Car?» heisst. Und dann schiere Panik. Die werden doch nicht, nein das können die nicht, die werden doch den «Dude» in «The Big Lebowski» nicht mit «Ey Mann» oder noch schlimmer «Alter» übersetzt haben. DVD also rein, Sprache Deutsch, mich fröstelts, grandioser Einstieg, diese Musik, dann eine gewisse Erleichterung: Jeff heisst auch hier «Dude». Doof ists trotzdem, wenn der Mann dann sagt: «Ich bin der Dude, Mann.»

Die superben Nihilisten hab ich mir nicht angetan, obwohl mich eigentlich noch Wunder genommen hätte, wie die Übersetzer das mit dem deutschen Akzent in «We want se money, Lebowski» verwurstelt hätten. Einfach bayrisch reden lassen, wie den kleinen Schweizer Buben in den deutschen Simpsons-Folgen?
Bei all diesen Überlegungen fragte ich mich noch, ob wohl die TV-Serie «Der Alte» in Amerika ausgestrahlt wird. Und ob der Kommissar dort «The Dude» heisst. Dabei musste ich lachen und mein Ärger über schlechte Übersetzungen war fast fortgeblasen, genauso wie Donnys (nicht Brascos) Asche. Und in dieser bewegenden Schlussszene von «The Big Lebowski» war die Übersetzung gar nicht mal so schlecht: «Gute Nacht, süßer Prinz.»

*Wer mir das als erstes korrekt übersetzt, kriegt ein Ticket fürs Kino Scala.


03.9.2007

Kino wie es sein sollte

Von Ralf Kaminski um 15:31 [ Kino ]
Kennen Sie das? Sie setzen sich ins Kino, zwar ohne überwältigende Erwartungen, aber freudig gespannt, was da nun kommt, und das, was da kommt, zieht Sie dann praktisch von der ersten Sekunde an derart in seinen Bann, dass Sie nicht nur hervorragend unterhalten sind, sondern sich am Ende erst wieder langsam in die Realität zurücktasten müssen? Solche Filme sind selten. Je mehr man gesehen hat, desto seltener. Jedenfalls für mich, denn unabdingbar für so ein Erlebnis ist eine überraschende Story (oder die überraschende und überzeugende Umsetzung einer bereits bekannten, richtig guten Story). Und welcher Film bietet das schon? Diese Raritäten sind noch dazu höchst individuell, es hängt vollkommen von Ihnen und Ihrem persönlichen Erfahrungsschatz und Charakter ab, ob ein Film etwas in Ihnen auslöst, Sie berührt, Sie begeistert, Sie amüsiert. Deshalb sollte man sich auch nur sehr bedingt auf Filmkritiken verlassen, ausser natürlich, man kann den Kritiker nach gewisser Zeit einigermassen einschätzen („wenn der das schlecht findet, sind die Chancen gut, dass es ein richtig toller Film ist“).




Da ist die Welt noch in Ordnung: "Saturno Contro"


Meist tauchen solche Filme ohne Vorwarnung auf, man hat nichts erwartet – und bang! Geht man mit der Hoffnung in einen Film, es könnte so einer werden, ist die Enttäuschung fast immer programmiert. Und gerade, wenn ein Regisseur oder ein Produktionshaus bereits einmal einen solchen Film gemacht hat, neigt man zu solchen Hoffnungen. „Lord of the Rings“ z.B., war so was. Entsprechend erwartete man von Peter Jacksons nächstem Epos „King Kong“ nichts anderes als ein weiteres Meisterwerk. Nun, war es nicht. Oder, ganz anderes Genre, „Hamam“ (1997) von Ferzan Özpetek, ein kleines, feines, sensibles Drama über Familie, Freundschaft, Liebe, Leben und Tod. Vom gleichen Regisseur läuft derzeit „Saturno Contro“ bei uns, und es geht um dieselben Themen. Eine Gruppe von Freunden, die sich seit Jahren kennen, muss gleich mit zwei Dramen klar kommen: Ein Paar bricht auseinander, weil er sie betrügt – gleichzeitig stirbt der jüngere Part eines Schwulenpaars an einer völlig überraschenden Hirnblutung. Wie die Freunde mit dem plötzlichen Tod des einen umgehen und mit dem zerstrittenen Paar, das dennoch Teil der Gruppe bleibt, das ist durchaus berührend und sehenswert. Und doch, es kommt nicht an „Hamam“ heran, vielleicht weil einige der Nebenfiguren nicht richtig zu überzeugen vermögen oder weil die Geschichte einen weniger klaren roten Faden hat.

Manchmal aber, manchmal werden solchen Hoffnungen erfüllt. Wieder ein anderes Genre: Das Animationsfilmhaus Pixar hat über die Jahre diverse ausgezeichnete Filme gemacht, ihr letzter, „Cars“ (2006), ist ein bisschen abgefallen, was aber auch daran lag, dass ihr vorletzter, „The Incredibles“ (2004), so extrem gut war: einfallsreich, witzig, verspielt, voller Anspielungen – eine Superhelden-Persiflage, die Erwachsenen mindestens so viel Spass gemacht hat wie Kindern, wenn nicht mehr. Pixars Neuer heisst „Ratatouille“, läuft schon seit ein paar Monaten in den USA und ab 3. Oktober auch in der Schweiz. Die Presse hat ihn bereits zu sehen bekommen, und ich kann Ihnen sagen, mit so einem abgebrühten Haufen Filmjournalisten im Kino zu sitzen, das macht nicht immer Spass. Da mühen sich durchaus unterhaltsame Komödien auf der Leinwand ab, und treffen auf eisige Stille im Saal, zum Beispiel. Kann passieren. „Ratatouille“ hat, wie soll ich sagen, also man kann schon fast von kleinen Entzückungsschreien sprechen, die da teilweise ausgelöst worden sind. Und viel Gelächter. Mit diesem Film hat sich Pixar tatsächlich selbst übertroffen – er hat alles, was „The Incredibles“ auszeichnete, aber statt Superhelden und Weltrettungen geht es um allgemein etwas zugänglichere Themen: Kochen, Paris, niedliche Pelztiere, in diesem Fall: Ratten. Eine ganz besonders, die nicht nur intelligent ist, sondern auch über einen besonders feinen Gaumen verfügt und über einige wirre, irre und herausragend amüsante Umwege zum Chefkoch eines der angesagtesten Pariser Restaurants avanciert. Klingt verrückt? Ist es auch, aber der Film schafft es, dass man es ihm abnimmt. Das müssen Sie gesehen haben. Ach, nur schon der Vorfilm ist das Eintrittsgeld wert...


Verstorbener Chefkoch mit Ratten-Fan: "Ratatouille"


Und wenn Sie Lust haben: Erzählen Sie doch mal von Ihren Raritäten, Filme, die Sie mitten ins Herz, ins Zwerchfell oder sonst wohin getroffen haben, unerwartet und vollkommen vereinnahmend. Jene Filme unter all den vielen schlechten und mittelmässigen, die dafür sorgen, dass wir doch immer wieder in den grossen dunklen Saal namens Kino zurückkehren, in der Hoffnung etwas Aussergewöhnliches zu erleben.