23.10.2007

Wohliges Gruseln vs. Blutspritzereien

Von Ralf Kaminski um 16:57 [ Kino ]
Irgendwann entwächst man ja dem Stephen-King-Alter. Als Teen habe ich ihn verschlungen, den Horrormeister aus dem Nordosten der USA: Friedhof der Kuscheltiere, Shining, Salem’s Lot, Misery, ES etc. etc. Bin auch jedes Mal hoffnungsfroh ins Kino gegangen, wenn eine Verfilmung anstand – und war jedes Mal enttäuscht, fast jedes Mal. „Shining“ war, naja, ganz okay, „Misery“ (mit der grossartigen Kathy Bates) sogar richtig gut. Bis heute am besten gefallen hat mir „Stand by Me“, die Verfilmung einer Kurzgeschichte, die nichts mit Horror und viel mit Freundschaft und Nostalgie zu tun hat.

Wie auch immer: Irgendwann habe ich aufgehört, Stephen King zu lesen. Ich weiss nicht mehr, welches das letzte Buch war, aber ich weiss noch, dass ichs als einzige Reiselektüre auf einem Langstreckenflug dabei hatte und mich gottserbärmlich gelangweilt habe (weniges ist so schlimm, wie auf einem Langstreckenflug nichts Interessantes zu lesen zu haben). Danach war Schluss mit mir und dem King.

So war es also mit einem etwas nostalgischen Gefühl, dass ich mir kürzlich im Kino „1408“ angesehen habe, basierend auf einer Kurzgeschichte von Stephen King, die ich nie gelesen habe. Aber siehe da, ich fühlte mich angenehm unterhalten – was vielleicht auch ein bisschen daran liegt, dass man diese Art altmodische, gepflegte Gruselfilme heute kaum noch zu sehen bekommt vor lauter Teenie-Schlitzern, Serien-Mördern und mutierten Killer-Monstern. In „1408“ gehts um einen Schriftsteller (John Cusack), der seine – finanziell durchaus einträgliche – Karriere damit macht, angebliche Spuk-Hotels zu testen und darüber zu schreiben. Natürlich hat sich bisher noch jedes dieser Häuser als vollkommen harmlos erwiesen, und dasselbe nimmt er nun auch vom „Dolphin“-Hotel in New York City an, in dem es ein Zimmer gibt, das nicht vermietet wird, weil darin angeblich schon ziemlich viel Merkwürdiges passiert ist. Auch Tote solls gegeben haben. Doch die Warnungen des Hotel-Direktors (Samuel L. Jackson) spornen den skeptischen Autor erst recht an, und schliesslich erhält er den Schlüssel für das ominöse Zimmer 1408, in dem es laut Direktor „noch nie jemand länger als eine Stunde ausgehalten hat“. Nicht etwa weil es darin ein Gespenst hat oder so – „it’s just a fucking mean room“. Und es dauert denn auch nicht lange, bis der hochnäsige, selbstsichere Schriftsteller nur noch eins will: Da wieder raus. Nur, der Raum lässt ihn nicht.


Vielleicht doch eine Lösung, dem Raum zu entkommen?

„1408“ ist beinahe ein Ein-Personen-Stück, er beschäftigt sich über weite Strecken nur mit dem Duell zwischen dem Raum und dem Hotelgast, was dennoch erstaunlich effektiv und unterhaltsam ist. Der schwedische Regisseur Mikael Hafström zieht dabei die üblichen Register des Spukfilms, weitet diese allerdings aus, indem er die Hauptfigur intensiv in die Tiefen ihrer schmerzhaften Vergangenheit abtauchen lässt, die plötzlich wieder lebendig wird. Der Film bietet solides Gruseln und lässt am Ende Spielraum für Interpretationen.

Wem das alles zu metaphysisch und dezent ist, der freue sich auf „Halloween“, dem Remake des Horror-Klassikers von John Carpenter aus dem Jahr 1978. Beim mit ein paar B-Stars wie Malcolm McDowell, Brad Dourif und Udo Kier aufgemotzten Streifen dürften auch die Freunde expliziterer Gewalttätigkeiten und Blutspritzereien auf ihre Kosten kommen. Sie erinnern sich vielleicht: Michael Myers, der als Kind wegen eines Mordes in eine Irrenanstalt eingewiesen worden ist, bricht dort aus und kehrt in seine Heimatstadt zurück – ausgerechnet zu Halloween, dem Fest der Monster und Geister, wo er schon damals zugeschlagen hat. Mit einer Maske und diversen Stich- und Hauinstrumenten bewaffnet zieht er durch die Stadt, auf der Suche nach seiner Schwester (die Rolle, mit der Jamie Lee Curtis damals berühmt geworden ist).

Die Frage ist allerdings, ob es überhaupt möglich ist, „Halloween“ besser zu machen als das Original – bei „The Omen“ letztes Jahr ist dies jedenfalls gründlich misslungen. Aber immerhin hat hier ein Regisseur die Hände im Spiel, dessen Name im Zusammenhang mit Horrorfilmen natürlich Hoffnung macht: Rob Zombie. Der Film startet am Donnerstag, eine knappe Woche vor Halloween.



11.10.2007

Superhelden unter uns

Von Ralf Kaminski um 10:00 [ TV ]
„Heroes“, das sind ganz gewöhnliche Menschen, die plötzlich entdecken, dass sie ausserordentliche Fähigkeiten haben: Sie können fliegen, die Zeit stoppen, Gedanken lesen, sind unverwundbar… und sie sind darob verwirrt, erschreckt, konfus. Sie werden in Ereignisse verwickelt, die zunächst keinen Zusammenhang zu haben scheinen. Doch schon bald ist klar, wir befinden uns in einem komplexen Puzzle – die „Heroes“ sind irgendwie miteinander verbunden, und es hängt an ihnen, die Welt zu retten, die in ernster Gefahr schwebt: „Save the cheerleader, save the world!“



Am Montag ist auch im Schweizer Fernsehen die US-Erfolgsserie „Heroes“ angelaufen, welche die USA letztes Jahr im Sturm erobert hat und dort gerade in die zweite Season gestartet ist. Die Serie verbindet Science Fiction und Fantasy mit Thriller, Drama sowie gelegentlichem Humor und reiht sich ein in eine mittlerweile recht stattliche Zahl von neueren US-TV-Serien, die den Zuschauer mit komplexen Geschichten und dreidimensionalen Charakteren in den Bann ziehen („Lost“, „Battlestar Galactica“, „Six Feet Under“, „The Sopranos“). Die Wurzeln der TV-Serie mit den vielen Superhelden liegen offensichtlich bei den X-Men, jener Comicreihe um genveränderte Menschen (so genannte Mutanten), die in den 60er-Jahren gestartet wurde und noch immer läuft. Der Erfolg der X-Men-Filmtrilogie (mit Stars wie Ian McKellen, Patrick Stewart, Halle Berry, Famke Janssen und Hugh Jackman) dürfte das Seine beigetragen haben.

„Heroes“ braucht am Anfang ein wenig Geduld: Sehr viele Figuren mit sehr vielen Storylines machen die Serie zunächst etwas unübersichtlich. Da ist das US-Brüderpaar Petrelli, der eine kandidiert für den Senat, der andere ist Krankenpfleger, der eine kann fliegen, der andere… aber das sollte man noch nicht verraten. Da ist der Japaner Hiro, der die Zeit stoppen kann, der Inder Suresh, dessen Vater jenen genveränderten Menschen auf der Spur ist, der Cheerleader Claire, die unverwundbar ist und deren Adoptiv-Vater für eine geheimnisvolle Organisation arbeitet, der Maler Isaac, der die Zukunft malen kann, der Cop Matt, der Gedankenlesen kann und einem fürchterlichen Verbrecher auf die Spur kommt – Sylar, der sich einen „Mutanten“ nach dem anderen vornimmt, ihn umbringt und seine Fähigkeit in sich aufnimmt. Na, haben Sie schon den Überblick verloren? Keine Sorge, in der Serie kommt das alles durchaus verdaubar daher – und sehr, sehr spannend.

Unter den vielen Darstellern gibt es kaum bekannte Gesichter, zu erwähnen ist wohl Jack Coleman, der den Adoptiv-Vater des Cheerleaders spielt und dem TV-Publikum hier als bisexueller Steven Carrington aus dem „Denver Clan“ noch in Erinnerung sein dürfte. Für alle Star-Trek-Fans bemerkenswert dürfte sein, dass Zachary Quinto, der den bösen Sylar spielt, vor kurzem als Darsteller von Spock in J.J.Abrams neuer Star-Trek-Verfilmung angekündigt worden ist. Allerdings nur für den jungen Spock. Denn auch Leonard Nimoy (76) wird in der elften Star-Trek-Verfilmung, die Weihnachten 2008 in die Kinos kommen soll, wieder als Spock zu sehen sein.



Sylar - und Spock Junior.

Wer im übrigen keine Lust hat, sich nur mit einer Folge „Heroes“ pro Woche abspeisen zu lassen: In den USA ist die DVD-Box der Season 1 schon raus.