Der Terror hat das Kino erreicht
| Von Ralf Kaminski um 15:52 | [ Kino ] |
Eine der wichtigsten Funktionen des Kinos ist die Alltagsflucht, weg aus dem grauen Hier und Jetzt der eigenen Existenz, hinein in eine farbige Welt voller Abenteuer, Action und Humor. Hollywood bietet in der Hinsicht für alle Bedürfnisse etwas, aber gelegentlich fühlt es sich auch dazu berufen, die Fantasien beiseite zu schieben und sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auch George W. Bushs „Krieg gegen den Terror“ im Kino ankommen würde. Das tut er nun gleich dreifach mit „The Kingdom“ (läuft schon), „Lions for Lambs“ (ab heute) und „Rendition“ (ab 22. November). Für Freunde des politischen Kinos also erfreuliche Zeiten.
Kommt hinzu, dass mindestens „The Kingdom“ und „Rendition“ (den dritten habe ich noch nicht gesehen…) eine gelungene Mischung aus spannender Unterhaltung und durchaus differenzierter Reflektion bieten. Allerdings auch – im Lichte der aktuellen Lage wohl angemessen – wenig Hoffnung auf eine Besserung offerieren.
„We’re gonna kill them all!“ lautet etwa der letzte Satz von „The Kingdom“, und er wird gleich zweimal gesprochen, einmal auf amerikanischer Seite, einmal auf arabischer – gemünzt ist er auf die jeweils andere. Dies nachdem es einem gemeinsamen Team von US- und arabischen Ermittlern in Saudi Arabien gelungen ist, die Urheber eines Attentats auf eine US-Wohnsiedlung in Riad zu finden und auszuschalten. Solche kleinen Erfolge mag es geben, ist die Botschaft des Films, aber der gegenseitige Hass, das gegenseitige Unverständnis sitzt inzwischen zu tief, ist zu weit verbreitet, als dass dies Anlass dazu wäre, auf eine grundsätzliche Verbesserung oder Entspannung der Situation zu hoffen.
In „The Kingdom“ sitzt das Böse in erster Linie in Saudi-Arabien, während „Rendition“ auch die USA nicht verschont. Dort geht es um die staatlich sanktionierte Entführung eines terrorverdächtigen US-Bürgers mit ägyptischen Wurzeln nach Nordafrika. Damit dort das getan wird, was in den USA selbst nicht möglich ist: Das Herauspressen eines Geständnisses mittels Folter. Meryl Streep als harte CIA-Direktorin, die der Ansicht ist, nur ihre Pflicht zu tun, steht Jake Gyllenhaal gegenüber, einem jungen Mitarbeiter, der als Beobachter vor Ort der Folterung beiwohnt und zwischen Vaterlandspflicht und Entsetzen schwankt. Bemerkenswert auch die Figur des lokalen Geheimdienstchefs (Yigal Naor), der pragmatisch und kühl das für die Amerikaner tut, was sie selbst nicht tun wollen – im Glauben, damit doch trotz allem Menschenleben retten zu können. Und der schliesslich einen hohen Preis dafür bezahlt. Ebenso übrigens wie der Leiter der arabischen Ermittler in „The Kingdom“, der die Amerikaner unterstützt.
Eine Botschaft, die in dieser Verdoppelung besonders schwerwiegend wirkt: Die lokalen Helfer der Amerikaner werden bestraft, die Amerikaner selbst kommen davon, und ein Ende des Terrors und der ethischen Zweideutigkeiten ist ohnehin nicht in Sicht. Allerdings ist die Helfer-Figur in „The Kingdom“ vorbehaltlos gut, während jene in „Rendition“ deutlich schillernder ist. „Rendition“ ist auch eine Anklage an das politische System, das Folter inoffiziell sanktioniert – auch wenn der unschuldig Gefolterte am Ende dank des Gewissens des jungen CIA-Mitarbeiters in Nordafrika frei kommt. Hier wird suggeriert: Im System ist etwas faul, aber der einzelne Bürger hat das Sensorium für Gerechtigkeit noch nicht verloren. Also doch ein Hoffnungsschimmer, wenigstens hier. Wenns denn so ist.

Meryl Streep als eiskalte CIA-Direktorin mit einem zaudernden Senator (Alan Arkin).
Kommt hinzu, dass mindestens „The Kingdom“ und „Rendition“ (den dritten habe ich noch nicht gesehen…) eine gelungene Mischung aus spannender Unterhaltung und durchaus differenzierter Reflektion bieten. Allerdings auch – im Lichte der aktuellen Lage wohl angemessen – wenig Hoffnung auf eine Besserung offerieren.
„We’re gonna kill them all!“ lautet etwa der letzte Satz von „The Kingdom“, und er wird gleich zweimal gesprochen, einmal auf amerikanischer Seite, einmal auf arabischer – gemünzt ist er auf die jeweils andere. Dies nachdem es einem gemeinsamen Team von US- und arabischen Ermittlern in Saudi Arabien gelungen ist, die Urheber eines Attentats auf eine US-Wohnsiedlung in Riad zu finden und auszuschalten. Solche kleinen Erfolge mag es geben, ist die Botschaft des Films, aber der gegenseitige Hass, das gegenseitige Unverständnis sitzt inzwischen zu tief, ist zu weit verbreitet, als dass dies Anlass dazu wäre, auf eine grundsätzliche Verbesserung oder Entspannung der Situation zu hoffen.
In „The Kingdom“ sitzt das Böse in erster Linie in Saudi-Arabien, während „Rendition“ auch die USA nicht verschont. Dort geht es um die staatlich sanktionierte Entführung eines terrorverdächtigen US-Bürgers mit ägyptischen Wurzeln nach Nordafrika. Damit dort das getan wird, was in den USA selbst nicht möglich ist: Das Herauspressen eines Geständnisses mittels Folter. Meryl Streep als harte CIA-Direktorin, die der Ansicht ist, nur ihre Pflicht zu tun, steht Jake Gyllenhaal gegenüber, einem jungen Mitarbeiter, der als Beobachter vor Ort der Folterung beiwohnt und zwischen Vaterlandspflicht und Entsetzen schwankt. Bemerkenswert auch die Figur des lokalen Geheimdienstchefs (Yigal Naor), der pragmatisch und kühl das für die Amerikaner tut, was sie selbst nicht tun wollen – im Glauben, damit doch trotz allem Menschenleben retten zu können. Und der schliesslich einen hohen Preis dafür bezahlt. Ebenso übrigens wie der Leiter der arabischen Ermittler in „The Kingdom“, der die Amerikaner unterstützt.
Eine Botschaft, die in dieser Verdoppelung besonders schwerwiegend wirkt: Die lokalen Helfer der Amerikaner werden bestraft, die Amerikaner selbst kommen davon, und ein Ende des Terrors und der ethischen Zweideutigkeiten ist ohnehin nicht in Sicht. Allerdings ist die Helfer-Figur in „The Kingdom“ vorbehaltlos gut, während jene in „Rendition“ deutlich schillernder ist. „Rendition“ ist auch eine Anklage an das politische System, das Folter inoffiziell sanktioniert – auch wenn der unschuldig Gefolterte am Ende dank des Gewissens des jungen CIA-Mitarbeiters in Nordafrika frei kommt. Hier wird suggeriert: Im System ist etwas faul, aber der einzelne Bürger hat das Sensorium für Gerechtigkeit noch nicht verloren. Also doch ein Hoffnungsschimmer, wenigstens hier. Wenns denn so ist.

Meryl Streep als eiskalte CIA-Direktorin mit einem zaudernden Senator (Alan Arkin).
Kommentare
demotu
-
demotu [at] tscheemail.com
2007-11-09 10:17:11
Man kann schwer sagen, was die eigentliche Funktion des Kinos ist und auch eine Message muss ein Film nicht unbedingt haben. Was in solchen Filmen vermittelt wird ist etwa:
1) Gott ist mit immer uns
2) Sex existiert nicht
3) alle Amerikaner sind geborene Charakterdarsteller
4) Sogar eine Frau wie Meryl Streep kann beim CIA Karriere machen, wenn sie konsequent geschmacklose Kostums trägt
5) Gott ist immer mit uns (kann man nicht genug wiederholen :-)
6) alles das kann man hier sofort kaufen
- Wer am meisten kauft darf weitermachen bei Punkt 1)
- alle anderen müssen zum Weitermachen bei Punkt 1) gezwungen werden
2007-11-09 10:17:11
Man kann schwer sagen, was die eigentliche Funktion des Kinos ist und auch eine Message muss ein Film nicht unbedingt haben. Was in solchen Filmen vermittelt wird ist etwa:
1) Gott ist mit immer uns
2) Sex existiert nicht
3) alle Amerikaner sind geborene Charakterdarsteller
4) Sogar eine Frau wie Meryl Streep kann beim CIA Karriere machen, wenn sie konsequent geschmacklose Kostums trägt
5) Gott ist immer mit uns (kann man nicht genug wiederholen :-)
6) alles das kann man hier sofort kaufen
- Wer am meisten kauft darf weitermachen bei Punkt 1)
- alle anderen müssen zum Weitermachen bei Punkt 1) gezwungen werden
Columbo
2007-11-11 04:04:49
Dem wäre nur noch anzufügen:
7) Amerika ist das freiste, gerechteste, und überhaupt beshteshte Land wo gibt's
8) Alles, was Amerika tut, is gut
9) Nur Amerika weiss, wer Gut ist, und wer zu den Bösen gehört.
10) Amerika hilft gern anderen auf den richtigen Weg
11) Wer bei Punkt 10) nicht mitmachen will, dem helfen wir notfalls mit Gewalt
12) Abtreibung ist schlecht; Massenmord an ausländischen Zivilisten ist unsere patriotische Pflicht
13) Alles, was Amerika tut, ist gut
14) Alle anderen sind doof, darum muss man Punkt 8) und 12) immer wieder wiederholen
2007-11-11 04:04:49
Dem wäre nur noch anzufügen:
7) Amerika ist das freiste, gerechteste, und überhaupt beshteshte Land wo gibt's
8) Alles, was Amerika tut, is gut
9) Nur Amerika weiss, wer Gut ist, und wer zu den Bösen gehört.
10) Amerika hilft gern anderen auf den richtigen Weg
11) Wer bei Punkt 10) nicht mitmachen will, dem helfen wir notfalls mit Gewalt
12) Abtreibung ist schlecht; Massenmord an ausländischen Zivilisten ist unsere patriotische Pflicht
13) Alles, was Amerika tut, ist gut
14) Alle anderen sind doof, darum muss man Punkt 8) und 12) immer wieder wiederholen
Patrick Weiss
-
jh [at] veeoo.com
-
http://politics.veeoo.ch/2007/11/22/die-cia-nennt-es-uberstellung/
2007-11-22 13:15:01
Dem Film sind viele Zuschauer zu wünschen
Und den Medien, speziell der Filmkritik, ein Schuss mehr Kulturkritik. Gemeint ist damit nicht Ihr Beitrag "Der Terror hat das Kino erreicht", sondern ein kürzlich in der 'Süddeutschen Zeitung' publizierter (Rück-)Blick auf den kommerziellen Misserfolg des Films "Von Löwen und Lämmern" (http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/407291) Der hätte an den Kinokassen nicht das erwartete Geld eingefahren. Schade, ich hätte mir gewünscht, allfällige Schwächen eines Films vielleicht einzuordnen in den begrüssenswerten Umstand, dass die Welle an kritischen US-Filmen über die US-Kriege und Anti-Terror-Strategien die steigende Anti-Kriegs-Stimmung in den USA widerspiegelt. So scheint es mir auch mit der dezidierten Kritik an der Geheimdienst- und Folterpraxis in „Rendition“ zu sein. Nachdem es zwischenzeitlich eine mediale Akzeptanz von Folter gegeben haben zu scheint (vgl. die TV-Serie "24"), stimmt dies hoffnungsvoll. (http://politics.veeoo.ch/2007/11/22/die-cia-nennt-es-uberstellung/)
2007-11-22 13:15:01
Dem Film sind viele Zuschauer zu wünschen
Und den Medien, speziell der Filmkritik, ein Schuss mehr Kulturkritik. Gemeint ist damit nicht Ihr Beitrag "Der Terror hat das Kino erreicht", sondern ein kürzlich in der 'Süddeutschen Zeitung' publizierter (Rück-)Blick auf den kommerziellen Misserfolg des Films "Von Löwen und Lämmern" (http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/407291) Der hätte an den Kinokassen nicht das erwartete Geld eingefahren. Schade, ich hätte mir gewünscht, allfällige Schwächen eines Films vielleicht einzuordnen in den begrüssenswerten Umstand, dass die Welle an kritischen US-Filmen über die US-Kriege und Anti-Terror-Strategien die steigende Anti-Kriegs-Stimmung in den USA widerspiegelt. So scheint es mir auch mit der dezidierten Kritik an der Geheimdienst- und Folterpraxis in „Rendition“ zu sein. Nachdem es zwischenzeitlich eine mediale Akzeptanz von Folter gegeben haben zu scheint (vgl. die TV-Serie "24"), stimmt dies hoffnungsvoll. (http://politics.veeoo.ch/2007/11/22/die-cia-nennt-es-uberstellung/)
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