28.11.2007

Schlaftabletten auf der Leinwand

Von Ralf Kaminski um 17:36 [ Kino ]
Schlafen Sie oft im Kino? Es soll ja Leute geben, denen passiert das regelmässig. Wohl nicht so häufig wie vor dem Fernseher zu Hause, aber dennoch: regelmässig. Mir passiert es eher selten – und es ist kein gutes Zeichen für den Film, der gerade auf der Leinwand läuft. Jüngstes Beispiel: „Lust, Caution“ von Ang Lee, einen Regisseur, den ich sonst sehr schätze und der einige Filme gemacht hat, die ich wirklich mag (The Ice Storm, The Wedding Banquet, Brokeback Mountain). Aber sein neustes Werk plätschert wirklich endlos dahin und ist im Mittelteil einfach nur langweilig. Es geht um China während der japanischen Okkupation (vor und während des Zweiten Weltkriegs), und eine junge Widerstandskämpferin schleicht sich nach und nach in das Haus und in das Herz eines mächtigen Mannes, der mit den Japanern gemeinsame Sache macht. Ziel: Er soll umgebracht werden. Stattdessen verlieben sie sich irgendwie ineinander. Und das in zweieinhalb Stunden mit vielen schönen Bildern und schmachtenden Blicken und überraschend explizitem Sex. Aber auch das hilft nicht. Dieser Film ist 60 Minuten zu lang für die Geschichte, die er erzählt. Starker Schluss allerdings.


Öde: Ang Lees Liebesdrama in Shanghai.


Der erste Kinofilm, in dem ich je eingeschlafen bin, hiess „Warum Bodhidharma in den Orient aufbrach“, und es ging um Buddhismus, Entsagung und das Nichts. Möglicherweise war ich (späte Teenager-Jahre) damals auch zu jung für das Thema, aber ich war unendlich gelangweilt. Ich bin auch nur gegangen, weil der Film schon wochenlang lief und alle so begeistert waren davon. Also dachte ich: Da muss was dran sein. Nun ja. Ebenfalls gut geschlafen habe ich während weiter Strecken von „Matrix Reloaded“, dem zweiten Teil des Hit-Films der Wachowski-Brüder. Gut, das war unter erschwerten Bedingungen, ich war jet-lagged, und es war eine Mitternachtsvorstellung. Aber das zeigt, dass auch Action-Filme sich als Schlaftablette eignen. Gerade Action-Filme, muss man sogar sagen. Denn in ihrer aufgeregten Knallerei und Zerstörwut können sie schon enorm öde und eintönig sein, wenn sie nicht von ein bisschen interessanter Story begleitet werden. Dunkel erinnere ich mich, auch während „The Chronicles of Riddick“ recht gut gedöst zu haben (der zweite Teil des exzellenten SciFi-Horrors „Pitch Black“).

Dass auch langsame und lange Filme nicht langweilig und einschläfernd sein müssen, zeigt derzeit „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ – eigentlich mehr ein Beziehungsfilm als ein Western. Der Streifen ist so lang wie sein Titel, und er hat ein enorm langsames Tempo. Aber was da passiert zwischen den Figuren, insbesondere auch zwischen den beiden Titelhelden, das ist ganz grosses Kino, hochspannend, dramatisch, tragisch, exzellent gespielt (von Brad Pitt und Casey Affleck). Dazu betörend schöne Bilder und Kameraeinstellungen. Und das von einem gewissen Andrew Dominik inszeniert, der bisher noch nichts weiter von Belang gemacht hat.


Spannend: Andrew Dominiks wilder Westen.

Na, jedenfalls, falls Sie Lust haben uns mitzuteilen, welches die Filme waren, bei denen Sie am besten geschlafen haben, nur zu. Keine Müdigkeit vorschützen.



Kommentare

adf32 - adf32 [at] bluewin.ch
2007-11-28 18:10:05

Bis jetzt bin ich im Kino genau zwei Mal eingeschlafen:

Citizen Kane, auf Englisch mit französischen Untertiteln, nach einem langen Arbeitstag.

Spider (ansonsten bin ich Fan von Cronenberg), in der Spätvorstellung.

bloss fast eingedöst...
2007-11-28 22:19:37

Also ich bin von der Kälte in die Wärme eines gut beheizten ausserdem roteingerichteten und bestrahlten Kinos gekommen und das war so behaglich, dass der Film ratatouille wohl kaum etwas damit zu tun gehabt haben konnte, alles war so entspannend herrlich und süss - dass ich fast eingedöst bin vor schnurrender Zufriedenheit...

diefremde - diefremde [at] gmx.ch
2007-12-01 06:46:18

einmal ist es mir passiert, dass ich nicht nur ausschnitte, sondern den ganzen film verschlafen habe - und das obwohl ich vor dem fernseher oft einschlafe. "ein zimmer mit aussicht" von james ivory; da die kritiken für diesen film rundum gut waren, habe ich es tage später noch einmal versucht. no chance, ich bin wieder eingeschlafen ...
ansonsten kann es mal (eher selten) geschehen, dass ich passagenlang eindöse, aber dann liegt es an der müdigkeit ...

fremde

Passant
2007-12-04 00:47:29

"Titanic" ist zum einschlafen

Kamikaze Girl
2007-12-04 03:04:43

Eingeschlafen bin ich wirklich noch nie: Wenn die Filme schlecht sind, reg ich mich so darüber auf, dass ich augenblicklich knallwach bin.

Schnarchzapfen - morphy [at] gmx.ch
2007-12-05 09:11:32

L'annéé dernière à Marienbad hat sich als wunderbare Schlaftablette erwiesen. War viel zu intellektuell.

Und ein vietnamesischer Film namens Millenium Mambo hat mich ebenfalls mehr zum schlafen als zum wachen animiert.

Ein paar amerikanische Filme haben das auch hingekriegt: Wings of the Dove und The House of Myrth. Beides sehr ambitioniert und seeeehr öde.

Schnarch.

Pit
2007-12-05 18:16:42

"Dirty Dancing 2"

B. Struckli
2007-12-07 18:51:18

Der Musical-Film "A Chorus Line" ist nicht nur auf der Kinoleinwand eine Riesen-Schlaftablette; dieselbe wundersame Wirkung erziehlt der Film bei mir auch auf DVD.

Lorenz Trachsel - dodol56 [at] hispeed.ch
2007-12-08 19:49:57

„The Harder They Come“ mit Jimmy Cliff habe ich komplett durchgeschlafen, aber das sagt nichts, es war in der RS. Massstab für mich: Nie eindösen würde ich auch beim 100. Mal bei der Autoverfolgung von Bullit, der coole Steve McQueen mit genialen Rhythmuswechseln in der Berg und Talfahrt von S. Francisco. Eingedöst bin ich bei „Die Hard 4.0“ trotz Riesenaufwand an sog. action, weil alles so vorhersagbar. Eindösen ist für mich übrigens kein Kriterium für die Qualität von Filmen: ich döse regelmässig ein bei Tarkowski Filmen, die ich als sehr gut erachte. Erst im Dösezustand der alpha Hirnwellen erschliesst sich die Qualität der Sprache und Tonspur. Die durchgedöste Tonspur von „Fluch der Karibik“ (meine Tochter hat mich dazu verdonnert) war zum Beispiel nicht besonders anregend. Ich nehme an, dass mir der Film, hätte ich ihn denn geschaut, auch nicht wirklich gefallen hätte.

demotu - [at]
2007-12-09 00:54:04

Das ist sehr interessant, was dodol oben kurz anspricht: Gibt es Filme, bei denen man einschlafen muss oder soll?

Klar ist, dass mit der Tonspur oder mit dem Schnitt ja manchmal ein solcher Effekt beabsichtigt wird, aber immer nur kurzfristig. Epileptische Anfälle sollen auch provoziert werden können. Es gab schon Musik zum weghören (Satie?) und Filme ohne Handlung (Tati). Das Original Tetris hatte auf mich eine extrem beruhigende Wirkung, aber das ist ein Spiel. Wir sehen immer mehr sinnlose Projektionen (Weihnachtsbeleuchtung), aber ein "Film" muss offenbar immer irgend einen "Sinn" und "Handlung" haben. Die Medizin z.B: wäre ja froh um ein Mittel, mit dem man garantiert einschlafen könnte.

Zu B. Struckli und den DVD's:
Was derzeit in Zürich in den Wühlkörben so rumliegt gehört eindeutig als rezeptpflichtiges Schlafmittel in die Apotheke, vieles davon sogar vom Bundesamt für Seuchenbekämpfung eingezogen.

flo - florinderer [at] bluewin.ch
2007-12-12 09:34:29

bei jedem teil von «lord of the rings».

sømmerli - soemmerli [at] swissonline.ch
2007-12-12 10:36:02

Waterworld mit Kevin Costner.

theo
2007-12-14 09:42:22

Ich finde diesen Weblog zum einschlafen. Es genügt nicht, 1x im Monat eine These aufzustellen.
Und vorallem fand ich „Lust, Caution“ nicht einschläfernd, sondern [i]was da passiert zwischen den Figuren, das ist ganz grosses Kino, hochspannend, dramatisch, tragisch, exzellent gespielt.[/i]

adrian
2007-12-17 14:28:31

Genug der Koketterie! Haben Sie's wirklich nötig mit solchen Plattitüden um sich zu werfen? Sie kommen mir vor wie einer jener ungezählten IMDB commenters, die da quängeln: i want those 2 hrs of my life back.

adrian
2007-12-17 15:45:11

@ schnarchzapfen

wenn du mit 'L'année dernière' mühe hattest, kann ich dass unschwer nachvollziehen.

ging/geht mir nicht anders. trotzdem, meine ich, einer der grossartigtsten streifen, der je gedreht wurde.

re zu intellektuell: vergiss es

meinem verständnis nach ist das narrative nicht worum's bei dem film geht.
ergo erübrigt sich's zu hirnen was wie warum.

Das ganze ist vielmehr eine audiovisuelle komposition, (auch mit den ganzen wiederholungen, halt wie ein refrain, oder leitmotiv)

als solches wahrgenommen hat es natürlich eine ganz andere ontologische qualität,
ist auch dann nicht easy, da ja herkömmliche rezeptionsgewohnheiten
aufs gröbste brüskiert werden, als solches aber eben auch einzigartig & absolut 'däwert' es sich gemäss einer differenzierten Anschauung nochmals zuzumuten

Bart - lisasbruder [at] gmx.net
2007-12-26 16:37:12

Ich geh normalerweise raus, bevor ich einschlafe. Aber bei "Stranger than Paradise" von Jim Jarmusch war ich nicht schnell genug.

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